Ausbreitung von COVID wurde wohl durch Luftverschmutzung verschlimmert

Da die Wissenschaft immer mehr Zusammenhänge zwischen Luftverschmutzung und den Auswirkungen von COVID aufdeckt, wächst der Druck auf die Kommission angesichts der anstehenden Überarbeitung der EU-Luftqualitätsrichtlinie.

EURACTIV.com
Air pollution in Sarajevo
Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Ausbruch von COVID durch die Luftverschmutzung verstärkt wurde [EPA-EFE/FEHIM DEMIR]

Nachdem immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und den Auswirkungen von COVID-19 vorliegen, wächst der Druck auf die Europäische Kommission, bei der anstehenden Überarbeitung der EU-Luftqualitätsrichtlinie ehrgeizige Ziele zu setzen.

Luftverschmutzung wird bereits seit Längerem mit einer Vielzahl von Krankheiten in Verbindung gebracht wird. Nun haben Wissenschaftler:innen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie begonnen, den Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten wie COVID-19 und Luftverschmutzung zu erforschen.

Auf einer Veranstaltung der European Public Health Alliance (EPHA) am Donnerstag (10. Februar) wiesen zwei Forschende darauf hin, dass es immer mehr Hinweise darauf gebe, dass die Luftverschmutzung die Ausbreitung und den Schweregrad von COVID verschlimmert haben könnte.

In einer Studie der niederländischen Beratungsfirma CE Delft, die die Situation in den Niederlanden untersucht hat, heißt es: „Wäre die Luftverschmutzung geringer, wären weniger Corona-Maßnahmen erforderlich gewesen“ und „wären die politischen Bemühungen zur Vermeidung von Luftverschmutzung stärker gewesen, hätten erhebliche soziale Kosten vermieden werden können“.

Doch trotz dieser ersten Ergebnisse sind weitere Forschungen zu diesem Thema erforderlich.

„Die Beziehung zwischen Luftverschmutzung und Virusübertragbarkeit ist immer noch unsicher, so dass mehr Forschung nötig ist (…). Dennoch können wir feststellen, dass der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Ansteckung ein zusätzliches Argument für eine ehrgeizige Luftqualitätspolitik darstellt“, so Daan Juijn, Mitautor der niederländischen Studie „Air pollution and COVID-19“.

Unterstützt wurde er dabei von Annette Peters, einer Forscherin am Helmholtz Zentrum München für Epidemiologie, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt hat:

„Es gibt neue Hinweise darauf, dass die Luftverschmutzung mit Infektionskrankheiten zusammenhängt, was wir bisher vielleicht übersehen haben“, sagte sie auf der Veranstaltung. Die Pandemie-Situation sei aber komplex, daher seien noch Studien erforderlich, um die Auswirkungen vollständig zu verstehen.

„Wir stehen also noch am Anfang. Es sind jedoch Maßnahmen zur Verringerung der Luftverschmutzung erforderlich“, so Peters.

Die niederländische Studie konzentriert sich auf die Corona-Situation und den Grad der Luftverschmutzung in den Niederlanden und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die sozialen Kosten (sowohl wirtschaftlicher als auch nichtwirtschaftlicher Art, wie zum Beispiel das Wohlbefinden) der zusätzlichen Corona-Maßnahmen, die aufgrund der Luftverschmutzung erforderlich waren, auf rund 11 Milliarden Euro belaufen.

Dies entspricht etwa 1,5 Prozent des niederländischen BIP.

Diesbezüglich wies Juijn darauf hin, dass diese Zahlen in Ländern mit höherer Luftverschmutzung höher sein könnten. Sowohl er als auch Peters forderten mehr Forschung in diesem Bereich.

Höhere Ambitionen in der überarbeiteten Luftqualitätsrichtlinie

Die Lockdowns zur Eindämmung von COVID führten zu einer vorübergehenden Verbesserung der Luftqualität. Trotzdem erklärte die Europäische Umweltagentur (EEA) in einem Bericht vom November 2021, dass die Luftverschmutzung immer noch für 307.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr allein in Europa verantwortlich ist.

Der Luftqualitäts-Viewer der EEA zeigt die in den europäischen Städten gemessenen Feinstaubwerte. Dabei stellt sich heraus, dass der größte Teil der am stärksten belasteten Städte in den östlichen und südlichen Teilen des Kontinents liegt.

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im September ihre neuen globalen Luftqualitätsrichtlinien vorgestellt hat, hat die Europäische Kommission damit begonnen, eine Überarbeitung der EU-Luftqualitätsrichtlinie aus dem Jahr 2008 zu prüfen. Die Kommission wird voraussichtlich im dritten Quartal dieses Jahres einen entsprechenden Vorschlag vorlegen.

Es werde großer Anstrengungen zur Verwirklichung der sehr ehrgeizigen Ziele der WHO bedürfen, sagte Vicente Franco, politischer Referent in der Generaldirektion Umwelt der Kommission, auf der Veranstaltung.

„Alles liegt auf dem Tisch“, sagte er. So würden neben der Überarbeitung des Rechtsrahmens unter anderem Sanktionen, der Einsatz von Luftqualitätsmodellen, Verbesserungen bei der Überwachung und die Frage, wie die Mitgliedstaaten Luftqualitätspläne erstellen sollten, überprüft.

„Eine der Rückmeldungen, die wir von Interessenvertreter:innen, einschließlich der Mitgliedstaaten, erhalten haben, ist, dass diese Aspekte der Überwachung, der Modellbildung und der Luftqualitätspläne in der Richtlinie vielleicht zu wenig spezifiziert sind. Sie würden ein höheres Maß an Harmonisierung bei der Spezifizierung der Vorgehensweise begrüßen“, sagte Franco.

Bis dahin „brauchen wir sehr starke politische Maßnahmen, um die durch die Luftverschmutzung verursachte Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen, denn die Zahlen sind schockierend,“ so Ugo Taddei, Direktor für Natur und Gesundheit bei der NGO Client Earth.

„Darauf müssen politische Entscheidungsträger und die Zivilgesellschaft eine klare Antwort geben“, fügte er hinzu.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]