Alkoholsektor setzt auf e-Etiketten trotz gemischter Signale von der EU
Maßnahmen auf politischer Ebene und mehrere Initiativen der Alkoholbranche deuten auf den Einsatz von Digitaltechnologie hin, um den Verbrauchern mehr Information zu vermitteln, aber die Skepsis seitens der EU-Kommission bleibt bestehen.
Maßnahmen auf politischer Ebene und mehrere Initiativen der Alkoholbranche deuten auf den Einsatz von Digitaltechnologie hin, um den Verbrauchern mehr Information zu vermitteln, aber die Skepsis seitens der EU-Kommission bleibt bestehen.
EU-Entscheidungen zur Alkoholkennzeichnung, einschließlich Vorschlägen zur obligatorischen Kennzeichnung der Inhaltsstoffe und des Nährstoffgehalts auf alkoholischen Getränken, werden bis Ende 2022 erwartet, Gesundheitswarnungen auf Etiketten bis Ende 2023.
Ein wichtiger Grund für diese Standardisierungsbemühungen auf EU-Ebene ist darauf zurückzuführen, dass die Kennzeichnungssysteme den Verbrauchern zwar so viele Informationen wie möglich liefern, aber zu viele die Gefahr einer Fragmentierung des Binnenmarktes bergen.
Bis zum Vorliegen der gesetzlichen Vorgaben durch die EU-Institutionen, haben verschiedene private Akteure bereits Vorschläge zur Verbesserung der Informationsvermittlung durch digitale Lösungen unterbreitet.
Letztes Jahr haben die Spirituosenlobby spiritsEUROPE und der EU-Weinverband Comité Européen des Entreprises Vins (CEEV) ein Online-Tool ins Leben gerufen, das Wein- und Spirituosenunternehmen bei der Erstellung von elektronischen Etiketten unterstützen soll, auf denen die Liste der Inhaltsstoffe sowie andere Informationen wie die Nachhaltigkeitsdaten des Produkts angegeben sind.
Der zweitgrößte Wein- und Spirituosenhersteller der Welt, Pernod Ricard, hat Ende September sein digitales E-Label-System vorgestellt.
Das Tool, das in diesem Jahr in Europa und den USA für eine Auswahl von Spirituosen eingeführt und nach und nach auf alle Marken weltweit ausgeweitet werden soll, basiert auf der QR-Code-Technologie, die während der Pandemie in der Lebensmittelindustrie an Boden gewonnen hat.
E-Etiketten in der GAP-Reform
Auf regulatorischer Ebene wurde die elektronische Etikettierung bereits in der jüngsten Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) eingeführt, in der zum ersten Mal eine Bestimmung über die obligatorische Auskunft über Weine und aromatisierte Weinerzeugnisse durch digitale Hilfsmittel aufgenommen wurde.
Nach den neuen Vorschriften müssen ab November 2023 alle in der EU vermarkteten Weine das Verzeichnis der Inhaltsstoffe und die vollständige Nährwertdeklaration auf dem Etikett oder online angeben.
Für den sozialdemokratischen Europaabgeordneten Paolo De Castro, der an den Gesprächen über die Reform der EU-Agrarsubventionen im Jahr 2021 teilgenommen hatte, kam der endgültige Kompromiss über die elektronische Etikettierung nach einer langen Diskussion zustande, aber letztendlich gab er „den Verbrauchern die Möglichkeit, alle Informationen zu erhalten, die sie brauchen, während es gleichzeitig für die Erzeuger nicht so kompliziert ist.“
Er räumte ein, dass die Hersteller unmittelbar nach der Einigung damit begonnen hätten, in diese Richtung zu arbeiten. Der europäische Wein- und Spirituosensektor stünde somit an vorderster Front bei der Entwicklung digitaler Etiketten, die es den Verbrauchern ermöglichen, eine fundierte Kaufentscheidung zu treffen.
„Was wir als Folge all dieser neuen Projekte erwartet hatten, war ein starker Aufruf der Kommission, ein harmonisiertes digitales Etikett zu gestalten“, sagte er.
„Anstatt diesen Trend zu unterstützen, scheint die EU-Exekutive ihn jedoch zu vernachlässigen“, fügte er hinzu. Er bezog sich dabei auf eine kürzlich von der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der Kommission veröffentlichte Studie, die besagt, dass digitale Mittel nicht die beste Option zur Verbesserung der Zugänglichkeit von Lebensmittelinformationen zu sein scheinen.
Die Studie legt nahe, dass „die Einführung einer ausschließlichen Anzeige von Lebensmittelinformationen mit Hilfe digitaler Mittel unangemessen erscheint, da es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber gibt, wie diese Mittel von den Verbrauchern auf dem Markt genutzt werden oder welche Auswirkungen sie auf ihr Verhalten haben.“
De Castro beobachtet diese Entwicklung mit Besorgnis, da sie das Risiko birgt, die zwischen den EU-Mitgesetzgebern – dem Rat der EU und dem Europäischen Parlament – erzielte Einigung über das elektronische GAP-Kennzeichen in Frage zu stellen.
„Ich hoffe sehr, dass wir die Arbeit, die wir während der Diskussion über die GAP-Reform bereits geleistet haben, nicht zunichte machen“, sagte er und tadelte „den manchmal ideologischen Ansatz, den die Kommission im zweiten Teil dieser Amtszeit immer mehr verfolgt.“
„Aus politischer Sicht wird es für die Landwirte sehr kompliziert sein, zu akzeptieren, dass alles wieder aufgerollt wird“, schloss er.
Widersprüchliche Signale von der Kommission
Gleichzeitig scheint die Kommission digitale Mittel offen zu befürworten, wenn es darum geht, den Verbrauchern Informationen über andere Arten von Produkten zu vermitteln.
So sieht die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) – die Ende März vorgestellt wurde und voraussichtlich Ende 2023 endgültig verabschiedet wird – einen „digitalen Produktpass“ vor, mit dem die Herkunft der in allen Arten von Konsumgütern verwendeten Komponenten und Rohstoffe verfolgt werden kann.
„Ein Großteil des Wertes eines jeden Produktes oder Vermögenswertes hängt heute von den Informationen und der Art und Weise ab, wie wir auf diese Informationen zugreifen können“, sagte Robert Konrad, Berater für Biodiversität bei der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission (GD ENV).
Er erklärte, dass der digitale Pass einen Informationsfluss entlang der Wertschöpfungsketten schaffen soll, der „den gesamten Weg eines Produkts von der Wiege bis zur Bahre abdeckt, noch bevor es in die Wirtschaft gelangt.“
„Im Moment gehen alle Daten, die für die Optimierung der Wertschöpfungskette eines Produkts entlang der Wertschöpfungskette nützlich sein könnten, verloren“, sagte er und fügte hinzu, dass dies nicht nur für die Informationen für die Verbraucher gelte, sondern auch für die Informationen zwischen den Unternehmen.
Ihm zufolge seien bereits Beispiele für Labels privater Unternehmen oder freiwillige digitale Produktpässe vorhanden, die sich bei der Erfassung von Werten und der Verbesserung der Logistik als äußerst effizient erwiesen hätten.
„Wir glauben, dass der digitale Produktpass eine Brücke über viele Initiativen oder Anreize in der Wertschöpfungskette schlagen und das Kreislaufwirtschaftsmodell ermöglichen wird“, sagte er.
[Bearbeitet von Alice Taylor]