Sinn zur EZB-Politik: "Die kleinen Länder haben sich selbst bedient"

Der dauerhafte Krisenmechanismus (ESM) könnte die Euro-Zone destabiliseren, warnt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn im Interview mit EURACTIV.de. Euro-Bonds würden Deutschland überfordern. Griechenland müsse sofort umschulden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy auf dem EU-Gipfel. Entscheidend für die Stabilität der Eurozone sei die Ausgestaltung der Ratsbeschlüsse, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn gegenüber EURACTIV.de. Foto: Der Ra
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy auf dem EU-Gipfel. Entscheidend für die Stabilität der Eurozone sei die Ausgestaltung der Ratsbeschlüsse, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn gegenüber EURACTIV.de. Foto: Der Ra

Der dauerhafte Krisenmechanismus (ESM) könnte die Euro-Zone destabiliseren, warnt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn im Interview mit EURACTIV.de. Euro-Bonds würden Deutschland überfordern. Griechenland müsse sofort umschulden.

Zur Person

" /Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo-Institutes München und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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EURACTIV.de: Der EU-Gipfel hat einen dauerhaften Krisenmechanismus ab 2013 auf den Weg gebracht (EURACTIV.de vom 17. Dezember 2010). Sind die Maßnahmen geeignet, die Euro-Zone nachhaltig zu stabilisieren?

SINN: Das hängt davon ab, ob der Mechanismus als reine Liquiditätshilfe oder als Einrichtung zur Vermeidung einer Insolvenz ausgestaltet wird. Im ersteren Fall stabilisiert er den Euroraum. Im letzteren Fall destabilisiert er ihn, und zwar zum Ersten, weil er den Schuldensündern und ihren Gläubigern das Weitermachen erleichtert, und zum Zweiten, weil er einen weiteren Ansteckungsweg eröffnet, durch den sich die Krise eines Landes auf andere ausbreiten kann. Dann haften die anderen Länder und werden mit in den Strudel hineingezogen.

EURACTIV.de: Was halten Sie von der Idee, europäische Anleihen (Euro-Bonds) einzuführen, um die Finanzierung von Krisen-Ländern zu sichern?

SINN: Seit zwei Jahren diskutieren wir diesen Vorschlag von Tremonti. Die Vergemeinschaftung der Schulden würde Deutschland überfordern. Italien und Spanien können wir nicht retten, ohne selbst zu kippen.

EURACTIV.de: Müsste eine sofortige Umschuldung einzelner Krisen-Staaten vorgenommen werden, wie einige Ökonomen, Teile der FDP und der Verband der Familienunternehmer dies fordern?

SINN: Griechenland ist pleite. Wir brauchen die Umschuldung sofort. Sonst kommt das Land nie auf die Beine, und außerdem werden wir immer mehr schlechtem Geld gutes hinterher werfen.

EURACTIV.de:
Ist eine geordnete Insolvenz Griechenlands nicht mehr abzuwenden?

SINN: Nein, jedenfalls nicht ohne fremdes Geld.  

EURACTIV.de: Wie beurteilen Sie die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), Staatsanleihen von Krisen-Ländern aufzukaufen?

SINN: Das war höchst kritikwürdig. Es handelte sich um eine fiskalische Maßnahme, die nicht die Aufgabe der EZB ist. Mittlerweile haften wir über die EZB für über 70 Milliarden marode Staatsschulden. Hier haben sich die kleinen Länder, von denen ein jedes im EZB-Rat so viel zu sagen hat wie Deutschland, selbst bedient.

Interview: Opens window for sending emailAlexander Wragge

Links

Dokumente

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Rat: Opening remarks by President Herman Van Rompuy at the meeting of Heads of State or Government (16. Dezember 2010)

Rat: Gipfelbeschlüsse 16./17. Dezember

Bundesregierung: Pressestatement von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Rande des Europäischen Rates (16. Dezember 2010)

EU-Parlament: Legitimität und klare Regeln sind unabdingbar für einen effektiven Krisenmechanismus (16. Dezember 2010)

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