Ehemaliger Industrie-CEO: Wir müssen "alle Bergwerke Europas ausschöpfen"
Der ökologische Übergang erfordere die Erneuerung aller möglichen Produktionskapazitäten für Seltene Erden und Metalle in der EU, sagte Philippe Varin, ehemaliger Vorsitzender der französischen Kernbrennstoffgruppe Orano, in einem Interview mit EURACTIV.
Die Klimawende verlange die intensive Förderung der Seltenen Erden und Metalle in der EU, sagte Philippe Varin, ehemaliger Vorsitzender des französischen Industriekonzerns Orano, im Interview mit EURACTIV.
Januar 2022 hatte Varin der französischen Regierung einen Bericht über die „Sicherung der Versorgung der Industrie mit mineralischen Rohstoffen“ vorgelegt, in dem er argumentierte, dass deren Förderung in Europa unabdingbar sei.
Der Wandel hin zu einer klimaverträglichen Lebensweise erfordert große Mengen an Metallen – man denke nur an elektrische Batterien, Sonnenkollektoren oder Windturbinen – und ist daher „eminent politisch“, so der Franzose.
Dennoch sei die öffentliche Meinung sehr gegen die Eröffnung von Minen, und den politischen Entscheidungsträger:innen fehle es an technischem Verständnis für das Thema.
„Außerdem sendet der Kohlenstoffpreis im Moment keine ausreichend starke Botschaft aus, um die Unternehmen zum rechtzeitigen Handeln zu bewegen“, fügte er hinzu.
Deshalb „müssen wir über die klassische Marktwirtschaft hinausgehen, indem wir die Entwicklung der EU-Bergbauindustrie durch finanzielle Unterstützung seitens der Mitgliedstaaten fördern“, erklärte er.
Die EU muss sich genau ansehen, was China in den letzten 20 Jahren getan hat und was die USA mit ihrem Inflationsbekämpfungsgesetz (Inflation Reduction Act) – einem Paket von Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung, das in den nächsten zehn Jahren zur Verringerung der inländischen Treibhausgasemissionen beitragen soll – auf den Weg bringen wollen.
Varin betonte, dass der Blick nach innen und das Nachdenken über strategische Autonomie die einzige Möglichkeit für die EU sei, ihre eigenen Rohstoffe und seltenen Erden zu nutzen.
In diesem Sinne sei die Klimawende eine neue „industrielle Revolution“, für die eine vollständige Dekarbonisierung des Energiemixes und die Gewinnung, Produktion und Umwandlung kritischer Rohstoffe auf europäischem Boden unabdingbar seien, fügte der Experte hinzu.
Die geopolitischen Spannungen infolge des Krieges in der Ukraine und die zunehmend protektionistische Politik Chinas und der USA hätten das Handeln der EU beschleunigt, so der Experte.
In ihrer Rede zur Lage der EU im September 2022 hatte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, einen baldigen Vorschlag für ein EU-Gesetz zu kritischen Rohstoffen angekündigt. Der Vorschlag, so Varin, sei erst seit Februar 2022 in Arbeit.
Bergbau neu denken
„Eine totale Autarkie wäre nicht angebracht“, aber „30 Prozent Autonomie scheinen mir bis 2030 erreichbar zu sein“, sagte Varin. Um dies zu erreichen, „müssen wir alle europäischen Minen [für kritische und strategische Metalle] ausschöpfen“, sagte er.
Letztlich versucht die EU damit, in die Fußstapfen ihrer großen Konkurrenten, China und den USA, zu treten. Sie verfügt jedoch weder in geologischer noch in technischer oder finanzieller Hinsicht über ausreichende Mittel, um eine stetige Versorgung zu gewährleisten.
Im Hinblick auf die in der Öffentlichkeit geäußerten Bedenken betonte der Experte, dass die Bergwerke durch die Einhaltung „möglichst klarer und verbindlicher Normen“ Verantwortung übernehmen sollten.
Dazu gehört der von der „Initiative for Responsible Mining Assurance“ vorgeschlagene Standard, der die Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit der Arbeitnehmer:innen, die Achtung der Menschenrechte und die finanzielle Transparenz im Bergbausektor umfasst.
Nach Ansicht Varins müssten auch Investitionen gefördert werden. Die Aufnahme sogenannter „verantwortungsvoller“ Bergwerke in den Geltungsbereich der grünen Taxonomie der EU für nachhaltige Finanzen, auch bekannt als die EU-Liste nachhaltiger Investitionen, sei ein notwendiger Anfang.
Er schlug auch die Einrichtung eines Investitionsfonds für die Entwicklung des Bergbaus vor und erinnerte daran, dass EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton bereits die Idee eines staatlichen Fonds geäußert hatte.
Die EU-Diplomatie neu erfinden
Varin erklärte, dass die Neuentwicklung der Industrie innerhalb der EU „nicht die Notwendigkeit neuer strategischer Partnerschaften mit einer Reihe von Ländern wie Norwegen, Kanada, Australien und natürlich Chile infrage stellt.“
Mit letzterem unterzeichnete die EU im Dezember ein Abkommen, das unter anderem den Zugang zu chilenischem Lithium liberalisiert.
„Die Frage des Zugangs zu kritischen Metallen muss bei den Abkommen, die die EU unterzeichnet, eine immer wichtigere Rolle spielen“, betonte er. Dies würde dazu beitragen, „die Umsetzung von Umwelt- und Sozialstandards in den Erzeugerländern“ zu fördern, die den EU-Standards entsprechen.
Es würde auch dazu beitragen, dass Umwelt-, Sozial- und Gesellschaftsstandards in der gesamten Wertschöpfungskette eingehalten werden – ein Bereich, in dem noch mehr Arbeit nötig ist, da „wir kein globales Referenzsystem haben.“
Vorerst sei es daher notwendig, sich über die geforderten Standards [für Minen] absolut im Klaren zu sein; und diese Standards müssen von unabhängigen Dritten zertifiziert werden“, betonte Varin.
Wenn ein Land wie beispielsweise China die EU-Bergbaunormen nicht einhalten wolle, müsse Europa in der Lage sein, den Lieferanten zu wechseln. Dies könne jedoch schwierig sein, wenn China allein 50 Prozent der Wertschöpfungskette für Batterien und 90 Prozent der Magnete kontrolliere.
„Aus diesem Grund müssen in den europäischen Richtlinien Ziele für einen Zeitraum von zehn Jahren festgelegt werden, mit klar definierten Übergangspunkten“, fügte Varin hinzu.
Parallel dazu muss das Recycling dieser kritischen und strategischen Metalle unbedingt ausgebaut werden.
„In Anbetracht der steigenden Nachfrage ist es klar, dass das Recycling letztendlich zum wesentlichen Bestandteil der Versorgung werden wird“.
Der erste Schritt ist die „Integration des Ökodesigns in die gesamte Produktion“, fügte der Experte hinzu, warnte aber, dass dies Zeit brauche, „da der Bedarf an Primärmetallen in den nächsten zehn Jahren steigen wird.“
Lesen Sie das vollständige Interview auf Französisch hier.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/János Allenbach-Ammann]