Verbraucherverband: EU-Lebensmittelkennzeichnung wird Herausforderung
Agustín Reyna, der neu ernannte Generaldirektor des Europäischen Verbraucherverbands (BEUC), hat gegenüber Euractiv betont, dass die Lebensmittelkennzeichnung eine Herausforderung für die neue Europäische Kommission sein wird. Er fordert "politischen Mut".
Agustín Reyna, der neu ernannte Generaldirektor des Europäischen Verbraucherverbands (BEUC), hat gegenüber Euractiv betont, dass die Lebensmittelkennzeichnung eine Herausforderung für die neue Europäische Kommission sein wird. Er fordert „politischen Mut“.
Der Chef von BEUC, einem Dachverband von 44 Verbraucherorganisationen aus 31 Staaten, sagte, die nächste Europäische Kommission müsse die „unerledigten Aufgaben“ der vorherigen in Bezug auf die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln angehen und den „Widerstand gegen Veränderungen“ in der gesamten Lieferkette bekämpfen.
„Es gibt eine Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigeren Lebensmittelsystemen“, sagte Reyna und forderte die EU auf, mehr zu tun, um diese Erwartungen zu erfüllen, denn „der Markt tut es nicht“.
Ausgangspunkt sei die „Farm-to-Fork“ Strategie des Green Deals, welche als Flaggschiff der EU-Politik für umweltfreundlichere Lebensmittel gedacht war, jedoch mehrere Versprechen nicht erfüllt habe.
Reyna bedauerte, dass die derzeitige Kommission es versäumt habe, Schlüsselelemente der Strategie wie ein Gesetz zu Lebensmittelsystemen und eine verpflichtende EU-weite Nährwertkennzeichnung vorzulegen.
„Wir warten darauf“, sagte er und warnte davor, dass das größere Gewicht rechter Parteien im neuen Europäischen Parlament die Sache komplizierter machen könne.
„Ich bin mir nicht sicher, ob wir den nötigen Schub [vom Parlament] bekommen werden“, fügte er hinzu und verwies auf den vergangenen Widerstand konservativer Gruppen gegen eine Beschleunigung des ökologischen Wandels.
Schwieriger Kompromiss
Das Versprechen der EU-Kommission, die Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln in der gesamten Union zu harmonisieren, war eines der fehlenden Elemente der „Farm-to-Fork“ Strategie und steht ganz oben auf der Prioritätenliste des Verbraucherverbandes für die nächste Amtszeit.
Eine Studie der Kommission im Jahr 2020 hat ergeben, dass Nutri-Score – ein farbcodiertes System, das Lebensmittel nach ihrem Nährwert einstuft – der beste Kandidat für ein EU-weites Modell ist.
Reyna sagte, die europäischen Verbraucher bräuchten ein solches System, aber die Ampelkennzeichnung stoße in einigen Mitgliedstaaten auf starken Widerstand.
Eine weitere offene Debatte auf EU-Ebene ist die Kennzeichnung von alkoholischen Getränken, wo zwei erwartete Vorschläge zu Nährwertangaben und Gesundheitswarnungen ebenfalls gescheitert sind.
Während die Alkoholindustrie digitale Etiketten als gute Lösung für die Bereitstellung von Verbraucherinformationen sieht, warnte Reyna vor den Nachteilen von QR-Codes.
„Man stelle sich vor, in einen Supermarkt zu gehen und jedes einzelne Produkt zu scannen“, sagte er und fügte hinzu, dass die Suche nach Informationen auf Websites mehr Zeit in Anspruch nehme und für Menschen ohne Smartphone oder digitale Kenntnisse schwierig sein könne.
Eine weitere offene Frage ist die mögliche Ausweitung der obligatorischen Herkunftskennzeichnung auf andere Lebensmittel, da eine Gruppe von EU-Mitgliedstaaten die Europäische Kommission kürzlich aufgefordert hat, einen Vorschlag zu diesem Thema vorzulegen.
Die EU schreibt die Herkunftskennzeichnung derzeit nur für bestimmte Produkte wie Eier, frisches Obst und Gemüse, Honig, Olivenöl und bestimmte Fleischsorten vor.
Reyna unterstützte den Vorstoß der Mitgliedstaaten und sagte, dass zumindest Fleisch und Milch, die als Zutaten in verarbeiteten Lebensmitteln verwendet werden, in einen solchen Vorschlag einbezogen werden sollten.
Neuordnung der Lebensmittelkette
Die angeblich ungerechte Verteilung von Kosten und Nutzen in der Lebensmittelkette war eines der Hauptthemen der Protestwelle von Landwirten in der gesamten EU zu Beginn dieses Jahres, eine Sorge, die laut BEUC auch von den Verbrauchern geteilt wird.
„Verschiedene Akteure in der Versorgungskette […] bekommen ein größeres Stück vom Kuchen, und das bedeutet, dass die Kosten an die Verbraucher weitergegeben werden, was zu sehr hohen Preisen in den Supermarktregalen führt“.
Reyna räumte ein, dass es schwierig sein könne, genau zu bestimmen, welche Akteure – Lebensmittelhersteller, Verarbeiter, Einzelhändler oder Logistiker – für die Übergewinne verantwortlich sind. Gleichzeitig forderte er jedoch die EU auf, die Gewinnmargen unter die Lupe zu nehmen und gegen die Konzentration in der Branche vorzugehen.
„Die Unternehmen haben viel politische Macht […] und es gibt viel Widerstand, ihre Arbeitsweise zu ändern, und das schafft ein sehr schwieriges Terrain, durch das die nächste Kommission navigieren muss“, sagte er.
Hoffnungen
Das Ziel nachhaltigerer Lebensmittelsysteme wird laut Reyna eine zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre sein, denn „der Übergang wird Geld kosten“.
Das Thema müsse im Mittelpunkt des „Strategischen Dialogs“ der Kommission stehen, einer Initiative, die Interessengruppen der Agrar- und Ernährungswirtschaft zusammenbringen und bis Ende des Sommers zu Schlussfolgerungen führen soll.
„Es ist bereits ein sehr gutes Signal der Kommission, alle an einen Tisch zu bringen“, sagte Reyna und fügte hinzu, die große Frage sei, wie der Dialog im nächsten Mandat umgesetzt werden solle.
Der Europäische Verbraucherverband ist der Ansicht, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU überarbeitet werden sollte, um zu verhindern, dass Subventionen in die umweltschädlichsten Aktivitäten fließen.
Reyna sagte, die EU müsse mehr tun, um die Märkte zu strukturieren und die Preisbildung so zu beeinflussen, dass die nachhaltigsten Optionen gefördert würden.
Aber „das erfordert viel politischen Mut“.
[Bearbeitet von Angelo Di Mambro/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]