Interbankenentgelte - "Es geht nicht nur um Einzelhändler"

Interview mit Christian VerschuerenDie Abstimmung des Wirtschafts- und Währungsauschusses des EU-Parlaments zur Deckelung von Kreditkartengebühren war ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Christian Verschueren, Generaldirektor von EuroCommerce, dem europäischen Dachverband des Handels, im Interview mit EURACTIV Tschechien.

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Interview mit Christian VerschuerenDie Abstimmung des Wirtschafts- und Währungsauschusses des EU-Parlaments zur Deckelung von Kreditkartengebühren war ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Christian Verschueren, Generaldirektor von EuroCommerce, dem europäischen Dachverband des Handels, im Interview mit EURACTIV Tschechien.

EURACTIV: Im letzten Sommer hat die EU-Kommission ihre Pläne für eine neue Richtlinie über Zahlungsdienste (PSD 2) vorgestellt. Welche Auswirkungen erwarten Sie von diesem Vorschlag auf den Binnenmarkt?

VERSCHUEREN: Zunächst einmal ist es Gesetzespaket – PSD, Regeln zu Interbankenentgelten und Gesetzgebung zu Bankkonten – das im letzten Frühling vorgeschlagen wurde. Es geht nicht nur um neue Zahlungsmethoden, es geht auch darum, sicherzustellen, dass der Markt offen für mehr Wettbewerb ist, transparent ist und den Verbrauchern zugute kommt. Es geht nicht nur um Einzelhändler, so wie viele denken.

EURACTIV: Welche Ergebnisse erwarten Sie nun vom EU-Parlament?

VERSCHUEREN: Wir hoffen, dass die Gesetzgebung bald verabschiedet wird. Wir würden zumindest wirklich gerne eine Meinung des Parlaments vor den Europawahlen sehen. Es ist ein ehrgeiziger Vorschlag, aber wenn wir von den Abgeordneten eine positive Meinung bekommen, wäre dies ein guter Schritt. Dann müssen die Länder, das heißt der Rat, das Paket genehmigen. Das würde wahrscheinlich nochmal sechs oder neun Monate dauern. Die griechische Präsidentschaft tut derzeit nicht sehr viel in dieser Sache. Daher erwarte ich, dass es bei der italienischen Ratspräsidentschaft los geht und abgeschlossen wird, wenn Luxemburg die Ratspräsidentschaft übernimmt.

EURACTIV: Sie hoffen auf ein positives Ergebnis, aber sie haben den Entwurf einer Stellungnahme des Wirtschafts- und Währungsausschuss kritisiert.

VERSCHUEREN:
Der Bericht war zunächst dabei, die gute Arbeit der EU-Kommission an dieser Gesetzgebung zu zerstören. Der Vorschlag war sehr ausgewogen – er hatte gute grenzüberschreitende Elemente und er enthielt eine Übergangsperiode. Aber Kartenunternehmen wolltem mit dem Status quo weitermachen. Es ist einfach: je länger wir warten, desto länger erhalten wir den Status quo. Die Debatte gibt es schon seit 20 Jahren.

Wir glauben, dass die vorgeschlagenen Deckelungen von 0,2 und 0,3 Prozent noch zu hoch sind, mit Sicherheit für Debitkarten. Wir waren auch nicht mit dem vorgeschlagenen Modell zur Kalkulierung der Deckelung einverstanden, das auf einem gewichtetem Durchschnitt basierte. Es sollte auf bewärten Verfahren in jedem Land basieren. Schauen Sie sich die Niederlande, Belgien, Dänemark an. Diese Länder haben sehr gut funktionierende Zahlungssystem.

EURACTIV: Wir sprechen über den umstrittensten Vorschlag: der Regulierung der Interbankenentgelte. Ist diese nötig?

VERSCHUEREN: Die Interbankenentgelte werden zwischen den Banken und Kartenunternehmen in Europa festgelegt. Einzeländer müssen etwa 14 Milliarden Euro pro Jahr zahlen. Etwa 10 Milliarden davon sind die Interbankenentgelte (Multilateral Interchange Fee – MIF) über die sie keine Verhandlungsmacht haben. Sie werden in dieses System gesperrt. Dies muss aufgebrochen werden.

In den Niederlanden und Belgien zahlt man nur 5 oder 6 Cent. In Tschechien sind MIFs etwa bei 1,2 Prozent für Kreditkarten. Wir sehen keine Rechtfertigung für derartig hohe Gebühren. Die Gründe aus der wir diese Gesetzgebung brauchen sind einfach. Die Wettbewerbspolitik war bislang nicht in der Lage diesen Markt effizient zu regulieren. Dies wurde im Fall der EU-Kommission gegen MasterCard vom EuGH bestätigt.

Das Problem ist, dass Händler alle Karten einer Marke akzeptieren müssen. Wenn Leute zum Beispiel mit Visa gold bezahlen, sind die MIFs viel höher. Das wird alles von den Banken wieder kontrolliert und am Ende zahlt der Verbraucher. Das Endergebnis sind höhere Kosten für Verbraucher – für diejenigen, die mit Karte zahlen und sogar für die, die bar zahlen. Das System ist pervers und muss verändert werden.

EURACTIV: Sie sagten, dass es keinen Grund dafür gibt, dass Interbankenentgelt von Land zu Land unterschiedlich sind. Vereinigungen von Kartenunternehmen und der Bankensektor argumentieren, dass dies die Marktentwicklung reflektiere: gibt es weniger Transaktionen, resultiert dies in höhere Gebühren. Stimmen Sie dem zu?

VERSCHUEREN: Nein. Wir verstehen, dass man den Markt entwicklen muss, aber wir argumentieren, dass, die Karte mehr von Händlern akzeptiert wird, je niedriger die Interbankenentgelte sind. Es gibt viele kleine Händler, die Karten nicht akzeptieren können, weil die Kosten zu hoch sind. Internationale Einzelhändler und große lokale Ketten sind gezwungen, hohe Gebühren zu akzeptieren, weil die Möglichkeit per Karte zu zahlen für den Verbraucher wichtig ist.

Die Vision ist es, einen viel universelleren Einsatz von Zahlungen per Karte oder Handy zu haben – einfach ausgedrückt: eine digitale Zahlungsmöglichkeit. Es wird eine Abkehr vom Bargeld geben. Wenn man sich die nordeuropäischen Länder ansieht, erkennt man, dass diese sich vom Bargeld weg bewegen – aus einer Reihe von Gründen: Verbrauchernachfrage und Einkaufsgewohnheiten, Sicherheit in den Geschäften und der Wachstum von Internet-Zahlungen. Alles bewegt sich in Richtung digitale Zahlung, es ist sehr wichtig, dass die Kosten der Transaktion sehr niedrig bleibt.

EURACTIV: Sie nannten nördliche Länder. Können Sie ein Beispiel nennen?

VERSCHUEREN: Die Holländer haben Transaktionskosten, in Form einer festen Gebühr von wenigen Cents. Sobald man den Preis gesenkt hat, wird es einen universellen Karteneinsatz geben. Wir glauben, dass elektronische Zahlungen für die Massen verfügbarer sein müssten anstatt etwas sehr Teures für Eliten zu sein. Tatsächlich werden die Interbankenentgelte von allen bezahlt.

Schließlich werden sich niedrigere Kartengebühren wieder in niedrige Preise niederschlagen. Die EU-Kommission schätzt, das Einsparungen im Bereich von 6 Milliarden Euro liegen werden. Dies wird an die Verbraucher in Form von erhöhter Kaufkrat weitergegeben.

EURACTIV: Wir erklären Sie die Unterschiede der Interbankenentgelte in verschiedenen Ländern? Warum hat Schweden niedrigere Gebühren als Tschechien? Warum kann man in Schweden am Flughafen mit seiner Karte einen Kaffee kaufen während man in Tschechien einen Mindespreis haben muss, um die Karte zu nutzen?

VERSCHUEREN: Sie müssen die Banken fragen. In den nördlichen Ländern haben sie die Gebühr gesenkt und die Transaktionskosten sind akzeptabel. Im Ergebnis ist die Kartenaktzeptanz viel höher. Dass die Interbankenentgelte so hoch wie in Tschechien, Polen oder Portugal gehalten werden, ist wirklich unerträglich für die Kaufleute, insbesondere für kleine Händler.

EURACTIV: Gibt es von EuroCommerce eine Analyse dazu, wie die Marktsituation wäre, wenn es die Deckelung der Interbankenentgelte gäbe?

VERSCHUEREN: Die Kommission hat eine Untersuchung durchgeführt. Ich kann nur sagen: Sieht man sich den Wettbwerb im heutigen Einzelhandel an, können Händler nicht einfach die Preise für die Verbraucher erhöhen, da es zum einem Geschäftsverlust und Verlust von Marktanteilen führt. Diejenigen, denen es gut geht, sind Händler, die Rabatte anbieten.

Es liegt in der DNA der Händler, Einsparungen weiterzugeben. Sie müssen wettbewerbsfähig sein. Einzelhändler sind sehr gut darin, Kosten zu senken und Effizienz in der Lieferkette zu schafen und das werden sie bei Zahlungen machen.

Einige US-Studien zeigen, dass eine Senkung der Gebühren zur Preissenkung führt. Aber es ist schwer, dies mathematisch zu beweisen. Es gibt viele Dinge, die den Preis der Waren verändern können – Wetterbedingungen, Handelsbarrieren und andere Zölle.

EURACTIV: Wie ist Ihr Vorschlag?

VERSCHUEREN: Wir wollen, dass manche der Kosten von Karten, die hohe Belohungen anbieten – Flugmeilen usw. – an die Person weitergegeben werden, die tatsächlich im Besitz der Karte sind. Verbraucherverbände haben dieses Konzept akzeptiert. Wir sind bereit, für unseren Teil der sogenannten "Händlergebühr" zu bezahlen. Einzelhändler zahlen auch für ihre eigenen Bearbeitungskosten, aber der Verbraucher hat einen Kredit, er profitiert davon. Will ein Verbraucher eine Gold-Karte mit zusätzlichen Belohnungen und Garantien, sollte er ein paar Euro mehr dafür zahlen. Dasselbe gilt für Unternehmenskarten.

So wird das System transparenter und man hat mehr Möglichkeiten und mehr Wettbewerb.

EURACTIV.cz

Links

EURACTIV Brüssel: Verschueren: The lower the interchange fees, the more merchants will accept card payments (21. Februar 2014)