Besorgnis über Beschuss nahe ukrainischem Atomkraftwerk

Russische Streitkräfte haben ukrainische Städte auf der anderen Seite des Flusses in der Nähe des Kernkraftwerks Saporischschja beschossen, wie Beamte mitteilten.

EURACTIV.com mit Reuters
epa09921722 A picture taken during a visit to Mariupol organized by the Russian military shows a general view of the Zaporizhzhia Nuclear Power Station in Enerhodar, southeastern Ukraine,  01 May 2022. The Zaporizhzhia Nuclear Power Station is under control of the Russian National Guard, the Ukrainian military that guarded the facility handed over their weapons and were released on 09 March according to Andriy Shevchik, head of the Enerhodar city administration. On 24 February Russian troops entered Ukrainian territory in what the Russian president declared a ’special military operation‘, resulting in fighting and destruction in the country, a huge flow of refugees, and multiple sanctions against Russia.  EPA-EFE/SERGEI ILNITSKY
Ein Bild, das während eines vom russischen Militär organisierten Besuchs in Mariupol aufgenommen wurde, zeigt einen Überblick über das Kernkraftwerk Saporischschja in Enerhodar im Südosten der Ukraine, 1. Mai 2022. [EPA-EFE/SERGEI ILNITSKY]

Russische Streitkräfte haben ukrainische Städte auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses nahe dem Kernkraftwerk Saporischschja beschossen, wie ukrainische Beamt:innen mitteilten. Auch von Beschuss in der direkten Umgebung der Anlage wird berichtet.

Saporischschja, Europas größtes Kernkraftwerk, war im März von russischen Truppen eingenommen worden, wird aber weiter von ukrainischem Personal betrieben. Die Anlage ist ein wichtiger Brennpunkt in dem seit sechs Monaten andauernden Konflikt, wobei beide Seiten sich gegenseitig die Schuld für den jüngsten Beschuss rund um das Kraftwerk zuschieben.

Russische Streitkräfte hätten auf die Stadt Enerhodar, in der sich das Kraftwerk befindet, geschossen, erklärte der Stabschef des ukrainischen Präsidenten am späten Sonntag (28. August) auf seinem Telegram-Kanal neben einem Video von Feuerwehrleuten, die brennende Autos zu löschen versuchen.

„Sie provozieren und versuchen, die Welt zu erpressen“, sagte Generalstabschef Andriy Yermak.

Russische Streitkräfte setzten nach Angaben ukrainischer Beamt:innen vor Ort auch ihren Beschuss im Donbas, dem industriellen Kernland der Ukraine im Osten, fort.

In seiner nächtlichen Ansprache am Sonntag versprach Präsident Selenskyj, dass „die Besatzer die Konsequenzen spüren werden – in den weiteren Aktionen unserer Verteidiger.“

„Kein Terrorist wird einer Antwort auf die Angriffe auf unsere Städte entgehen können. Saporischschja, Orichiw, Charkiw, Donbas – für sie alle werden sie eine Antwort erhalten“, sagte er.

Seit dem Einmarsch russischer Truppen über die ukrainische Grenze im Februar, den der russische Präsident Wladimir Putin als „besondere Militäroperation“ bezeichnete, hat sich der Konflikt zu einem Abnutzungskrieg entwickelt, der hauptsächlich im Osten und Süden der Ukraine ausgetragen wird.

Strahlung weiterhin „normal“

Das US-Außenministerium erklärte am Sonntag, Russland wolle das gravierende radiologische Risiko in der südukrainischen Anlage nicht anerkennen und habe den Entwurf eines Abkommens über die Nichtverbreitung von Kernwaffen blockiert, weil darin ein solches Risiko erwähnt werde.

Die Vereinten Nationen und die Ukraine haben den Abzug von Militärausrüstung und -personal aus der Anlage gefordert, um sicherzustellen, dass sie nicht zur Zielscheibe wird.

Das russische Verteidigungsministerium meldete jedoch weiteren ukrainischen Beschuss der Anlage am Wochenende.

Neun von der ukrainischen Artillerie abgefeuerte Granaten seien auf dem Gelände der Anlage gelandet, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow.

„Gegenwärtig überwacht technisches Personal in Vollzeit den technischen Zustand des Kernkraftwerks und stellt seinen Betrieb sicher. Die Strahlungssituation in der Umgebung des Kernkraftwerks ist weiterhin normal“, sagte er in einer Erklärung.

Da in dem von der Tschernobyl-Katastrophe gezeichneten Land die Angst vor einem nuklearen Unfall wächst, verteilen die Behörden in Saporischschja Jodtabletten und schulen die Einwohner:innen, wie sie diese im Falle eines Strahlungslecks verwenden können.

Der ukrainische Atomkonzern Energoatom erklärte, keine neuen Informationen über Angriffe auf die Anlage zu haben, und Reuters konnte die Berichte über Angriffe nicht verifizieren.

Der Gouverneur der Region, Oleksandr Starukh, teilte am Sonntag auf Telegram mit, dass die russischen Streitkräfte Wohnhäuser in der Hauptstadt Saporischschja, die etwa zwei Autostunden von der Anlage entfernt liegt, und in der weiter östlich gelegenen Stadt Orichiw angegriffen hätten.

Das ukrainische Militär meldete den Beschuss neun weiterer Städte in dem Gebiet auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Dnipro, während die staatliche russische Nachrichtenagentur die Behörden mit der Aussage zitierte, sie hätten eine ukrainische Drohne abgeschossen, die das Atommülllager der Anlage angreifen wollte.

Die Internationale Atomenergiebehörde wartet auf die Freigabe für einen Besuch der Anlage, die nach Angaben des Leiters der UN-Atomaufsichtsbehörde „sehr, sehr nahe“ sein soll. Zwei der Reaktoren der Anlage waren letzte Woche aufgrund von Beschuss vom Stromnetz abgeschnitten.

Forderung nach Sanktionen

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar wurden Tausende von Menschen getötet, Millionen vertrieben und Städte in Schutt und Asche gelegt. Der Krieg hat auch die Weltwirtschaft mit einer Energie- und Nahrungsmittelkrise bedroht.

Der russische Beschuss hat zu einer weiteren Vertreibung der Zivilbevölkerung im Osten geführt, wo drei Viertel der Bevölkerung aus der Frontregion Donezk geflohen sind, wie der Gouverneur der Region mitteilte.

Nach Angaben der ukrainischen Polizei beschossen die russischen Streitkräfte am Sonntag fünf Gebiete in Donezk.

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben wegen des Einmarsches in die Ukraine weitreichende Sanktionen gegen Russland verhängt und der ukrainischen Regierung Sicherheitshilfen in Höhe von Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt.

Russland hat erklärt, Sanktionen würden es niemals dazu bringen, seine Haltung zur Ukraine zu ändern, und westliche Waffenlieferungen würden den Konflikt nur in die Länge ziehen.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba wird diese Woche nach Schweden und Tschechien reisen und dort auf weitere Sanktionen gegen Russland drängen, darunter ein EU-weites Visumverbot für Russen.

Die EU-Außenminister, die sich diese Woche treffen, werden sich wahrscheinlich nicht einstimmig für ein Visumverbot für alle Russen aussprechen, sagte der EU-Chefdiplomat Josep Borrell dem österreichischen ORF.