Windkraft reloaded
Die deutsche Windkraft-Industrie darf sich weiterhin über ein starkes Wachstum freuen. Für große Verunsicherung sorgen Änderungen der Ökostromförderung. Der Netzausbau bleibt Problem Nummer 1 und der EU traut man nur wenig zu.
Die deutsche Windkraft-Industrie darf sich weiterhin über ein starkes Wachstum freuen. Für große Verunsicherung sorgen Änderungen der Ökostromförderung. Der Netzausbau bleibt Problem Nummer 1 und der EU traut man nur wenig zu.
Der Ausbau der deutschen Windenergie hat einem neuen Rekordstand erreicht. Nach zwei Jahren der Stagnation gingen 2009 trotz der Wirtschaftskrise deutlich mehr Windanlagen ans Netz. Nach der aktuellen Statistik des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) wurden 2009 hierzlande 952 neue Windenergieanlagen mit einer Leistung von 1.917 Megawatt (MW) installiert – ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Ökostrom-Branche "tief verunsichert"
Als Ursache für das deutsche Wachstum nennt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes WindEnergie (BWE), die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die zum 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist. "Die deutsche Windindustrie hat wieder eine solide Basis", so Albers am Mittwoch in Berlin. Zugleich ist die Branche laut Albers aufgrund aktueller politischer Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien "tief verunsichert".
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat jüngst angekündigt, dass die garantierten Abnahmepreise für Solarstrom ab April um 15 Prozent gekürzt werden. Albers warnt davor, die langfristigen gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Förderung der Erneuerbaren weiter anzutasten. Der BEW positioniert sich zudem in der aktuellen Diskussion zur Atomenergie als Brückentechnologie klar gegen die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. "Hier wird derzeit eine Schlacht geschlagen", so Albers.
Thorsten Herdan, Geschäftsführer von Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Power Systems, schloss sich der Kritik an Änderungen des EEG an: "Das beste, was die Poltik im Moment tun kann, ist nichts zu tun."
Deutschland will bei Offshore-Revolution dabei sein
Treiber des deutschen Wachstums ist zudem das sogenannte "Repowering", der Austausch alter gegen neue Anlagen. Hier sieht der BWE weiterhin "viel Potenzial".
2009 begann auch in Deutschland das Offshore-Zeitalter – erste Windkraftanlagen in der Nordsee gingen ans Netz. "Mit diesem Technologieschaufenster ist gewährleistet, dass die deutsche Windindustrie sowohl national als auch international vom Offshore-Geschäft verstärkt profitieren wird", so Herdan. Mit 60 MW installierter Leistung spielen die deutschen Offshore-Parks aber noch eine kleine Rolle. Insgesamt sind in hierzulande Windenergieanlagen mit einer Leistung von rund 26.000 MW installiert.
Trotzdem gehört Offshore die Zukunft. Zahlreiche deutsche Konzerne wollen sich zum Beispiel an der Entwicklung milliardenschwerer Windparks vor der britischen Küste beteiligen, mit denen bis 2020 ein Viertel des Energiebedarfs Großbritanniens gedeckt werden soll. Die britische Liegenschaftsverwaltung nominierte Anfang Januar die Partnerkonsortien für das neun Windparks umfassende und nach britische Angaben weltgrößte Meeres-Windkraftprojekt, an denen RWE, E.ON, Siemens und Hochtief beteiligt sind. Alle Parteien hätten exklusive Verträge zur Entwicklung der einzelnen Windparks geschlossen, teilte die Behörde mit.
Der europäische Branchenverband EWEA (European Wind Energy Association) rechnet 2010 mit einem Wachstum der installierten Leistung im Offshore-Bereich von 75 Prozent – nach einem Wachstum von 54 Prozent in 2009 (Siehe EURACTIV.de 18. Januar 2010). Die EU hat umfangreiche Förderprogramme für die Offshore-Windkraft aufgelegt (siehe EURACTIV.de vom 9. Dezember 2009).
Thorsten Herdan, Vertreter der Maschinen- und Anlagenbauer, warnte allerdings die Politik mit Blick auf die zukünftigen Kapazitäten der Windkraft vor überzogenen Erwartungen. Unter größten Anstrengungen machbar sei ein Anteil der Windkraft am EU-Energiemix von 15 Prozent in 2020 und von 25 Prozent in 2030. Herdan verwies auf die Produktionskapazitäten der Hersteller und den stark wachsenden Weltmarkt, den es ebenfalls zu bedienen gelte.
Weltmarkt erlebt rasantes Wachstum
Die Entwicklung des Weltmarkts liegt deutlich über den Erwartungen von BWE und VDMA. China hat seine Kapazitäten 2009 nochmals fast verdoppelt, und Anlagen mit einer Leistung von etwa 10.000 bis 12.000 MW neu installiert. Allerdings gilt der Marktzugang für europäische Anbieter weiterhin als schwierig. Thorsten Herdan nennt ihn "katastrophal". Äusländische Unternehmen würden aus dem Markt fern gehalten.
In den USA sorgten Konjunkturprogramme der Obama-Regierung für ein kräftiges Wachstum. Davon hätten auch deutsche Anbieter "massiv profitiert", so Herdan.
Hinzu kommen Investitionen in Ländern wie der Türkei und Brasilien. Die deutschen Verbände rechnen 2010 und 2011 mit einem zweistelligen Wachstum des Weltmarkts .
Netzausbau bleibt Problem Nr. 1
Größte Herausforderung für das zukünftige Wachstum der Windkraft bleiben die Stromnetze. Während im Norden Deutschlands eine starke Windstrom-Produktion vorhanden ist, ist die Nachfrage eher im Süden stark, in den Ballungsräumen und Industriezentren.
Die Überforderung des Netzes führt dazu, dass Windkraftanlagen immer wieder ausser Betrieb genommen werden. BEW-Präsident Hermann Albers wirft den Netzbetreibern vor, lange zugesagte Investitionen nicht vorgenommen zu haben. Man hänge im Netzausbau "dramatisch hinterher". Außerdem müßten Kohlekraftwerke flexibler an die Stromnachfrage anpassbar sein.
Neun Länder (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Benelux, Dänemark, Irland und Norwegen) planen derzeit, ihre Ökostrom-Aktivitäten mit einem gemeinsamen Hochspannungsnetz unter der Nordsee zu bündeln (siehe EURACTIV.de 5. Januar 2010).
Mit Blick auf die geplanten europäischen Offshore-Parks scheint ein massiver Ausbau und eine Modernisierung der Netze unabdingbar – auch über Staatsgrenzen hinweg .
Zweifel an der Handlungsfähigkeit der EU
Thorsten Herdan vom VDMA bezweifelte gegenüber EURACTIV.de, dass die EU derzeit in der Lage ist, die Herausforderungen in der Netzfrage gemeinschaftlich zu lösen. Man sei noch sehr weit davon entfernt, Stromnetze europäisch zu planen, auszubauen und zu managen. Würde der wahrscheinlich neue EU-Energiekommissar Günther Oettinger in diesem Bereich Richtlinienkompetenz erhalten, wäre dies ein "hervorragender" Forschritt, so Herdan. Herdan machte auf den starken Widerstand der Bevölkerung beim Thema Netzausbau aufmerksam. Der Bau neuer Leitungen kann sich über viele Jahre hinziehen. Auch bei dem Wüstenstromprojekt DESERTEC (Siehe EURACTIV.de vom 13. Juli 2009) sei ihm die Lösung der Netzfrage noch völlig schleierhaft, so Herdan.
awr
Links
Bundesregierung: Novelle des EEG zum 1. Januar 2009 (25. Oktober 2008).
EU-Projekte zur Förderung der Windkraft:
Institut
DEWI: Status der Windenergienutzung in Deutschland 2009
DEWI: Windenergie in Deutschland ? Aufstellungszahlen für das Jahr 2009
Verband
BWE: Jahresbilanz Windenergie 2009. Pressemitteilung (27. Januar 2010).