"Unternehmerinnen sind eine weitgehend unerschlossene Ressource"
Frauen und Mädchen werden in der Entwicklungspolitik allzu oft vernachlässigt, hieß es bei den EU Development Days. Dabei sei das Potenzial weiblicher Unternehmerinnen riesig.
Frauen und Mädchen werden in der Entwicklungspolitik allzu oft vernachlässigt – obwohl sie in Entwicklungsfragen häufig an vorderster Front stehen. Lediglich zwei Prozent der gesamten Entwicklungshilfe werden für Maßnahmen im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Geschlechter ausgegeben, hieß es auf einer Konferenz in Brüssel.
„Empowering women and girls“ war das Thema der Europäischen Entwicklungstage (European Development Days, EUDD) in Brüssel am Dienstag und Mittwoch vergangener Woche. Die Mehrheit der Teilnehmer an den Diskussionen und Veranstaltungen waren Frauen. Allein das war für die meisten der über 6.000 Delegierten an sich schon eine willkommene Abwechslung und frischer Wind.Der Schwerpunkt der Veranstaltung lag dabei auf der Förderung der finanziellen Eingliederung und der ökonomischen Befähigung von Frauen.
Die Geschäftsführerin der Weltbank, Kristalina Georgieva, zitierte eine Studie der Weltbank, wonach die Weltwirtschaft jedes Jahr rund 160 Billionen US-Dollar ungenutzt lässt bzw. verliert, weil Frauen nicht eingebunden oder schlicht unterbezahlt werden. Georgieva erinnerte auch daran, dass es „in 104 Ländern rechtliche Hindernisse für Frauen gibt, in einigen Berufen zu arbeiten“. In Frauen zu investieren sei nicht nur das Richtige, sondern auch das Klügste, stimmte EU-Entwicklungskommissar Neven Mimica zu.
Frauen besseren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten bieten
Eine stärkere finanzielle Eingliederung von Frauen ist eine der Prioritäten in der Entwicklungspolitik: Das Thema ist in sieben der 17 von den Vereinten Nationen vereinbarten Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) verwoben.
„Das Unternehmertum von Frauen ist eine weitgehend unerschlossene Ressource,“ sagte Elizabeth Nelson, Vizepräsidentin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE). Sie betonte, es sei überaus wichtig, den Zugang von Frauen zu Finanzmitteln in Entwicklungsländern zu verbessern. „Wir brauchen nachhaltige Bankdienstleistungen in den Ländern, in denen wir Finanzierungen anbieten wollen,“ so Nelson weiter.
Allerdings gibt es eine Vielzahl von Politikbereichen, die angegangen werden müssen, wenn diese Ziele erreicht werden sollen. So wies Nelson darauf hin, dass in der Türkei und in Nordafrika Untersuchungen ihrer Behörde ergeben hätten, dass Frauen deutlich höhere Hürden zu überwinden haben als Männer, wenn es darum geht, eine Unternehmensfinanzierung zu sichern. Oft müssen sie höhere Zinssätze zahlen und/oder mehr Kreditsicherheiten vorweisen.
Steuerhinterziehung, Landrechte und Empowerment
In anderen Podiumsdiskussionen bei den EDD wurden weitere themenübergreifende politische Fragen aufgeworfen, die Auswirkungen auf die Stärkung der Rolle der Frauen haben können. So wurde beispielsweise das Thema Steuern als ein Schlüsselelement hervorgehoben: „Wir erkennen inzwischen die starken Verbindungen zwischen Steueroasen und Frauenrechten,“ betonte beispielsweise Tove Ryding vom European Network for Debt and Development (Eurodad). Sie erläuterte: „Wenn keine Steuern eingetrieben werden, dann leiden die öffentlichen Dienste – und die Rechte der Frauen stehen dabei meist an erster Stelle.“
Für Peter Sands, Exekutivdirektor des Global Funds, muss die Stärkung von Frauen schon viel früher beginnen: „Wenn wir Frauen stärken wollen, dann müssen wir sie zunächst besser schützen; und der Schutz vor Krankheiten ist dabei ein Ausgangspunkt,“ sagte er.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Landrechte ist ebenfalls eine Herausforderung: In Afrika südlich der Sahara beispielsweise machen Frauen nur 15 Prozent der Landbesitzer aus. Zudem haben in Subsahara-Afrika gerade einmal halb so viele Frauen wie Männer Bankkonten.
Beim Thema Gleichstellung behutsam vorgehen
Dennoch warnte Georgieva, man dürfe nicht vorschnell handeln. Sie verwies dabei auf Pläne zur Einrichtung von Bankkonten für Frauen, bei denen die Weltbank später feststellen musste, dass die meisten dieser Konten inaktiv waren und nicht genutzt wurden.
„Wenn Sie voreilig handeln, können Sie die Befähigung und Einbeziehung von Frauen auch gefährden. Man muss immer genau darüber nachdenken, was getan wird und wie es getan wird. Frauen einzubinden bedeutet, alle einzubinden,“ mahnte die Weltbankchefin an.