Osteuropa bemüht sich um Rückkehr seiner Arbeitskräfte [DE]
Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften veranlasst die Regierungen der neueren östlichen Mitgliedstaaten der EU dazu, Strategien zu entwickeln, um ihre Landsmänner aus den reicheren westlichen Ländern zurückzuholen. Oftmals jedoch liegen die Gehälter in ihren östlichen Heimatländern weit unter den Erwartungen der Arbeiter. Das Medien-Netzwerk EURACTIVs, das sich über Osteuropa erstreckt, fasst Berichte aus der Region zusammen.
Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften veranlasst die Regierungen der neueren östlichen Mitgliedstaaten der EU dazu, Strategien zu entwickeln, um ihre Landsmänner aus den reicheren westlichen Ländern zurückzuholen. Oftmals jedoch liegen die Gehälter in ihren östlichen Heimatländern weit unter den Erwartungen der Arbeiter. Das Medien-Netzwerk EURACTIVs, das sich über Osteuropa erstreckt, fasst Berichte aus der Region zusammen.
Trotz anhaltender Marktbeschränkungen in einer Reihe von älteren EU-Ländern finden Bulgaren und Rumänen Arbeit in der Union, oftmals auf dem Schwarzmarkt.
Wirtschaftswissenschaftlern zufolge entspreche das Geld, das diese Arbeiter zurück in ihre Heimat schickten, der Summe an ausländischen direkten Investitionen, die im selben Zeitraum in dem Land getätigt würden. Dennoch brauchen die beiden Länder nun ihre Auswanderer zurück, wenn diese die Wirtschaft in Schwung bringen sollen, statt nur ihren Familien dabei zu helfen, zu überleben.
Rumänische Jobmessen in Italien
Das rumänische Arbeitsministerium organisiert Jobmessen in Italien und Spanien, um rumänische Arbeitskräfte dazu zu bringe, in ihr Heimatland zurückzukehren. Die nächste Veranstaltung soll am 21. Juni 2008 in Turin, Italien, stattfinden. Im vergangenen Februar besuchten ca. 800 Rumänen, die in Italien arbeiten, eine ähnliche Messe, und Presseberichten zufolge kehrten etwa 100 Rumänen anschließend in ihre Heimat zurück, um dort zu arbeiten.
Der eher bescheidene Erfolg kann mit der Tatsache erklärt werden, dass die Unternehmen, die auf der Messe vertreten waren, den möglichen Rückkehrern Gehälter von 600 bis 700 Euro anbieten – was weit unter den Erwartungen der Wanderarbeiter liegt. Einige erklärten, sie würden nicht nach Rumänien zurückkehren, wenn ihnen nicht monatlich mindestens 1 000 Euro angeboten würden.
Die Gehälter in Rumänien erreichen dennoch ein attraktives Niveau für hochqualifizierte Ingenieure, die in der Lage sind, Projekte zu leiten, vor allem im Bereich Straßenbau. Die Wochenzeitung Financiarul zitierte den Manager des Unternehmens Colas SA, Stefan Hanganu, der sagte, dass solch hochqualifizierte Spezialisten bereits zwischen 2 000 und 3 000 Euro monatlich verdienten.
Solche Arbeitskräfte sind jedoch schwer zu finden. Eine jüngste Studie von Manpower Inc., einem auf Arbeitsvermittlung spezialisierten Unternehmen, zeigte, dass es in Rumänien derzeit weltweit am schwierigsten für ein Unternehmen ist, hochqualifiziertes Personal zu finden (EURACTIV vom 25. April 2008).
Viele Rumänen sind zwar bereit, in ihre Heimat zurückkehren, warten aber darauf, dass sich die Bedingungen dort verbessern. Eine Studie einer Agentur der rumänischen Regierung zeigte, dass ein Drittel der Rumänen, die in Italien leben, innerhalb der nächsten zwei Jahre nach Rumänien zurückkehren will. 31% wollen ein Haus in Rumänien bauen, 23% wollen dort ein Unternehmen gründen und nur 21% haben vor, länger als zwei Jahre in Italien zu bleiben. Fast alle stehen in engem Kontakt mit ihrem Heimatland und drei Viertel von ihnen besuchen es wenigstens einmal im Jahr. Für im Ausland lebende Bulgaren ist die Situation vergleichbar; die meisten von ihnen planen, zurückzukehren, wenn sie ausreichend verdient haben.
Gehälter für bulgarisches Krankenpflegepersonal und Ärzte haben sich verdoppelt
Arbeitsmigration trifft Bulgarien sogar noch stärker, da sein Arbeitsmarkt drei Mal kleiner ist, als der Rumäniens. Ein Vertreter der Kommission warnte kürzlich davor, dass die Arbeitsmigration es Bulgarien erschwere, die Vorteile des EU-Strukturfonds zu nutzen. Der akute Arbeitskräftemangel verursache Verzögerungen und gefährde Infrastrukturprojekte, sagte er der Tageszeitung Dnevnik zufolge.
Die Gehälter in Bulgarien sind noch niedriger als in Rumänien. Im Jahr 2006 verzeichnete Eurostat zufolge Bulgarien von allen 27 Mitgliedstaaten die geringsten Lohnkosten pro Stunde (1,65 Euro). Führend war Schweden mit einer 20 Mal höheren Zahl: 32,16 Euro. Derselben Statistik zufolge betragen die Lohnkosten in Rumänien pro Stunde von 2,68 Euro.
Große Sorgen bereitet auch die Tatsache, dass die niedrigen Gehälter die Emigration von medizinischem Personal aus Bulgarien nach sich ziehen. Bereits 29 000 Krankenschwestern und -pfleger haben das Land verlassen – etwa die Hälfte des in Krankenhäusern schätzungsweise benötigten Personals. Tatsächlich wird oft der Mangel an Krankenpflegepersonal für die hohe Sterblichkeitsrate verantwortlich gemacht, da es Arbeiter vorziehen, im Ausland auf dem Schwarzmarkt zu arbeiten und sich um ältere Menschen zu kümmern, vor allem in Griechenland und Italien.
Vergangene Woche hob die bulgarische Regierung die Löhne von medizinischem Personal um 90 bis 100% an. Die Entscheidung war umstritten, da sie bei Beschäftigen anderer Berufsfelder Erwartungen auf ähnliche Schritte weckte. Mediziner werden jedoch weiterhin vergleichsweise bescheidene Löhne erhalten: Ein erfahrener Arzt, der für ein staatliches Krankenhaus arbeitet, wird auch weiterhin nicht mehr als 500 Euro im Monat verdienen.
Eine Regierungsstrategie für Migration und Integration schlägt vor, dass die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte bulgarischen Ursprungs eine Priorität sein sollte. Da seit 1989 700 000 Bulgaren sowie mehrere Hundert ethnischer Bulgaren aus Mazedonien, Serbien, der Ukraine, Russland und der Republik Moldau ihre Länder verlassen haben, scheint diese Idee auf den ersten Blick interessant. Doch letztlich bleibt es problematisch, attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten anzubieten, da die Gehälter in den genannten Ländern oftmals höher sind als in Bulgarien.
NGOs in Bulgarien und Rumänien empfehlen, sozialschwache Bevölkerungsschichten wie die Roma in die Strategie einzubeziehen, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Dies kann jedoch nur ein langfristiges Ziel sein, da die meisten Unternehmen Roma für nicht beschäftigungsfähig erachten. Ein erster Schritt wäre, Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Roma zu verbessern. Programme sind in Arbeit, doch das Ergebnis bleibt abzuwarten.
Asiatische Arbeiter schließen die Lücke
Bulgarische Unternehmer begleiteten jüngst den Arbeitsminister des Landes auf eine Reise nach Vietnam, deren Ziel es war, die Bedingungen für die Einstellung von vietnamesischen Arbeitern im Bausektor zu erörtern. Laut Ivan Boykov, dem Vorsitzenden der Bulgarischen Baukammer, seien etwa 2 000 Stellen zu besetzen. Nun ist es Sache der Regierungen, zu verhandeln, wobei sie auch die negativen Erfahrungen der Vergangenheit in Erwägung ziehen müssen: In den 1980er Jahren waren bereits Tausende von vietnamesischen Arbeitern nach Bulgarien gekommen. Als die Wirtschaft zusammenbrach und sie nicht mehr benötigt wurden, wollten sie das Land jedoch nicht verlassen. Die Rückführung verlangte enorme Bemühungen seitens beider Länder.
Polen kehren nach Hause zurück
Studien zeigen, dass die Zahl der Rumänen, die bereit sind, im Ausland zu arbeiten, steigt; in Polen dagegen ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Schätzungen zufolge ist die Gesamtzahl der polnischen Arbeiter im Ausland höher als die im Ausland tätigen Bürger aller anderen neun osteuropäischen Länder zusammen. Sie sind besonders im Vereinigten Königreich zahlreich vertreten; viele von ihnen erledigen, wie dies eine britische Zeitung bezeichnete, den „100-Pfund-pro-Tag-Job“, den lokale Arbeiter nicht annehmen würden. Die polnische Wirtschaft wächst jedoch stetig und die Polen beginnen, nach Hause zurück zu kehren. Der Hauptgrund für diese Entwicklung ist, dass viele Polen eine Arbeitsstelle im Ausland akzeptieren mussten, die unter ihren Qualifikationen lag, jedoch wird ihnen nun ein qualifizierter Arbeitsplatz in ihrem Heimatland angeboten. Die Gehälter mögen niedriger sein als im Westen, doch das Leben ist zu Hause billiger.
Die Tatsache, dass weniger Bürger aus der Tschechischen Republik, der Slowakei oder Ungarn im Ausland arbeiten, wird im Allgemeinen als ein Zeichen dafür gesehen, dass ihre Volkswirtschaften wettbewerbsfähige Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Laut offizieller Statistiken arbeiten beispielsweise nur 76 400 Tschechen in EU-Ländern; tatsächlich könnte diese Zahl jedoch viel geringer sein, da viele ihre Verträge in Ländern wie dem Vereinigten Königreich beendet haben, sich jedoch bei den öffentlichen Behörden nicht abgemeldet haben. Obwohl Arbeitsmigration in diesen Ländern kein akutes Problem darstellt, sagten erfahrene Unternehmer EURACTIV Tschechien gegenüber, dass ihr Land dringend qualifizierte Arbeitskräfte benötigt – Ingenieure ebenso wie Bauunternehmen und Handwerker.
Die Sprachbarriere
Faktoren wie Sprachbarrieren werden ebenfalls als Hindernisse der Arbeitsmigration erachtet. Es gibt nicht viele Ungarn, die im Ausland tätig sind – etwa 70 000 bis 80 000 haben das Land verlassen, um in Westeuropa zu arbeiten. Presseberichten zufolge standen die meisten von ihnen während Vorstellungsgesprächen vor Sprachproblemen. Viele kehren inzwischen nach Ungarn zurück oder arbeiten in Nachbarländern und pendeln. Aufgrund ihrer geographischen Lage ziehen Ungarn, Polen, die Tschechische Republik und die Slowakei einen Nutzen aus grenzüberschreitendem Pendeln zum Arbeitsplatz und aus grenzüberschreitenden Geschäftsmöglichkeiten, was für Rumänien und Bulgarien problematisch ist.