Armenischer Premierminister: Abhängigkeit von Russland war ein Fehler
Sich bei der Sicherheit seines Landes ausschließlich auf Russland zu verlassen, sei ein strategischer Fehler gewesen, so der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan. Moskau sei dabei, seine Rolle in der Region zu reduzieren.
Sich bei der Sicherheit seines Landes ausschließlich auf Russland zu verlassen, sei ein strategischer Fehler gewesen, so der armenische Premierminister Nikol Paschinjan. Moskau sei dabei, seine Rolle in der Region zu reduzieren.
In einem Interview mit der italienischen Zeitung La Repubblica, das am Sonntag (3. September) veröffentlicht wurde, warf Nikol Paschinjan Russland vor, angesichts der Aggression des benachbarten Aserbaidschan wegen der abtrünnigen Region Bergkarabach nicht für die Sicherheit Armeniens zu sorgen.
Pashinyan deutete an, dass Moskau, das einen Verteidigungspakt mit Armenien geschlossen hat und dort einen Militärstützpunkt unterhält, sein Land nicht als ausreichend pro-russisch ansieht. Laut ihm ist Russland dabei, die gesamte Südkaukasusregion zu verlassen.
Trotz der Mitgliedschaft Armeniens in der von Russland geführten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), einem zwischenstaatlichen Militärbündnis in Eurasien, hat Moskau in den letzten Monaten öffentlich Aserbaidschans Anspruch auf Bergkarabach unterstützt. Zudem wurde Eriwan für die anhaltende Blockade Bergkarabachs verantwortlich gemacht.
Armenien probiert derzeit, seine Sicherheitsvorkehrungen zu diversifizieren, indem es engere Beziehungen zur Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern in der Region anstrebt.
„Armeniens Sicherheitsarchitektur war zu 99,999 Prozent an Russland gebunden, auch bei der Beschaffung von Waffen und Munition“, so Pashinyan gegenüber La Repubblica.
„Aber heute sehen wir, dass Russland selbst Waffen und Munition [für den Krieg in der Ukraine] braucht, und in dieser Situation ist es verständlich, dass die Russische Föderation die Sicherheitsbedürfnisse Armeniens nicht befriedigen kann, selbst wenn sie es wollte.“
„Dieses Beispiel sollte uns zeigen, dass die Abhängigkeit von nur einem Partner in Sicherheitsfragen ein strategischer Fehler ist,“ erklärte Pashinyan.
Seine Worte unterstreichen den Unmut innerhalb Armeniens über das, was viele dort als Versagen Russlands bei der Verteidigung ihrer Interessen ansehen.
Aus Moskau, das bei den Gesprächen zwischen Armenien und Aserbaidschan im Rahmen der komplexen Suche nach einem Friedensabkommen den Vorsitz führt, gab es keine unmittelbare Reaktion auf Paschinjans Interview.
Moskau hat sich in der Vergangenheit gegen derartige Kritik gewehrt, sein Vorgehen verteidigt und die Vorstellung zurückgewiesen, dass es seine außenpolitischen Prioritäten wegen der Ukraine zurückgeschraubt habe.
Bergkarabach ist international als Teil Aserbaidschans anerkannt, seine 120.000 Einwohner sind jedoch überwiegend ethnische Armenier. Anfang der 1990er Jahre löste es sich in einem Krieg von der Kontrolle Bakus. Im Jahr 2020 kam es erneut zu schweren Kämpfen, bis Russland einen Waffenstillstand vermittelte.
Paschinjan warf den russischen Friedenstruppen, die zur Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens eingesetzt wurden, vor, ihre Aufgabe nicht erfüllt zu haben.
[Bearbeitet von Georgi Gotev/Kjeld Neubert]