Zerstörte Kindheit: In Afrika wird jedes zehnte Mädchen Mutter
Fehlende Informationen und keine Mittel zur Verhütung, Missbrauch, Kinderehe: Jedes zehnte Mädchen in Afrika wird schwanger - meist ungewollt, zeigt ein neuer Report.
Fehlende Informationen und keine Mittel zur Verhütung, Missbrauch, Kinderehe: Jedes zehnte Mädchen in Afrika wird schwanger – meist ungewollt, zeigt ein neuer Report.
Die Zukunft von Mädchen in weniger entwickelten Ländern ist nach wie vor heikel – damit ist die große Mehrzahl der weiblichen Minderjährigen betroffen. Denn 89 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern. Viele der Mädchen werden weit vor dem 18. Lebensjahr verheiratet, bekommen im Teenageralter ein Kind und haben keine Aussicht auf eine gute Schulbildung. Das ging zuletzt aus dem im Oktober 2016 veröffentlichten UNFPA-Weltbevölkerungsbericht hervor.
Noch immer gehen rund 62 Millionen heranwachsende Mädchen nicht zur Schule – unter anderem aufgrund von Kinderehen und früher Schwangerschaft, weil sie im Haushalt arbeiten müssen oder weil sie auf der Flucht sind, warnte Bettina Maas, Repräsentantin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in Mosambik im Oktober. „Das ist eine gravierende Verletzung ihrer Menschenrechte“, so Maas.
108 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren bekommen in Afrika ein Kind
Nun zeigt ein neuer Report der Entwicklungsorganisation „Deutsche Stiftung Weltbevölkerung“ (DSW), welche Ausmaße die Ausbeutung und UNgleichbehandlung von Mädchen noch immer hat – durch die frühe Schwangerschaft. Jedes Jahr bekommen demnach 108 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Afrika ein Kind – mehr als jede Zehnte. Zum Vergleich: In Deutschland sind es laut dem DSW-Datenreport 2017 acht pro 1.000 junger Frauen.
„Der Großteil dieser frühen Geburten in Afrika ist ungewollt“, sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der DSW. „Das liegt vor allem daran, dass weit mehr als die Hälfte der Mädchen und jungen Frauen nicht verhüten können, obwohl sie das möchten. Verhütungsmöglichkeiten würden in der Regel erst nach der ersten Geburt angesprochen – viel zu spät, meint Bähr. Sie warnt zudem, dass die Statistik nur einen Teil der Frühschwangerschaften abbilde. „Schätzungsweise eine Million Mädchen weltweit bekommen jedes Jahr bereits vor ihrem 15. Geburtstag ein Kind.“
Rund 225 Millionen Frauen brauchen weiterhin Zugang zu Mitteln der Familienplanung, hatte zuletzt auch die frühere Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im Interview mit Euractiv.de gemahnt. „Es ist ja kein Zufall, dass die Müttersterblichkeit immer noch dramatisch hoch ist.“ Sie fordert, Frauen müssen auf politischer Ebene stärker gefördert werden. Das bedeute auch, dass „praktische Aktionen vor Ort unbedingt durch die Bundesregierung, die EU und die UN-Organisationen gefördert werden müssen“, so Wieczorek-Zeul.
Auch wenn die Sustainable Development Goals (SDGs) von vielen Menschen- und Frauenrechtlern als wesentlich weitreichender gelobt werden als die vorherigen MDGs, bleibt noch viel zu tun. Geschlechtergerechtigkeit ist darin sowohl als eigenständiges Ziel 5 als auch in andere Ziele integriert.
Das beinhaltet unter anderem, dass alle Formen der Diskriminierung von Frauen und Mädchen beendet und alle Formen von Gewalt gegen alle Frauen und Mädchen im öffentlichen und im privaten Bereich beseitigt werden sollen. Zudem formulieren die SDGs das Ziel, alle schädlichen Praktiken wie Kinderheirat, Frühverheiratung und Zwangsheirat sowie die Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen zu stoppen.
Jugendliche – Schlüssel für Entwicklung
Dennoch, so warnte Bähr bereits vergangenes Jahr, werden weltweit jeden Tag rund 47000 unter 18-jährige Mädchen verheiratet, und alle zehn Minuten stirbt ein Mädchen durch Gewalteinwirkung.
Die Herausforderungen sind also noch groß, um die Rechte der aktuell 1,2 Milliarden jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf der Erde zu stärken, von denen fast 90 Prozent in Entwicklungsländern leben. „Diese Jugendlichen spielen eine entscheidende Rolle bei der demografischen Entwicklung und könnten zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Länder beitragen“, meint Renate Bähr.
Besonders, wenn Mädchen und junge Frauen nicht um die Möglichkeiten wüssten, wie sie sich vor einer ungewollten Schwangerschaft schützen und selbst über ihr Leben bestimmen können, werde es für sie schwer, sich aus der Armutsspirale zu befreien. Bähr fordert die Bundesregierung auf, sich verstärkt für jugendgerechte Aufklärungs- und Verhütungsangebote in Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika, einzusetzen.