Weniger Investitionen: düstere Aussichten für britische Wirtschaft

Ein starker Binnenkonsum und gute Exportzahlen lassen die britische Wirtschaft wachsen. Dennoch zeigt sich ein düsteres Bild für die Zukunft.

EURACTIV.fr
crank_shaft_car_CREDIT[Redfox1980_Shutterstock]
Bauteile für Kurbelwellen werden in Frankreich hergestellt, in Großbritannien zusammengebaut und dann in Autos verwendet, die in Deutschland produziert werden. [<a href="https://www.shutterstock.com/fr/image-photo/crank-shaft-646378201?src=dwoj2Qnx89XCGi40iTNxmA-1-43" target="_blank" rel="noopener">[Redfox1980/Shutterstock]</a>]

Ein starker Binnenkonsum und gute Exportzahlen aufgrund des schwachen Pfunds haben die britische Wirtschaft wachsen lassen. Doch ein Rückgang der Investitionen zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft. Ein Bericht von EURACTIV France.

„Ich muss sagen, wir Ökonomen lagen alle falsch“. Für Marie Albert, Leiterin Länderrisko bei der Geschäftsanalytik-Organisation Coface, war das fortgesetzte Wachstum der britischen Wirtschaft nach dem Brexit-Referendum eine Überraschung.

Eine finale Diagnose steht aber noch aus. Ein Jahr nach dem Referendum hat das tatsächliche Ausstiegsverfahren noch nicht begonnen. Im Laufe dieses Jahres ist das Pfund um durchschnittlich 10 Prozent gefallen. „Das ist bisher das deutlichste wirtschaftliche Zeichen für den Brexit“, so die Expertin. Durch die schwächere Währung konnten britische Betriebe ihre Produkte einfacher exportieren. Allerdings sei der Effekt moderat gewesen: Coface schätzt, dass die Exporte aus Großbritannien dadurch um lediglich 1,6 Prozent zunahmen.

Dynamischer Konsum

Was jedoch unerwartet kam, war der Konsum der britischen Haushalte, der 2016 um 2,8 Prozent anstieg und somit einen wesentlichen Beitrag zum Gesamtwachstum leistete. Im gleichen Zeitraum stiegen die Schulden um 10 Prozent, was zeigt, dass die Briten scheinbar nicht allzu viel Angst vor der Zukunft haben.

Der dynamische Binnenkonsum wird jedoch nur kurz anhalten: die Inflation steigt, Investitionen werden weniger – um 1,5 Prozent in 2016 – und Geschäftskosten steigen aufgrund des schwachen Pfunds.

„Eigentlich ist die derzeitige Situation ein Paradox: die Firmen schreiben Rekordgewinne, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, aber es gibt trotzdem weniger Investitionen”, so Albert. Sie warnt, die tatsächlichen Effekte des Brexit würden sich wohl erst nach 2018 bemerkbar machen.

Drei Risiken

Die drei Hauptfelder, in denen wirtschaftliche Schocks erwartet werden, bleiben die selben: Die Importe des Vereinigten Königreichs kommen zu 38 Prozent aus der EU, und 46 Prozent der Exporte gehen nach Europa. Was auch immer die genaue Situation nach dem Brexit sein wird, die Kosten für britische Betriebe werden steigen. Im besten Fall, wenn ein Handelsabkommen wie das zwischen Norwegen und der EU erzielt wird, würden die Exporte immer noch um 6 Prozent fallen. In einem anderen Szenario wären 8 Prozent bis 2030 wahrscheinlicher.

Zweitens: Direktinvestitionen aus dem Ausland sind bereits zurückgegangen; sie könnten nach dem Ausstieg aber um 22 Prozent abstürzen. Das würde vor allem einige der stärksten Wirtschaftsfelder der Briten treffen, darunter die Wissenschaft sowie die Finanz-, Pharma- und Automobilindustrien.

Die weitreichendsten Auswirkungen wird aber wahrscheinlich die neue Immigrationspolitik haben. „Die Reduzierung der Migration aus Europa ist ein echtes Problem. Wir werden höchstwahrscheinlich einen Mangel an hochqualifizierten europäischen Arbeitern haben“, erwartet Albert. EU-Bürger machen 45 Prozent aller Migranten nach Großbritannien aus. Viele von ihnen werden nicht einfach durch Briten ersetzt werden können. „Wenn Immigration derart beschränkt wird, wird Großbritannien viele großartige Nachwuchstalente verlieren.“ Besonders betroffen wären die Landwirtschaft, die Bau- und Logitstiksektoren sowie die Metall-, Textil- und Autoindustrie.