Wanted: Fokus der EU-Energiepolitik
Anstatt einen „Alles-Ansatz“ in der Energiepolitik zu verfolgen, sollte die EU eine 2050-Vision entwickeln. Subventionen für Kohle und Atom-Technologien sind einzustellen. Ein Standpunkt von Frauke Thies, Greenpeace.
Anstatt einen „Alles-Ansatz“ in der Energiepolitik zu verfolgen, sollte die EU eine 2050-Vision entwickeln. Subventionen für Kohle und Atom-Technologien sind einzustellen. Ein Standpunkt von Frauke Thies, Greenpeace.
In der EU-politischen Diskussion ist es keine Frage mehr, dass Europas Energieversorgung in den nächsten 40 Jahren weitgehend emissionsfrei werden muss. Der Europäische Rat hat sich im Oktober 2009 eine 80-95-prozentige Reduktion der europäischen Treibhausgasemissionen bis 2050 zum Ziel gesetzt, und EU-Kommissionspräsident Barroso hat die vollständige “Dekarbonisierung” des Stromsektors zur Priorität für die neue Kommission erklärt. Weniger Klarheit besteht allerdings darüber, wie diese Vision erreicht werden soll.
Gegenwärtiger „Alles-Ansatz“
Gegenwärtig ist in der europäischen Energiepolitik anstelle einer Strategie eher ein „Alles-Ansatz“ zu erkennen: Politische Maßnahmen wie der Europäische Strategieplan für Energietechnologie fördern im Stromsektor sowohl erneuerbare Energien und Energieeinsparungen, als auch die Fortschreibung der bestehende Kraftwerkstruktur mit Atomkraft und Kohlekraftwerken, deren Emissionen in Zukunft einmal durch Kohlenstoffspeicherung aus der Atomsphäre gehalten werden sollen. Dieser Ansatz ist jedoch aus vielen Gesichtspunkten unstrategisch.
Dies ist zunächst der Fall, weil Atomkraft und Kohlenstoffspeicherung selbst mit Problemen behaftet sind. Die Technologie zur Kohlenstoffabspaltung und -speicherung ist nicht großtechnisch erprobt, und es ist zweifelhaft, ob sie jemals in einem größeren Rahmen verfügbar sein wird. In jedem Fall aber wird sie immer mit Effizienzeinbußen verbunden sein und könnte die Kraftwerkskosten verdoppeln.
Gleichzeitig belegen unzählige Störfälle die Unsicherheit der Atomkraft, eine Lösung für die hochradioaktiven Abfälle ist nicht in Sicht, und Kernenergie ist trotz jahrzehntelanger Subventionen unwirtschaftlich.
Sicher und sauber
Dagegen sind erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen sicher und sauber. Die Investitionskosten sind in der Anfangsphase auch für erneuerbare Energien höher als für konventionelle fossile Stromerzeugung. Diese Investitionen zahlen sich jedoch nicht nur durch die Unabhängigkeit von Brennstoffkosten, sondern auch durch regionale Wirtschaftsentwicklung und die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze für Europa aus.
Auch aus technischer Perspektive ist der „Alles-Ansatz“ nicht sinnvoll. Erneuerbare Energien und eine effiziente Energienutzung bedeuten eine moderne Struktur des Stromsektors, die Schwankungen von Stromversorgung und –verbrauch flexibel und zuverlässig managt.
In einem erneuerbaren Strom-Mix können intelligente Netztechnologie, überregionaler Versorgungsausgleich, die Anpassung der Stromnachfrage von industriellen Prozessen und Haushaltsgeräten und der Einsatz flexibler Stromproduktion aus Pumpwasserkraft, Gas oder Biogas auch bei schwachen Wind- oder Sonnenverhältnissen die Versorgungssicherheit in Europa gewährleisten.
Strategische Energievision
Atom- und Kohlekraftwerke sind zentralisiert und weitgehend unflexibel. Sie sind darauf ausgerichtet, möglichst durchgehend Strom zu liefern, und können ihre Produktion nur begrenzt oder unter hohen Kosten auf die Verfügbarkeit anderer Stromproduktions- oder Nachfragemuster abstimmen. Die Nutzung dieser Kraftwerke ist deshalb mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien nicht sinnvoll vereinbar.
Darüber hinaus zeigt die reale Marktentwicklung schon heute einen klaren Trend: Während die Kapazität von Kohle- und Atomkraftwerken in den letzten 10 Jahren deutlich abgenommen hat, ist die installierte Kapazität der erneuerbaren Energien in Europa konsistent gewachsen. Insbesondere Windenergie und Photovoltaik machen zusammen mit Gaskraftwerken den größten Anteil neuer Kraftwerkskapazität aus.
Um diesen Markttrend zu beschleunigen, sollte Europa sich mit der Entwicklung einer 2050-Vision für den Energiesektor einen strategischen Fokus für eine vollständig erneuerbare Energieversorgung setzen.
Europäische Entscheidungsträger können solch eine vollständig erneuerbare Energieversorgung einleiten, indem sie heute – im Zuge des angekündigten Energie-Infrastrukturpaketes – die Rahmenbedingungen und Anreize für Investitionen in intelligente Stromnetze, Nachfragemanagement, Energieeffizienz und die gezielte Nutzung von Speichertechnologien und die Förderung erneuerbarer Energietechnologien setzen. Schließlich sollten europäische Regierungen, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament alle Subventionen für Kohle und Atom-Technologien einstellen, die dem Fokus für eine erneuerbare Energieversorgung im Weg stehen.
Der Autor:
Frauke Thies ist EU Energy Policy Adviser bei der Greenpeace European Unit.
Weitere Informationen: www.greenpeace.org