Ein Präsident Macron wäre der ideale Partner für einen EU-Neustart

Ein französischer Präsident Emmanuel Macron könne über die Grenzen seines Landes hinaus eine neue Begeisterung für Europa auslösen - aber nur, wenn Deutschland mitzieht.

epaselect epa05924558 French presidential election candidate for the ‚En Marche!‘ (Onwards!) political movement, Emmanuel Macron celebrates after the first round of the French presidential elections in Paris, France, 23 April 2017. Media reports that polling agencies projections place Le-Pen and centrist presidential candidate Emmanuel Macron in the lead positions for the vote. France will hold the second round of the presidential elections on 07 May 2017.  EPA/YOAN VALAT
Emmanuel Macron konnte sich im ersten Wahlgang als Sieger behaupten.

Der Autor glaubt, ein französischer Präsident Emmanuel Macron könne über die Grenzen seines Landes hinaus eine neue Begeisterung für Europa auslösen. Doch Macron wird nur Erfolg haben, wenn Deutschland mitzieht. 

Gehen wir mal davon aus, dass die rechtsextreme Marine Le Pen nicht als Präsidentin von Frankreich in den Elysee Palast einzöge. Dann bliebe ein Atemstillstand der Europäischen Union (EU) aus. Im Gegenteil: würde der 39jährige neue Politikstar an die Spitze der künftig einzigen EU-Atommacht kommen, wäre das genau der Sauerstoffstoß, den die schnappatmende Union braucht.

Mit Macron bliebe das Herz Europas proeuropäisch. Keine Chance mehr für Populisten. Wie wichtig das ist, wird klar, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Frankreich als das flächenmäßig größte EU-Land fast ein Viertel der europäischen Wirtschaftsleistung erbringt (Großbritannien noch eingerechnet). Frankreich ist zweitgrößter EU-Nettozahler nach Deutschland.

Allerdings: Frankreich hat Riesenprobleme. Die muss der optimistische junge Mann anpacken und packen. Das will er auch: enorme soziale Probleme in den abgehängten Banlieues, den Randzonen der Großstädte, eine unproduktive Wirtschaft, ein aus dem Ruder gelaufenes Bildungssystem, eine abenteuerliche Verkrustung administrativer Strukturen. Das wird ein Présidente Macron ohne Kampf nicht schaffen. „Ich bin bereit“, rief er am Sonntagabend aus und es klang entschlossen.

Europapolitisch könnte Macron über sein Land hinaus die Projektionsfläche für eine neue Europabegeisterung werden. Seine zusammengeschmiedete Bewegung „En Marche“ (es ist keine Partei!) tragen zehntausende junge Leute. Es werden tausende neue Gesichter sein, die bei der Parlamentswahl im Juni als Kandidaten antreten werden, um in der Nationalversammlung eine regierungsfähige Mehrheit zu bekommen. Wenn das klappt wird in Paris bald das neue junge Herz Europas pochen.

Deutschland wirkt neben diesem gallischen Aufbruchsgeist beschaulich und betulich. Doch es wartet Arbeit auf Berlin. Es wird darauf ankommen, von vornherein mit einem Präsident Macron eng zusammenzuarbeiten. Das würde wohl auch so kommen. Der jugendlich auftretende Ex-Investmentbanker hat sich kürzlich im Kanzleramt schon mal mit Angela Merkel beschnuppert. Man soll sich gemocht haben, heißt es. Macron hat Erfahrung mit reiferen Frauen, denn Ehefrau Brigitte Trogneux ist seine einstige Lateinlehrerin und 24 Jahre älter.

Könnte Macron uns europasatten Deutschen den Willen wiedergeben, die EU zu mögen und fantasievoll voranzubringen? Ja. Vorausgesetzt Berlin und Paris einigen sich auf miteinander korrespondierende Therapien für den Brüsseler Patienten.

Hier und da diskutierte Ideen, etwa die Schaffung eines Europas der zwei Geschwindigkeiten, sollten zügig angefasst werden. Auch in der europäischen Außen- und Verteidigungspolitik scheint ein deutsch-französischer Gleichschritt möglich. So könnte das Duo Merkel/Macron andere EU-Mitglieder mitziehen.

Kitzliger sind die Währungspolitik und soziale Angelegenheiten. Da würde Macron eher mit Martin Schulz (SPD) zurechtkommen, als mit der Merkel. Macrons Kritik an „unerträglichen“ Handelsbilanzüberschüssen Deutschlands wurde in Berlin jedenfalls deutlich gehört. Es heißt, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe aufgestöhnt.

Dennoch: „Macron macht auch Deutschland Mut“. Das twitterte FDP​-Chef Christian Lindner​ unmittelbar nach ersten Siegesmeldungen aus Paris. Kann diese Welle an französischem „bonne humeur“ – anderswo sagt man „Stimmung“ oder „Spirit“ – von der Seine nach Deutschland überschwappen? Warum nicht.

Mit der überparteilichen Bewegung „Puls of Europe“ hat sich bei uns bereits ein steter und fröhlicher Pro-Europaprotest etabliert. Menschen, die Sonntag für Sonntag um 14 Uhr mit blaugelben EU-Flaggen friedlich vor Rathäuser ziehen, dürften mehr als bereit sein, einem heranbrausenden EU-Notarzt wie Macron eine Rettungsgasse zu bilden. Gute Aussichten also, Europas lästige Schnappatmungen erfolgreich zu behandeln – wenn aus Macron der Monsieur Présidente wird.

Wolf Achim Wiegand ist Journalist und Auftrittsberater in Hamburg. Er ist in der FDP aktiv.