Absage an einen „europäischen Islam“

In Zusammenhang mit dem Flüchtlingszustrom nach Europa wurde auch die Forderung nach einem „europäischen Islam“ laut. Im Vatikan hat man dazu eine eigene Sicht.

Euractiv.de
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Moscheen stehen immer wieder im Zentrum politischer Auseinandersetzungen. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/g/jprichard" target="_blank" rel="noopener">shutterstock/Richard Yoshida</a>]

In Zusammenhang mit dem Flüchtlingszustrom nach Europa wurde auch die Forderung nach einem „europäischen Islam“ laut. Im Vatikan hat man dazu eine eigene Sicht.

In einigen europäischen Staaten wie Deutschland und Österreich ist der Anteil an Muslimen in den zurückliegenden Jahren gestiegen. Schätzungen zufolge erhöhte sich der Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung 2015 auf 5,4 bis 5,7 Prozent. In Österreich liegt er noch etwas höher. Der Österreichische Integrationsfonds geht sogar davon aus, dass in der Anteil der Muslime in der Alpenrepublik bei acht Prozent liegt. Doch die Integration geht nur schleppend vora, wobei sich auch islamische Organisationen beispielsweise im Bereich des Kindergarten- und Schulwesens oft als wenig kooperationsbereit zeigen. Die Folge sind gesellschaftliche Spannungen und Auseinandersetzungen.

Papst kritisiert indifferente Haltung

Nicht nur seitens der Politik wird daher seit einige Zeit immer wieder die Forderung nach einem so genannten „europäischen Islam“ erhoben. Vor kurzem hat Papst Franziskus bei einer Privataudienz für eine kleine Gruppe von Katholiken aus Österreich aufhorchen lassen. Er ließ die Anwesenden wissen, dass er „nichts von falsch verstandener Toleranz“ halte und ihm „das Missionarische bei dieser Debatte“ fehle. Seine größte Sorge sei nicht die Ausbreitung des Islam selbst, sondern die „indifferente Haltung“ der Katholiken zu ihrem eigenen Glauben, auf der diese falsch verstandene Toleranz beruhe.

Tatsächlich hält man im Vatikan, wie EURACTIV bei einem Gespräch mit einem Experten für den christlich-islamischen Dialog in Rom erfuhr, wenig von einem „europäischen Islam“. Auch vom Papst selbst gibt es dazu keine Andeutung oder Erklärung. Diesen zu fordern oder gar zu kreieren, sei nämlich eine nicht ganz realistische Vorstellung. Tatsächlich gibt es nämlich DEN Islam nicht, sondern es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen „Traditionen“, soll heißen Richtungen. Was man sich allerdings von Europa erwartet, wäre eine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam. Diese würde mehr Festigkeit im Auftreten und im Glauben, vor allem beim Dialog mit islamischen Repräsentanten verlangen.

Islam muss sich europäischem Gesellschaftsmodell anpassen

Dahinter verbirgt sich auch Kritik an den Vertretern der europäischen Kirchen, denen eine gewisse Laschheit vorgehalten wird. Nicht umsonst heißt es im Vatikan, dass Europa der sekularisierteste aller fünf Kontinente sei. Wörtlich meinte Papst Franziskus bei der zitierten Audienz in Anspielung auf den Wiener Kardinal Christoph Schönborn: „Ich habe zur Islamisierung einen anderen Zugang als Ihr Kardinal“. Konkret meint man damit im Vatikan, dass sich nicht die europäische Gesellschaft, die nun einmal von der Kultur des Christentums, dem griechischen Demokratie- und dem römischen Rechtsverständnis über mehr als zwei Jahrtausende geprägt wurde, dem Islam anpassen muss, gesellschaftliche Anmaßungen zu akzeptieren hat, sondern auf der Wahrung der eigenen Identität bestehen sollte.

Das heißt, dass man von den neu zugewanderten Bürgern erwartet, die europäische Werteorientierung, die Menschenrechte, das Rechts- und Demokratieverständnis nicht nur zu achten, sondern auch zu übernehmen. Und das bei voller Wahrung der Religionsfreiheit.

Was vom Papst daher eingefordert wird, so interpretiert man in hohen Vatikanischen Kreisen seine jüngsten Äußerungen, bedeutet dass dieses „europäische Gesellschaftsmodell“ glaubhaft vorgelebt und praktiziert werden muss. Daran, ob dem auch wirklich so ist wird gibt es jedoch Zweifel. Europa und die EU, Politiker ebenso wie Kirchenleute, Wissenschaftler wie Kulturschaffende wären gefordert, in einen offenen und offensiven Dialog einzutreten, klare Standpunkte zu vertreten, Festigkeit und nicht Nachgiebigkeit unter Beweis zu stellen.