Wenn kein Wunder geschieht: Hohe Inflation oder Euro-Bonds
Der deutsche Steuerzahler hat die Wahl, meint der US-Ökonom Barry Eichengreen. Entweder er akzeptiert eine höhere Inflation oder Euro-Bonds. Die Euro-Krise drehe sich im Kern nur noch um ein Land: Italien. Auch Chiles Ex-Finanzminister Andrés Velasco wirft einen Blick in die Zukunft der Währungsgemeinschaft.
Der deutsche Steuerzahler hat die Wahl, meint der US-Ökonom Barry Eichengreen. Entweder er akzeptiert eine höhere Inflation oder Euro-Bonds. Die Euro-Krise drehe sich im Kern nur noch um ein Land: Italien. Auch Chiles Ex-Finanzminister Andrés Velasco wirft einen Blick in die Zukunft der Währungsgemeinschaft.
Der US-amerikanische Wirtschafts-wissenschaftler Barry Eichengreen (University of California, Berkeley) bezweifelt, dass sich die Euro-Krise mit den derzeitigen Maßnahmen lösen lässt. Die Krise drehe sich nur noch um einen einzigen Punkt, schreibt Eichengreen in einem Kommentar (17. August 2011) für die Internet-Plattform "Eurointelligence": "Italiens Verschuldung könnte untragbar sein."
Die Problematik besteht laut Eichengreen darin, dass Italien für den Rettungsschirm EFSF zu groß sei. Dieser wäre mit einem Hilfsprogramm für Rom überfordert. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe deshalb mit dem Erwerb italienischer Staatsanleihen "Zeit gekauft". Diese Zeit müssten die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone nun nutzen, um endlich "harte" Entscheidungen zu treffen.
Seit Anfang letzter Woche kauft die EZB italienische und spanische Staatsanleihen, um den Anstieg der Kreditkosten beider Länder zu stoppen. Am Dienstag teilte die EZB mit, sie habe insgesamt 22 Milliarden Euro in Staatsanleihen investiert, ohne genauere Angaben zu machen, um welche Papiere es sich dabei handelt.
Italiens Erholung auf der Kippe
Eichengreen rechnet nicht damit, dass die Reform- und Sparanstrengungen Italiens ausreichen, um das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Verschuldung zu stabilisieren. Schlechte Wirtschaftsdaten aus anderen Teilen der Welt hätten das von Rom anvisierte und vom IWF prognostizierte Wirtschaftswachstum von 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr unmöglich gemacht. "Dies ist letztendlich der Grund, warum der Markt für italienische Staatsanleihen und die europäischen Finanzmärkte erschüttert wurden." Der Sparkurs Italiens bremse die Nachfrage und das Wachstum weiter. Eine radikale Liberalisierung des nationalen Systems der Tarifverträge könne zwar helfen, werde aber von starken Gewerkschaften bekämpft.
Wunder im Mittelmeerraum?
"Vielleicht erleben wir 2012 ein Wunder im Mittelmeerraum", erklärt Eichengreen. "Falls nicht, und das ist wahrscheinlicher, kühlt sich das italienische Wachstum weiter ab, und es bleiben den europäischen Entscheidungsträgern nur noch zwei Möglichkeiten." Entweder die EZB werde versuchen, mit ihrer Geldpolitik die Inflation hoch zu treiben, und so die Staatsverschuldung zu entwerten, oder man führe Euro-Bonds ein, um die Lage in den Griff zu bekommen. "Der deutsche Steuerzahler hat die Wahl", so Eichengreen.
Auch der Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, begründet seine Forderungen nach europäischen Gemeinschaftsanleihen mit den Spekulationen auf einen Bonitäts-Verlust Italiens. "Italien wird die Märkte durch Reform- und Sparanstrengungen nicht mehr überzeugen können", sagte Straubhaar der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX Anfang der Woche (EURACTIV.de vom 16. August 2011). "Der Zug ist abgefahren, da zu spät gehandelt wurde." Es werde immer wieder die Frage aufkommen, ob Italien die Maßnahmen tatsächlich umsetze. Italien drohe so immer wieder zum Problem an den Märkten zu werden. "Nur durch Eurobonds können die spekulativen Angriffe glaubwürdig abgewehrt werden."
"Euro-Bonds sind die größte Chance"
Auch Andrés Velasco, ehemaliger Finanzminister von Chile, fordert die Euro-Zone auf, den Schritt zu einer Vergemeinschaftung der Schulden zu gehen. "Spanien und Italien sind zu groß für einen Bailout. Die neue Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) ist dieser Aufgabe nicht gewachsen", schreibt Velasco in einem Kommentar (18. August 2011) für das "Project Syndicate". Seine Schlussfolgerung: "Euro-Bonds gemeinsam mit finanzpolitischen Regeln: Diese Kombination bietet die größte Chance für die Rettung des Euro."
"Euro-Bonds kleistern die Probleme nur zu"
EZB-Direktor Jürgen Stark warnt hingegen, Euro-Bonds würden Schuldenländern erlauben, sich weiter um ihr Ausgabenproblem zu drücken. Europa müsse die Krise nutzen, um harte Maßnahmen durchzusetzen. "Es wird so getan, als wären die Euro-Bonds der Königsweg, um aus der Krise herauszukommen", so Stark am Freitag im Interview mit dem "Handelsblatt". "Tatsächlich ist es ein Kurieren an den Symptomen und nicht an den Ursachen." Der Anreiz, die strukturellen Probleme in den Haushalten anzugehen, werde mit Euro-Bonds verringert.
Das Streitthema Euro-Bonds sollte nach Ansicht von EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny erst zu einem späteren Zeitpunkt auf den Tisch kommen (EURACTIV.de vom 18. August 2011).
awr
Links
Presse
Handelsblatt: EZB-Chefvolkswirt im Interview"Euro-Bonds kleistern die Probleme nur zu" (19. August 2011)
Welt.de: "Europa muss sich für Italiens Pleite wappnen" (14. august 2011)
Dokumente
Eurointelligence: "The Big Cannoli". Von: Barry Eichengreen (17. August 2011)
Project Syndicate: Euro-Bonds ohne Angst. Von Andrés Velasco (18. August 2011)
Dokumente zu Euro-Bonds
ifo Institut: Was kosten Eurobonds? Stellungnahme des ifo Instituts (17. August 2011)
Universität Duisburg-Essen: Dauerhafter Rettungsmechanismus (ESM): "Drohender Teufelskreis" 2.0 – Mit Anmerkungen zur Kontroverse zwischen Plenum der Ökonomen und der FTD. Positionspapier von Ansgar Belke (7. März 2011)
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚The Blue Bond Proposal‘. Erschienen im Bruegel Policy Brief 2010/03 (Mai 2010)
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚Eurobonds: The blue bond concept and its implications‘. Erschienenin: Bruegel Policy Contribution 2011/02 (März 2011)
Axel Weber, Jens Ulbrich und Karsten Wendorff: ‚Safeguarding financial market stability, strengthening investor responsibility, protecting taxpayers. A proposal to reinforce the European Stability Mechanism through supplementary bond issuance terms‘. Deutsche Bundesbank (März 2011)
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