Bericht: Lücke bei Cyberfähigkeiten wird immer größer

Die Lücke bei den Cyberfachkräften wächst in Europa schneller als sie geschlossen wird. Europa droht damit zu einem internationalen Nachzügler zu werden, warnt ein Bericht der Cybersicherheitsorganisation (ISC)².

Euractiv.com
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Die von (ISC)² durchgeführte Analyse des Fachkräftemangels im Bereich der Cybersicherheit ergab, dass die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften im Bereich der Cybersicherheit schneller wächst als das Angebot an Arbeitskräften. Die Analyse ergab, dass in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) 317.050 Fachkräfte für Cybersicherheit fehlen. [Gorodenkoff / ShutterStock]

Die Lücke bei den Cyberfachkräften wächst in Europa schneller als sie geschlossen wird. Europa droht damit zu einem internationalen Nachzügler zu werden, warnt ein Bericht der Cybersicherheitsorganisation (ISC)².

Die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften im Bereich der Cybersicherheit wächst derzeit schneller als das Angebot, so die von (ISC)² durchgeführte Analyse. Insgesamt würden in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) 317.050 Fachkräfte für Cybersicherheit fehlen.

Dies entspricht einem Anstieg von etwa 60 Prozent innerhalb eines Jahres. Zwar fehlen auch global gesehen Fachkräfte, allerdings ist der Mangel an Arbeitskräften international lediglich um 26 Prozent gestiegen.

Gründe für den steilen Anstieg der Nachfrage nach Cybersicherheit sind die Einführung neuer Technologien wie künstliche Intelligenz oder Quantencomputer und der Trend von Unternehmen, auf mehr digitale Tools umzusteigen, die Cyberschutz benötigen.

Das Missverhältnis deutet auch auf einen Mangel an Management und Aufsicht hin. Dadurch erhöht sich das Risiko von Cyberangriffen in EU-Organisationen, die sich nicht angemessen gegen Cyberkriminalität schützen können.

Die geopolitischen Spannungen im Zusammenhang mit der russischen Invasion in der Ukraine haben diesen Mangel an Vorbereitung noch verschlimmert.

Ein weiterer Grund für den Anstieg des Fachkräftemangels im Cyberbereich ist die Einführung neuer politischer Maßnahmen, die mehr qualifizierte Fachkräfte in diesem Bereich erfordern.

Laut der EU-Agentur für Cybersicherheit, ENISA, wird die Zahl der benötigten Cyber-Fachleute voraussichtlich steigen, da die überarbeitete Richtlinie über Netze und Informationen (NIS2) besondere Verpflichtungen für Einrichtungen einführt, die als wesentlich oder wichtig für die Gesellschaft gelten.

„Der Mangel an qualifizierten Fachkräften könnte sich durch den kommenden Rechtsrahmen noch vergrößern“, sagte ein ENISA-Sprecher gegenüber EURACTIV.

Die Antwort der Europäischen Kommission auf diese Qualifikationslücke war die Cyber Skills Academy, die die verschiedenen öffentlichen und privaten Initiativen zur Umschulung der Arbeitskräfte zusammenführen und ihre Gesamtwirkung messen soll.

Zu den weiteren Initiativen gehören der Europäische Qualifikationspakt, der Kompetenzen und Arbeitsmarkt besser aufeinander abstimmen soll, sowie eine Datenbank, die es ermöglicht, von Hochschulen angebotene Cybersicherheitsprogramme zu suchen und zu finden (CyberHEAD).

Die EU im weltweiten Vergleich

In einem separaten Bericht analysierte (ISC)² die Cybersicherheitspolitik und -ansätze der EU, des Vereinigten Königreichs, der USA, Kanadas, Japans und Singapurs. Ziel war es, die Dynamik des Arbeitskräftemangels im Bereich der Cybersicherheit zu verstehen, der weltweit auf etwa 3,4 Millionen Menschen geschätzt wird.

Die Studie ergab, dass die verschiedenen Länder ähnliche Initiativen ergriffen haben, insbesondere um junge Menschen in Berufen der Cybersicherheit zu halten. Der Bericht wies auch darauf hin, dass es den Initiativen im Allgemeinen an Klarheit in Bezug auf ihre Verpflichtungen und ihre Wirksamkeit mangelt, insbesondere wenn sie nicht verbindlich sind.

Der Fachkräftemangel spiegelt die Grenzen der Bildungs- und Ausbildungssysteme sowie der politischen Maßnahmen zur Förderung und Vorbereitung der benötigten Cyberexperten wider. Zu den häufigen Hindernissen für die Teilnahme am Cyberspace gehören fehlende digitale Grundkenntnisse und finanzielle Hürden.

„Das derzeitige Ausbildungsangebot muss flexibler gestaltet werden, um auf den sich rasch ändernden Qualifikationsbedarf in diesem Sektor reagieren zu können und für eine breite Gruppe von Lernenden zugänglich zu sein“, heißt es in dem Bericht.

Der Fall Deutschland

Eine im Februar veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dass der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im Bereich der Digitalisierung, zu dem auch Cybersecurity-Experten gehören, bis 2026 fast 106.000 Personen erreichen könnte.

Für etwa jede zweite offene Stelle gab es im Jahr 2021 bundesweit keine entsprechend qualifizierten Arbeitslosen. Bis 2026 wird dieser Anteil voraussichtlich um weitere 23 Prozent steigen.

Um diese Dynamik zu ändern, indem der Einstieg in den Bereich der Cybersicherheit erleichtert und Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden, hat Deutschland Initiativen wie MINT-Nachwuchs und Make it in Germany gestartet.

„Die Situation wird sich voraussichtlich nur langsam ändern, da Veränderungen im Bildungssystem nur mittel- bis langfristig wirken“, erklärt Vera Demary, Digitalexpertin beim Institut der deutschen Wirtschaft.

Hinzu kommt, dass Bildung in Deutschland in die Zuständigkeit der Bundesländer fällt. Das erschwert die Einführung identischer Maßnahmen, da sich die Bildungslandschaft von Region zu Region unterscheidet und die deutschen Schulen nicht bundesweit die gleichen Schwerpunkte setzen.

FDP-Politiker Alexander Müller betonte am vergangenen Freitag, dass ein mehrdimensionaler Ansatz für die Änderung der Rekrutierungspolitik der deutschen Streitkräfte notwendig wäre.

„Einerseits müssen wir die besten Bildungs- und Ausbildungsperspektiven bieten, andererseits müssen wir den öffentlichen Sektor für neue Beschäftigungsmodelle öffnen“, so Müller gegenüber EURACTIV.

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Zoran Radosavljevic]