Wenn Polizisten auf Lobbyisten treffen
In Bezirksämtern und NGO’s gilt dasselbe wie im Auswärtigen Amt: Wer sich in EU-Fragen auskennt, kann Karriere machen. Warum sich der Fernstudiengang „Europäisches Verwaltungsmanagement“ an der HWR Berlin auch mit Schokolade beschäftigt, erklärt Leiter Erwin Seyfried im Gespräch mit EURACTIV.de
In Bezirksämtern und NGO’s gilt dasselbe wie im Auswärtigen Amt: Wer sich in EU-Fragen auskennt, kann Karriere machen. Warum sich der Fernstudiengang „Europäisches Verwaltungsmanagement“ an der HWR Berlin auch mit Schokolade beschäftigt, erklärt Leiter Erwin Seyfried im Gespräch mit EURACTIV.de
EURACTIV.de: Herr Prof. Seyfried, wie entstand der berufsbegleitende Studiengang „Europäisches Verwaltungsmanagement“?
Seyfried: Der Studiengang ist im Jahr 1999 aufgelegt worden, nachdem eine Bedarfsanalyse in der Berliner Verwaltung gezeigt hatte, dass es in vielen Bereichen an europabezogenen Qualifikationen fehlt. Es haperte bei der Anwendung europäischer Rechtsvorschriften, es gab keine systematischen Informationen über europäische Förderprogramme für die Verwaltung, viele Bundesländer waren einfach nicht präsent bei den europäischen Institutionen.
EURACTIV.de: Sind die deutschen Verwaltungen inzwischen kompetenter in EU-Fragen?
Seyfried: Die Europakompetenz der deutschen Verwaltungen hat sich sehr seither verbessert. Regelmäßig werden heute Experten in die europäischen Institutionen entsandt. In Berlin haben z. B. die meisten Bezirksverwaltungen eigene EU-Beauftragte, bei denen es sich – nebenbei bemerkt – zumeist um unsere Absolventen handelt. Weil sich Europa aber kontinuierlich verändert, besteht natürlich auch weiterhin Bedarf, vor allem an punktueller Weiterbildung in rechtlichen Fragen.
EURACTIV.de: Wer studiert heute bei Ihnen?
Seyfried: Die meisten Studierenden kommen nach wie vor aus öffentlichen Verwaltungen. Wir haben Studenten vom Rechnungshof, der Polizei, der Arbeitsagentur. Aber auch Angestellte gemeinnütziger Organisationen wie der Caritas oder der Diakonie studieren bei uns. Hinzu kommen Rechtsanwälte, Berater und Kleinunternehmer. Sie alle wollen sich für europabezogene Tätigkeiten qualifizieren.
EURACTIV.de: In welchen Bereichen hilft das Studium?
Seyfried: Die Ausbildung im Europäischen Recht ist so grundlegend, dass die Absolventen prinzipiell in allen Rechtsgebieten tätig werden können – egal ob Verkehr, Umwelt, Beihilfen für Unternehmen oder Städtebau. Auch europäische Förderprogramme gibt es zu fast allen Themen – von der Forschung über die Bildung bis zur Aids-Prävention. Allgemeiner gesprochen qualifiziert der Masterabschluss für eine Tätigkeit mit Leitungsfunktion, deshalb umfasst das Studium auch Fragen des Personal- und Finanzmanagements.
EURACTIV.de: Wo arbeiten die Absolventen heute?
Seyfried: Die meisten arbeiten in der öffentlichen Verwaltung und nehmen dort europabezogene Aufgaben wahr. Auf Bundes- oder Landesebene vertreten sie häufig ihre Behörden in europäischen Gremien. Manche sind unmittelbar in europäischen Einrichtungen beschäftigt, wie z. B. der Kommission, dem Europäischen Rechnungshof, bei Europol, bei EU-Agenturen wie dem europäischen Markenamt oder bei Eurostat. Einige sind auch in einer der vielen Lobby-Organisationen in Brüssel aktiv.
EURACTIV.de: Ihre Studenten absolvieren ein Praktikum im Ausland. Mit welchen Erkenntnissen kommen sie typischerweise zurück?
Seyfried: Auch wenn es manchmal Vorbehalte gegen ein Auslands-Praktikum gibt, sind hinterher doch alle begeistert über die Erfahrung. Die Praktikumsplätze sind über ganz Europa verstreut und liegen manchmal auch außerhalb der EU. So unterschiedlich die konkreten Praktika sind, es lässt sich doch verallgemeinern, dass die meisten mit einem geschärften Blick für die eigene Praxis zurückkommen, meist auch mit einer gesteigerten Wertschätzung der deutschen Verwaltung.
EURACTIV.de: Sie veranstalten mit den Studenten Planspiele, etwa zur „Schokoladenrichtlinie“. Worum geht es dabei?
Seyfried: Die Planspiele veranschaulichen die Entscheidungsprozesse in der EU. An einem so sinnlichen Produkt wie Schokolade geht das besonders gut. Die Studierenden schlüpfen in die Rolle von Kommission, Rat, Parlament oder Mitgliedstaat und erarbeiten eine ‚Schokoladenrichtlinie‘. Dabei lernen sie nicht nur die Funktionen im Entscheidungsverfahren kennen, sondern Sie erfahren auch von den Interessen und Ängsten, die sich hinter Positionen verbergen können: Soll Schokolade mehr Milch, Zucker oder Kakao enthalten? Dürfen die Zutaten gentechnisch verändert sein? – Bei diesen Fragen geht es nicht um persönliche Vorlieben, sondern auch um kulturelle Befindlichkeiten und wirtschaftliche Interessen. Man lernt, sich gegenseitig zu respektieren, gewinnt Einblick in die Notwendigkeit der europäischen Zusammenarbeit. Am eigenen Leib erfährt man die Schwierigkeit einer Konsensbildung auf europäischer Ebene. Ein solches Planspiel dauert bei uns fast zwei Tage, und macht allen Beteiligten auch großen Spaß.
EURACTIV.de: Die EU-Verwaltung wird von vielen immer noch als bürokratisches Monstrum wahrgenommen. Hat sich hier in den vergangenen Jahren etwas bewegt?
Seyfried: An dieser Wahrnehmung hat sich wie ich fürchte wenig geändert. Es ist ja auch einiges dran an diesem Bild, trotz der Bemühungen um Bürokratieabbau. Allerdings muss man wissen, dass nach wie vor die meisten bürokratischen Regelungen auf Wunsch der Mitgliedstaaten zu Stande kommen und die europäische Verwaltungsebene dafür nur bedingt verantwortlich ist.
EURACTIV.de: Wie kamen Sie dazu, sich mit der Europäischen Verwaltung zu beschäftigen?
Seyfried: Als Psychologe bin ich in den achtziger Jahren über das Thema „Berufliche Rehabilitation“ an den Europäischen Sozialfonds (ESF) geraten. In Ländern wie Griechenland lag die berufliche Integration von Behinderten damals sehr im Argen, der ESF hat hier viel bewegt. Jahrelang habe ich die entsprechenden Förder-Maßnahmen in vielen EU-Ländern bewertet. Heute gebe ich meine Erfahrungen mit europäischen Fördermaßnahmen an die Studierenden weiter.
Interview: Alexander Wragge
Information
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin bietet 45 Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Fernstudiengänge und postgraduale Zertifikatsprogramme an.
Der Masterstudiengang Europäisches Verwaltungsmanagement ist als berufsbegleitendes Fernstudium mit einer Studiendauer von sechs Semestern angelegt.
