Reiche Länder meiden UN-Ernährungsgipfel

Der Papst greift Lebensmittelkonzerne an. Berlusconi erinnert an G8-Versprechen. Der UN-Ernährungsgipfel in Rom war von dramatischen Appellen geprägt. Die Ergebnisse im Kampf gegen den Welthunger sind allerdings ernüchternd. Der Hungerstreik eines UN-Generaldirektors erregte weniger Aufmerksamkeit als Gaddafis Faible für hübsche Frauen.

Muammar Gaddafi und Silvio Berlusconi verstehen sich gut. Auch wenn der Italiener jungen Frauen keinen Koran schenkt. Foto: dpa.
Muammar Gaddafi und Silvio Berlusconi verstehen sich gut. Auch wenn der Italiener jungen Frauen keinen Koran schenkt. Foto: dpa.

Der Papst greift Lebensmittelkonzerne an. Berlusconi erinnert an G8-Versprechen. Der UN-Ernährungsgipfel in Rom war von dramatischen Appellen geprägt. Die Ergebnisse im Kampf gegen den Welthunger sind allerdings ernüchternd. Der Hungerstreik eines UN-Generaldirektors erregte weniger Aufmerksamkeit als Gaddafis Faible für hübsche Frauen.

Heute endet der "Welternährungsgipfel" in Rom. Während der libysche Staatschef Muammar Gaddafi mit "Bekehrungsversuchen" junger Frauen für ein bizarres Spektakel sorgte, sehen die Aussichten für die Bekämpfung des Welthungers weiter schlecht aus. Zwar sieht die Initiates file downloadAbschlusserklärung (Englisch) des Gipfels als strategisches Ziel die Beendigung des Hungers in der Welt vor, neue zeitliche Rahmen werden aber nicht genannt. Auch bei der Finanzierung der Hungerbekämpfung wurde keine Klarheit erreicht, was bei Entwicklungshilfe-Organisationen für Enttäuschung und Kritik sorgt.

Auch nach dem Gipfel in Rom gilt das Millenniumsziel der Vereinten Nationen,  die Zahl der hungernden Menschen bis 2015 zu halbieren. Zurzeit leiden mehr als eine Milliarde Menschen Hunger. Wie das Ziel erreicht werden soll, bleibt schleierhaft.

"Der Welternährungsgipfel unterstützt geschlossen die Förderung von armen Bauern, jedoch ohne konkret die Finanzierung, die Umsetzung und die Überprüfung der Ziele festzulegen. Leere Versprechen machen die Hungernden aber nicht satt", erklärte Marita Wiggerthale, Agrar-Expertin bei der Hilfsorganisation Oxfam. Die auf dem G8-Gipfel in Aquila versprochenen Hilfen in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar seien kaum "zusätzliche" Gelder. Gleiches gelte für den deutschen Beitrag zur Hungerbekämpfung.

G8-Staatschefs bleiben fern

Die reichen Länder mieden die Gesellschaft von Diktatoren wie Robert Mugabe, dem Präsidenten Simbabwes. Die Regierungschefs aller G-8-Staaten sagten ab, mit Ausnahme von Gastgeber Silvio Berlusconi. Allerdings wird Berlusconi unterstellt, er habe den Gipfel als willkommene Ausrede genutzt, um nicht vor einem italienischen Gericht erscheinen zu müssen. Der eigentlich geplante Gerichtstermin wird auf den 18. Januar verschoben – mehr Zeit für den italienischen Ministerpräsidenten, um Prozesse gegen ihn noch zu stoppen (Siehe EURACTIV.de vom 3. November 2009).

Der Gipfel stand also unter keinem guten Stern. Hochrangig vertreten waren vor allem Afrika, Lateinamerika und Asien. Aus Brasilien war Präsident Lula da Silva angereist. Deutschland wurde von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) vertreten.

Action Aid, eine NGO für die Armutsbekämpfung. kritisierte das Wegbleiben von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Barak Obama: "60 Präsidenten aus aller Welt sind in Rom zu dem Gipfeltreffen gekommem, aber wo sind die G8 Chefs? Die Abwesenheit zeigt, dass sie an der Suche nach einer weltumfassenden Lösung für die Hungersnot nicht interessiert sind, und besonders, dass sie die Situation nicht ernst genug nehmen", sagte ein Vertreter.

Dramatischer Appell an die Weltöffentlichkeit

Jacques Diouf, Generaldirektor der Welternährungsorganisation, hat mit drastischen Mitteln versucht, die internationale Aufmerksamkeit auf den Welthunger zu lenken. Am Wochenende trat er für 24 Stunden in den Hungerstreik. Diouf eröffnete den Gipfel mit den Worten: "Heute werden mehr als 17.000 Kinder an Hunger sterben. Alle 5 Sekunden eines. 6 Millionen Kinder im Laufe des Jahres. Wir müssen etwas machen."

Diouf betonte, dass sich die globale Ernährungssituation in den letzten Jahren verschlechtert hat. In Entwicklungsländern bleiben die Preise der Lebensmittel sehr hoch. Die Weltfinanzkrise habe das Problem noch verschlimmert: Arbeitsplatzverluste ließen die Armut wachsen.

Papst vs. Konzerne

Papst Benedikt XVI. beließ es nicht bei Appellen an die reichen Staaten, bei der Hungerbekämpfung zu helfen, sondern griff die Nahrungsmittelkonzerne und Rohstoffhändler an. Sie betrachteten Ernährung als bloße "Ware". Es sei notwendig, die Spekulation auf dem Nahrungsmittelmarkt zu beenden. Die Menschen müssten das "falsche Konsummodell" verlassen.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi erinnerte an die Versprechen des G8-Gipfels im italienischen L’Aquila im Sommer (Siehe EURACTIV.de vom 10. Juli 2009): "Wir müssen jetzt beschließen, wann und wie die versprochenen 20 Milliarden Dollar gegen den Welthunger verteilt werden." Diese Hilfe werde kleine Produzenten in Entwicklungsländern unterstützen, um dort die Produktivität zu erhöhen.

Wirbel um Gaddafi

Auf dem Gipfel kritisierte der libysche Präsident Muammar Gaddafi die Zustände auf den Nahrungsmittel-Märkten. "Das Saatgut ist das schwierigste Problem in Afrika. Teuflische Konzerne haben den Handel monopolisiert. Wir müssen das Monopol auf Saatgut beenden, die Welternährungsorganisation muss handeln." In Afrika würden ausländische Investoren alle Anbauflächen übernehmen. "Sie werden die neuen Großgrundbesitzer, die wir bekämpfen müssen." Außerdem machte der libysche Staatschef auf Umweltprobleme in Afrika aufmerksam – etwa die Trockenlegung des Nil-Deltas und des Tschad-Sees. Simbabwes Präsident Robert Mugabe nutzte die internationale Bühne, um den westlichen Staaten "Kolonialismus" vorzuwerfen und die Schuld an der Ernährungskrise in seinem Land auf andere zu schieben.

Abseits des Gipfels sorgte Gaddafi mit bizarren Aktionen für Aufsehen. Gaddafi bestellte hunderte italienische Hostessen zu zwei Treffen – gegen eine Entlohnung von jeweils 75 Euro. Wie italienische Medien berichten, sollten die Hostessen jung, hübsch, groß und blond sein – und über bestimmte Konfektionsgrößen verfügen. Anschließend schenkte Gaddafi seinen jungen "Gesprächspartnerinnen" einen Koran. Anwesenden Frauen zufolge legte Gaddafi ihnen den Beitritt zum Islam nahe.

Elisa Oddone

Links / Download

UN-Ernährungsgipfel: Initiates file downloadAbschlusserklärung (16-18. November 2009)

UN-Ernährungsgipfel: 
Offizielle Web-Seite