Eurotunnel bereitet sich auf Brexit vor
Aufgrund des Brexits und damit einhergehenden neuen Kontrollen könnte es am Eurotunnel zwischen Calais und Dover bald zu Verzögerungen kommen.
In Calais zählt jede Minute: Der Verkehrsfluss am Eingang des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal soll möglichst flüssig bleiben. Mit der wahrscheinlichen Einführung neuer Kontrollen nach dem Brexit entwickelt sich für den Standort ein Rennen gegen die Zeit. EURACTIVs Medienpartner Ouest-France berichtet.
Im Raum herrscht Stille. Die Blicke sind auf eine Wand aus Bildschirmen gerichtet. Gendarmerie und andere Sicherheitskräfte suchen nach illegalen Einwanderern. Auf den 650 Hektar des Calais-Standorts des Eurotunnels werden 600 Kameras eingesetzt.
„Wir haben gerade Migranten in einem LKW aufgespürt,“ sagt ein Sicherheitsbeamter. Seit 2015 sei dies traurige Routine. „Kein Tag vergeht, ohne dass wir welche finden,“ erklärt er.
In Calais zählt jede Minute. Die Einreisekontrolle – durchgeführt mit Hilfe von Spürhunden und auch Sensoren zur Erkennung von Herzschlägen und CO2 – ist nur einer der Kontrollpunkte, die LKW durchfahren müssen.
Aktuell gibt es acht solcher Punkte. Was nach dem britischen EU-Ausstieg zu erwarten ist, weiß hier noch niemand. Sicher ist nur, dass die Polizei, der Zoll und die Veterinärbehörden zusätzliche Kontrollen durchführen werden müssen. Die tatsächliche Anzahl der Überprüfungen wird von der Brexit-Vereinbarung zwischen London und Brüssel abhängen.
Die Checks sind schon heute kostspielig und vor allem zeitaufwändig. Insbesondere Zusteller von Expresspaketen, die zu den Hauptnutzern des Tunnels gehören, dürften über zusätzliche Kontrollen (und somit Zeitverzögerungen) nicht zufrieden sein.
Speditionen in Sorge
Doch auch andere Industrien sind betroffen. Beispiel Autofirmen: Ob deutsche Federungen, niederländische Auspuffanlagen, ungarische Sicherheitsgurte oder spanische Reifen: Die britischen Automobilhersteller, die jedes Jahr rund eine Million Fahrzeuge auf den europäischen Markt bringen, arbeiten mit „höchstens zwei Stunden Lagerbestand“, erklärt Kommunikationsdirektorin Anne-Laure Descleves.
Die Spediteure sorgen sich daher im Vorfeld des Brexits. Jacques Gounon, CEO und Vorstandsvorsitzender der Eurotunnel-Gruppe, versucht, zu beruhigen: Seit zwei Jahren arbeite man daran, „die zusätzlichen Kontrollen in den praktischen Abfertigungsablauf des Eurotunnels zu integrieren“.
So müssten die LKW-Fahrer inzwischen nicht mehr ständig aus ihren Fahrzeugen steigen. Ein Gate scanne ihre Waren in Sekundenschnelle. Auch die Nummernschilder werden an der Mautstation automatisch identifiziert. Dies sei besonders praktisch für die 80 Prozent der Fahrer, die mindestens einmal pro Woche in Calais in den Tunnel fahren.
Bisher: Effizientes System
Um Staus zu vermeiden, wurden bereits sogenannte „Simultanchecks“ eingeführt. „Früher haben wir eine Frachtkontrolle mit Hunden durchgeführt, dann eine weitere für die LKW-Abdeckungen, um Unfälle im Tunnel zu vermeiden,“ erinnert sich Descleves. Inzwischen müssten die LKW nicht mehr zweimal anhalten; die Überprüfungen werden nun gleichzeitig und an derselben Station durchgeführt.
Auch beim Verlassen des Tunnels gebe es keine Zollkontrollen mehr. An den Tunneleingängen in Calais und Folkestone seien die französische und die britische Grenzpolizei nur rund 50 Meter voneinander entfernt stationiert.
Nach der 35-minütigen Zugfahrt durch den Tunnel dauert es heute weniger als 15 Minuten, bis die LKWs entladen sind. Sie können ihre Reise dann auf der nahegelegenen Autobahn sofort fortsetzen, ohne erneut am Zoll „anstehen“ zu müssen, erläutert Descleves.
Bald: Weitere Kontrollen
So effizient die heutigen Maßnahmen auch sein mögen, sie werden nicht ausreichen, um die Zeit auszugleichen, die durch die neuen Hygiene- und Zollmaßnahmen nach dem Brexit verloren geht.
Die Eurotunnel-Betreiber kämpfen aktuell darum, immerhin die Kontrollstellen auf ihrem Betriebsgelände zu behalten. Der französische Staat würde es hingegen vorziehen, die Kosten zu begrenzen, indem ein gemeinsamer Kontrollpunkt für den Tunnel und den Fährhafen eröffnet wird. Aktuell liegen diese beiden Punkte rund 15 Kilometer voneinander entfernt.
Diese Idee missfällt aber sowohl den Hafenbetreibern von Calais als auch der Eurotunnel-Gruppe, die ihre jeweiligen Kunden „für sich“ behalten wollen.
Fest steht: Langsam muss Bewegung in die Streitbeilegung kommen. Denn insbesondere, wenn keine Einigung zwischen London und Brüssel erzielt wird, muss am 30. März 2019 um Mitternacht auf französischer Seite und um 23.00 Uhr auf britischer Seite alles bereit sein für neue Kontrollen.

Im Inneren des Eurotunnels. Foto: Cécile Réto.
