Tschechien und Slowakei: Auf die territoriale Spaltung ist die soziale gefolgt [DE]

Ein Eurostat-Bericht kam zu der überraschenden Schlussfolgerung, dass die Slowakei und die Tschechische Republik, welche bis Ende 1992 ein Land bildeten, sich elf Jahre später an ganz verschiedenen Enden der Armutsskala befinden, berichtet EURACTIV.sk. 

socialweek4.jpg
socialweek4.jpg

Ein Eurostat-Bericht kam zu der überraschenden Schlussfolgerung, dass die Slowakei und die Tschechische Republik, welche bis Ende 1992 ein Land bildeten, sich elf Jahre später an ganz verschiedenen Enden der Armutsskala befinden, berichtet EURACTIV.sk. 


Historischer Hintergrund

Auch zu Zeiten der Tschechoslowakei gab es ökonomische und soziale Unterschiede zwischen Tschechen und Slowaken. Das Durchschnittseinkommen und der Lebensstandard im tschechischen Teil des Landes waren etwas höher als im slowakischen. Die Zweiteilung des Landes traf die Slowakei wirtschaftlich   wesentlich härter als die Tschechische Republik. Die tschechische Wirtschaft profitierte von einer Industrie, die hochwertigere Produkte herstellte, und über besser ausgebildete Arbeitskräfte verfügte – unter anderem aufgrund der Tatsache, dass viele Slowaken, die im tschechischen Teil des Landes arbeiteten, auch nach 1993 dort blieben. 

Diese Unterschiede wirkten sich auf die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in beiden Ländern aus. Die tschechische Wirtschaft erwies sich als eine der dynamischsten in   der Visegrad-Gruppe (Tschechien, Ungarn, Slowakei und Polen) und zog mehr Investitionen aus dem Ausland an. Die Slowakei hinkte hinterher und auch die jüngsten ökonomischen und sozialen Reformen konnten bisher nichts daran ändern.


Unterschiedliche soziale Verhältnisse


Das Niveau der relativen   Armut steht im Zusammenhang mit   sozialen und Einkommensunterschieden.   Die Tatsache, dass die Mehrheit der slowakischen  
  weniger als 60% des medianen Einkommens (Eurostats Grenzschwelle zur Definierung von in relativer Armut lebender Menschen) verdienen, bedeutet,   dass es größere Gehaltsunterschiede gibt. 

Das trifft auf sowohl die Slowakei als auch auf Tschechien zu. Der oben angeführte Eurostat-Bericht benutzt zwei Indikatoren, um Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung zu erfassen:

  • Der Ginikoeffizient ist ein statistisches Maß für Verteilungsgleichheit im Wirtschaftsbereich (Wenn absolute Gleichheit herrschte, das heißt wenn jede Person das gleiche Einkommensniveau hätte, wäre der Ginikoeffizient 0%. Gehörte das gesamte Nationaleinkommen einer Person, würde der Ginikoeffizient 100% gleichen.) 
  • Anteilsverhältnis der Einkommensquintile (Verhältnis des Gesamteinkommens der 20% einkommensstarken Personen eines Landes zum Gesamteinkommen der 20% einkommensschwächsten Personen) 

In beiden Fällen gehört die Tschechische Republik zu den Ländern mit den geringsten Unterschieden   (zusammen mit Slowenien, Schweden, Ungarn und Dänemark). Die Slowakei, sowie Griechenland, Großbritannien, Estland und Lettland, gehört zu den Ländern mit den größten Unterschieden. 


Unterschiedliche Sozialsysteme 


Unterschiedliche historische Erfahrungen und Einkommensniveaus können die Unterschiede beim relativen Armutsverhältnis und die Ungleichheit der Einkommensverteilung nicht vollständig erklären. Das ergibt sich aus dem Eurostat-Vergleich zum Einfluss von Sozialtransfers auf die Armutsgefährdungsquote in verschiedenen EU-Ländern. Diesen Einfluss berechnet man als Unterschied zwischen der Armutsquote in einer hypothetischen Situation ohne jegliche Sozialtransfers (außer Renten) und der tatsächlichen Armutsquote. Mit anderen Worten zeigt dieser Kennwert, wie viele Menschen durch Sozialtransfers vor der Armut „gerettet“ werden.
 

In der Slowakei liegt dieser Kennwert unter dem EU-Durchschnitt. Sie steht an sechster Stelle nach Griechenland, Spanien, Italien, Zypern und Malta. Die tschechische Republik weist   nach Dänemark und Schweden das drittbeste Ergebnis auf.


Der Indikator “Armutsgefährdungsquote vor Sozialtransfers” muss allerdings mit einiger Vorsicht ausgelegt werden, da einige andere Transfers, die eine Erhöhung des verfügbaren Einkommens von Haushalten und Personen bewirken könnten, nicht mit einberechnet werden. Außerdem wird die Armutsgefährdungsquote vor Sozialtransfers mit der nach den Transfers bei Annahme der Ceteris-paribus-Bedingung verglichen – das heißt, dass angenommen wird, das Haushalts- und Arbeitsmarktstrukturen gleich bleiben. Jedoch zeigt dieser Vergleich die verschiedenen Ansätze bei Sozialdienstleistungen in den EU-Ländern und ihre Auswirkung auf das relative Armutsniveau. 



OECD-Indikatoren 



Auch die OECD-Statistiken zeigen Unterschiede auf. Ein Vergleich der OECD sozialer Indikatoren für die Slowakei und die Tschechische Republik für 2001 und 2002 zeigt, dass öffentliche Ausgaben für Sozial- und Gesundheitspolitik (im prozentualen Verhältnis zum BIP) in der Tschechischen Republik höher als in der Slowakei sind. Es ist zu beachten, dass diese Zahlen die Situation in der Slowakei vor den jüngsten Sozialreformen, die einen weiteren Transferabbau beinhalteten, beschreiben. 

CZ_SK_OECD.jpg

Angesichts der Wahlen, die 2006 in Tschechien stattfinden sollen, stehen Diskussionen über das Sozialsystem und soziale Ausgaben wieder ganz oben auf der politischen Tagesordnung. Der Vergleich mit dem Nachbarn wird immer öfter als politisches Argument eingesetzt. Die tschechische Mitte-Rechts-Opposition benutzt das „slowakische Model“ – Deregulierung des Arbeitsmarkts, Abbau von Sozialausgaben, einheitliche Steuern, Rentenreform und Akzent auf Kapitalisierung – als ein Vorbild, dem man folgen sollte. Tschechische Sozialdemokraten hingegen weisen auf die sozialen Konsequenzen einer solchen Politik hin. Die slowakische Mitte-Rechts-Regierung stellt die slowakischen Reformen als einen Weg dar, den früher oder später ganz Europa einschlagen muss, um auf globaler Ebene wettbewerbsfähig zu bleiben. Andererseits sehen die Sozialdemokraten, die in der Slowakei in der Opposition sind, das tschechische System als ein Beispiel dafür, dass auch mit einer bewussten Sozialpolitik ökonomisches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit erzielt werden können.

Dieser Artikel wurde von 
Euractiv.sk
, dem slowakischen Partnerportal von EURACTIV, verfasst.