Pionierzeit der russisch-deutschen Erdgaswirtschaft

Wiktor S. Tschernomyrdin, von 1992 bis 1998 Ministerpräsident der russischen Föderation unter Boris Jelzin, war Sonderbeauftragter für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den GUS-Staaten und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der OAO Gazprom. Wenige Tage vor seinem Tod am 3. November 2010 gab er der russischen Zeitschrift „Tribuna“ dieses Interview.

Der frühere russische Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin starb in Moskau im Alter von 72 Jahren. Foto: dpa/Archiv.
Der frühere russische Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin starb in Moskau im Alter von 72 Jahren. Foto: dpa/Archiv.

Wiktor S. Tschernomyrdin, von 1992 bis 1998 Ministerpräsident der russischen Föderation unter Boris Jelzin, war Sonderbeauftragter für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den GUS-Staaten und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der OAO Gazprom. Wenige Tage vor seinem Tod am 3. November 2010 gab er der russischen Zeitschrift „Tribuna“ dieses Interview.

Vor 20 Jahren begann eine neue Etappe in der Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland: der Vertrag über die gaswirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Gazprom und Wintershall kurz vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten stellte die Basis für ein absolutes Novum in der Erdgaswirtschaft dar – für die Kooperation von Partnern aus der russischen und deutschen Energiewirtschaft. Wie ist damals die Entscheidung  in dieser Form zusammenzuarbeiten gefallen?

TSCHERNOMYRDIN: Wie so oft, haben auch hier die Umstände die Entscheidung vorgegeben. Damals durchlebte die russische Gasbranche tief greifende strukturelle Veränderungen. Im Rahmen des knapp ein Jahr zuvor (8. August 1989) gegründeten staatlichen Gaskonzerns Gazprom regelten wir das Zusammenwirken zwischen den einzelnen Strukturen und erfüllten gleichzeitig weiterhin unbeirrt die Rolle eines verlässlichen und einschätzbaren Lieferanten von Erdgas, unter anderem auch für den Markt der westlichen Länder. Dabei musste dies weitestgehend sozusagen aus eigenen Kräften geleistet werden: Damals gab es keine Möglichkeit, große Kredite zu beschaffen; für Bautätigkeit und die Entwicklung der Infrastruktur mussten Mittel aus eigenen Ressourcen gefunden werden. Die Banken, darunter auch deutsche, erkannten erst etwas später in Gazprom einen zuverlässigen Kreditnehmer.

In Deutschland stellte sich die Situation folgendermaßen dar: Wir lieferten Gas für 170 Dollar je 1.000 Kubikmeter, und unsere Käufer verkauften es dann für 400 Dollar weiter. Das gefiel uns natürlich nicht, und wir boten Direktverkäufe an, was wiederum bei unseren Vertragspartnern keine Begeisterung auslöste, die durch dieses Ansinnen ihre Interessen bedroht sahen. Es musste also ein Ausweg gefunden werden. Und den fanden wir in der Partnerschaft mit der BASF. Mit dem Vertrag über die gaswirtschaftliche Zusammenarbeit und die daraus resultierende Gründung der Wintershall Handelshaus GmbH & Co. KG  bekam Gazprom erstmals einen direkten Zugang zum deutschen Erdgasmarkt, während die BASF ihre Gasversorgung als größter europäischer Gasverbraucher nachhaltig sicherte.

Welche Erinnerungen haben Sie als damaliger Vorstandsvorsitzender von Gazprom an die ersten Treffen mit den Vertretern der deutschen Seite? Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie zu kämpfen?

TSCHERNOMYRDIN: Neben den Problemen, die ich bereits angesprochen habe, gab es noch ein weiteres:  Für den Eintritt in den deutschen Markt war das Einverständnis der deutschen Behörden erforderlich. Zu Kanzler Helmut Kohl vorzudringen, gelang damals nicht, zumindest aber zum Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Ich zeigte ihm auf der Karte, wo sich die Lagerstätten befinden, welchen Weg das Gas zurücklegen muss, um zum Endverbraucher zu gelangen, erzählte ihm, wie viele Kosten das verursacht und wie man sie verringern kann. Ich versicherte ihm, dass wir nicht nur Gas fördern, sondern auch dessen zuverlässige Lieferung garantieren.

Genscher war ein weiser Politiker, ein interessanter Gesprächspartner und hatte sich ganz offensichtlich gut auf das Gespräch vorbereitet. Er hörte mir aufmerksam zu und fragte nach, für wen das in erster Linie von Vorteil wäre. „Ich denke, es würden alle davon profitieren, insbesondere Ihre Endverbraucher“, antwortete ich, „man muss nur auch unsere Situation sehen.“

Der deutsche Außenminister versprach, die Frage zu klären. Offen gesagt hatte ich meine Zweifel. Schließlich war es nicht sein Ressort, und die endgültige Entscheidung lag auch nicht bei ihm… Aber der Minister hielt sein Versprechen.

Schließlich wurden mit Wintershall die zwei Gemeinschaftsunternehmen WIEH und WINGAS gegründet. Danach mussten wir an den Bau einer eigenen Gasinfrastruktur auf dem Gebiet Deutschlands gehen, da man uns zu den bestehenden Rohrleitungen keinen Zugang gewähren wollte.

Welche Bedeutung hat nach Ihrer Ansicht die Zusammenarbeit mit Wintershall?

TSCHERNOMYRDIN: Es war ein wirklicher Durchbruch. Zum ersten Mal konnten wir unsere Produkte ausländischen Verbrauchern direkt anbieten.

Abgesehen davon, dass diese Zusammenarbeit einen weiteren Weg in den deutschen Markt geöffnet hat, hat sie auch diesen Markt selbst „aufgerüttelt“ und eine gehörige Portion Wettbewerb hineingebracht. Davor war er doch stark monopolisiert.

Heute ist ohne diese Zusammenarbeit der Gasmarkt sowohl in Russland als auch in Deutschland schwer vorstellbar. Schließlich umfasst sie die gesamte Wertschöpfungskette von der Exploration und Förderung des Erdgases in Westsibirien bis hin zum Transport, unter anderem über die im Bau befindliche Ostseepipeline Nord Stream, und zur Verteilung über die Gasnetze Deutschlands und anderer europäischer Länder. Darüber hinaus ist Deutschland der größte Verbraucher russischen Gases.

Welche Wesenszüge charakterisieren die Deutschen?

TSCHERNOMYRDIN: Wir in Russland kennen sehr gut Begriffe wie deutsche Qualität, deutschen Fleiß und deutsche Pünktlichkeit. Diese Eigenschaften finde nicht nur ich sympathisch. Ich bin von Natur aus ein ordentlicher Mensch, war immer ein Workaholic und halte Pünktlichkeit und die Fähigkeit zu akkuratem und fristgerechten Arbeiten für kaum zu überschätzende menschliche Eigenschaften. Wer würde denn auch nicht wollen, dass Arbeit in hoher Qualität ausgeführt wird.

Wie hat sich die Zusammenarbeit im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte entwickelt? Kann man sie erfolgreich nennen?

TSCHERNOMYRDIN: Hier sprechen die Fakten für sich. Wie soll man etwas schon sonst bezeichnen, das bei Null begonnen wurde und 20 Jahre später prosperiert? Denn genau das ist geschehen. Praktisch von Anfang an wiesen die von Gazprom und Wintershall gegründeten Gemeinschaftsunternehmen Wachstumszahlen auf, die über dem Branchendurchschnitt lagen. Bisweilen war dieses Wachstum sogar entgegen dem allgemeinen Abschwungtrend zu beobachten. So war es zum Beispiel auch im vergangenen Jahr, das von der Finanz- und Wirtschaftskrise gekennzeichnet war. Gegenwärtig verfolge ich die Entwicklung nicht mehr ganz so aufmerksam, aber wenn ich mich nicht täusche, konnte WINGAS 2009 trotz Finanz- und Wirtschaftskrise seinen Absatz weiter steigern. Wie soll man das anders nennen als Erfolg?

Welchen Stellenwert haben nach Ihrer Einschätzung internationale Gemeinschaftsprojekte im Gas- und Energiesektor? Gibt es ein Erfolgsgeheimnis für Zusammenarbeit?

TSCHERNOMYRDIN: Die Beispiele sind natürlich sehr vielfältig und in jedem einzelnen Fall spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle, dennoch glaube ich, dass es allgemeingültige Rezepte gibt, mit deren Hilfe man Erfolg erreichen kann. Ich bin überzeugt, dass das Wichtigste bei allen internationalen Kooperationen der beiderseitige Nutzen für die Partner ist, und dies gilt nicht nur für die Gasbranche oder den Energiesektor insgesamt.

Wie sehen Sie die Zukunft? Kann man diese Form der Zusammenarbeit als Modell bezeichnen, das sich auch weiterhin anwenden lässt?

TSCHERNOMYRDIN: Warum sollte man nicht wiederholen, was sich bereits einmal bewährt hat? Ich betone: Das Wichtigste ist das gegenseitige Interesse an dem geplanten Vorhaben.

Welche Signale für die Entwicklung der weiteren Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa erwarten Sie von den Politikern? Und was sind nach Ihrer Ansicht die Hauptprobleme, die Russland angehen muss?

TSCHERNOMYRDIN: Vielleicht klingt das jetzt unerwartet, aber die Politiker müssen aufhören, die bestehenden Probleme übermäßig zu politisieren, ohne Not zu versuchen, alles in irgendwelche Rahmen pressen oder regulieren zu wollen. Die Praxis zeigt, dass der Nutzen oft gering ist, die Logik fehlt, und am Ende entsteht nicht unwesentlicher Schaden.  

Gegenwärtig versucht zum Beispiel die Europäische Union mit allen Mitteln das sogenannte Dritte Energiepaket umzusetzen, das insbesondere einen geringeren Einfluss des Lieferanten auf die Transportsysteme vorsieht. Ich finde, dies ist eine Überspitzung, die weder der Entwicklung von Wettbewerb noch der Energieversorgungssicherheit dienen wird. Schließlich gerät hier in Gefahr, die langfristigen Verträge zu erfüllen.

Genau die sind es aber, die die Sicherheit gewährleisten. Die langfristigen Verträge benötigen aber auch ebensolche langfristigen Vereinbarungen über die Bereitstellung von Kapazitäten. Anderenfalls kann es dazu kommen, dass Gas, das vom Lieferanten über viele Tausend Kilometer angeliefert wurden, nicht zum Endverbraucher durchgelassen wird.

Würden Sie heute genauso handeln wie vor 20 Jahren?

TSCHERNOMYRDIN: Um mit Goethes Worten zu sprechen: „Aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen“. Wenn wir es aus der heutigen Warte betrachten, waren der Beginn und die Fortsetzung (hier von Vollendung zu sprechen, ist nicht angebracht) unserer Zusammenarbeit mehr als erfolgreich. Wir haben also damals eine weise Entscheidung getroffen und diese 20 Jahre nicht vertan. Eine angenehme Erkenntnis.

Wir dürfen uns jedoch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Geschäfte machen ist wie Fahrrad fahren: Sobald man aufhört in die Pedale zu treten, droht man umzufallen. Ich hoffe, dass der Jahrestag, den wir dieses Jahr mit den deutschen Partnern feiern, erst der Anfang eines noch langen gemeinsamen Weges ist.

Die Fragen stellte die russische Monatszeitschrift Tribuna. Das Interview wurde EURACTIV.de zur Verfügung gestellt.