Plädoyer für eine europäische Netzplanung

Der vielbeschworene europäische Strommarkt ist noch lange nicht in Sicht. Der Energieexperte Georg Zachmann skizziert auf EURACTIV.de, welche Schritte nötig wären: eine europäische Netzplanung und ein zonales System des internationalen Stromhandels - mit zentraler Optimierung.

Im Rahmen eines Konjunkturprogramms fördert die EU den Stromleitungsausbau zwischen Spanien und Frankreich mit 225 Millionen Euro. Der grenzüberschreitende Handel soll anziehen. Foto: NASA.
Im Rahmen eines Konjunkturprogramms fördert die EU den Stromleitungsausbau zwischen Spanien und Frankreich mit 225 Millionen Euro. Der grenzüberschreitende Handel soll anziehen. Foto: NASA.

Der vielbeschworene europäische Strommarkt ist noch lange nicht in Sicht. Der Energieexperte Georg Zachmann skizziert auf EURACTIV.de, welche Schritte nötig wären: eine europäische Netzplanung und ein zonales System des internationalen Stromhandels – mit zentraler Optimierung.

ZUR PERSON

" /Georg Zachmann ist Energie-Experte der Denkfabrik Bruegel. Zachmann berät Entscheidungsträger in der Ukraine und Weißrussland in Energiefragen.

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Der gemeinsame europäische Strommarkt ist ein Projekt, welches seit etwa 20 Jahren in Brüssel verhandelt wird.

Das Hauptargument für die Schaffung eines integrierten Marktes ist, dass aufgrund von Größenvorteilen und besserer internationaler Koordinierung Strom kostengünstiger, umweltfreundlicher und sicherer zur Verfügung gestellt werden kann – dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und erhöht den Wohlstand der Europäer.

Zur Erreichung dieses Zieles verabschiedete die EU bisher drei Gesetzespakete (1996, 2003 und 2009). Diese schufen in vielen Mitgliedsstaaten die Vorraussetzung für die Entstehung nationaler Strommärkte. Die Verknüpfung dieser nationalen Märkte zu einem einzigen gemeinsamen europäischen Strommarkt ist auf Basis der gegenwärtigen europarechtlichen Bestimmungen allerdings nicht zu erwarten.

Zurzeit wird üblicherweise jeder Mitgliedsstaat als eine Strompreiszone betrachtet. Das Hauptaugenmerk der europäischen Politik richtet sich dabei auf eine verbesserte Vergabe der begrenzten Kapazitäten grenzüberschreitender Stromleitungen, um die nationalen Strompreise einander anzugleichen. In diesem Zusammenhang soll ein multinationales Marktkopplungssystem die Versteigerung der Kapazitäten an einzelnen Grenzen bis 2015 ablösen.

Marktkopplungssystem lässt Chancen ungenutzt

Dabei übermitteln die nationalen Netz- und Marktbetreiber stundenscharfe Kerndaten an eine zentrale Stelle, welche basierend darauf die grenzüberschreitenden Stromflüsse optimiert. Dieses neue  – 2010 für die Verknüpfung von Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern geplante – System wird zu einer Angleichung der Preise und einer besseren Nutzung der grenzüberschreitenden Leitungskapazitäten führen. Allerdings wird das Marktkopplungssystem allein einen Großteil der vorhandenen Effizienzpotenziale nicht erschließen können:

1. Innerstaatliche Leitungsengpässe werden gegenwärtig durch nationale Umverteilung der Erzeugung gelöst, auch wenn es kostengünstiger wäre, bestimmte leicht regelbare grenznahe ausländische Kraftwerke in diesen Prozess miteinzubeziehen. Beispielsweise könnten niederländische Gaskraftwerke heruntergeregelt werden, um einen Ausgleich in Deutschland zu schaffen. 

2. Im gegenwärtigen System können Strompreise nicht als Hinweis für kostenoptimale Standortentscheidung von Kraftwerksinvestitionen herangezogen werden, da Strom in verbrauchsfernen Regionen die gleiche Vergütung erhält wie Strom der in industriellen Zentren hergestellt wird. Dies führt zum Überausbau in verbrauchsfernen Regionen, welcher einen teuren Netzausbau notwendig macht und zu höheren Leitungsverlusten führt.

3. Im gegenwärtigen System erfolgt der Leitungsausbau durch die nationalen Netzbetreiber. Diese beantragen bei den nationalen Regulierungsbehörden, die Kosten für den Netzausbau auf die einheimischen Kunden umlegen zu können. Da allerdings in Stromnetzen jeder nationale Leitungsausbau auf das gesamte internationale System zurückwirkt, wird eine nationale Kosten-Nutzen Bewertung nicht der realen Bedarfssituation gerecht.

Europäische Netzplanung und zonales System

Daraus lassen sich zwei Forderungen für die Schaffung eines integrierten Marktes ableiten, welcher in der Lage wäre, die hohen Effizienzpotenziale zu erschließen. Zum einen sollte eine gemeinsame bindende europäische Netzplanung etabliert werden, bei der die national anfallenden Kosten und Nutzen der Leitungsbauten so umverteilt werden, dass sich alle Staaten gegenüber dem Status quo besser stellen. Zum anderen wäre die Einführung eines zonalen Systems des internationalen Stromhandels mit möglichst kleinen Preiszonen und zentraler Optimierung wünschenswert.

Aufgrund der offensichtlichen Vorteile eines zonalen Systems mit zentraler Netzplanung und Steuerung ist zu erwarten, dass sich ein entsprechendes System langfristig etablieren wird. Je eher dies geschieht, desto weniger überflüssige Investitionen in langlebige Kraftwerke und Leitungen werden die Konsumenten mitbezahlen müssen.