Chinas Industriestrategie auf „Kollisionskurs“ mit deutschen Spitzenexportbranchen
Subventionierte chinesische Exporte gefährdeten zunehmend die Überlebensfähigkeit der deutschen Top-Exporteure auf den globalen Märkten. Dadurch befänden sich beide Staaten auf einem „Kollisionskurs“, erklärten Experten gegenüber Euractiv.
Subventionierte chinesische Exporte gefährdeten zunehmend die Überlebensfähigkeit der deutschen Top-Exporteure auf den globalen Märkten. Dadurch befänden sich beide Staaten auf einem „Kollisionskurs“, erklärten Experten gegenüber Euractiv.
Die „Überkapazitäten“ der chinesischen Industrie waren in jüngster Zeit mehrfach Gegenstand von Streitigkeiten mit der EU. Dies betraf vor allem die Anti-Subventionsuntersuchung der EU in Bezug auf Elektrofahrzeuge, die ab Oktober zur offiziellen Einführung zusätzlicher Zölle führen könnte.
Sander Tordoir, Chefökonom des Centre for European Reform, erklärte jedoch gegenüber Euractiv, das Thema gehe über Autos hinaus und bedrohe zunehmend Europas führende Exportwirtschaft.
„Die beiden Staaten und insbesondere [ihre] Auto- und Maschinenindustrien befinden sich auf Kollisionskurs“, sagte er. Dies sei zu einem großen Teil auf die „massive, industrieweite Subventionierung“ in China zurückzuführen.
„Die Überproduktion in China ist derzeit ziemlich überwältigend“, fuhr Tordoir fort. Dabei verwies er auf die hohe Industrieproduktion des Landes angesichts der anhaltend niedrigen Binnennachfrage.
„Die Zahl der verlustbringenden Industriebetriebe in China erreichte im März 2024 einen Höchststand von fast 180.000 – viel höher als jemals zuvor in den letzten 25 Jahren“, erklärte Tordoir. Diese Unternehmen seien von der chinesischen Regierung durch die Förderung von Exporten am Leben erhalten worden.
Die staatliche Finanzierung habe sich in den letzten Monaten vor allem auf „neue hochwertige Produktivkräfte“ konzentriert, so der Experte. Dies gelte insbesondere für „das obere Ende der [industriellen] Wertschöpfungskette“ – wie Autos, Maschinen, Chemikalien und Computerchips.
Dies bedeute, dass sich Chinas Industriesubventionen und seine allgemeine Industriestrategie „genau auf die Sektoren [konzentriert haben], in denen Deutschland tendenziell am stärksten ist, sowohl als Produzent als auch als Exporteur“, merkte er an.
Die Automobilindustrie ist mit einem Anteil von 17 Prozent an den Gesamtexporten im Jahr 2023 der größte deutsche Exportsektor. Es folgen der Maschinenbau (14 Prozent) und die Chemieindustrie mit neun Prozent.
Deutsches Exportmodell am Scheideweg?
Deutschland selbst wurde in der Vergangenheit oft für seine Handelsungleichgewichte kritisiert. Seit 2000 hat das Land jedes Jahr mehr Waren exportiert als importiert.
„Sowohl China als auch Deutschland sind Volkswirtschaften, die in gewissem Maße zu wenig konsumieren, und das führt auch zu einem Teil der Überproduktion“, erklärte Tordoir.
Indem Deutschland durch vergleichsweise niedrige Löhne und niedrige öffentliche Ausgaben mehr produziere als es verbrauche, habe es auch anderen Staaten „Kosten auferlegt“, meinte der Experte. Dies habe dazu geführt, dass andere Staaten Handelsdefizite aufwiesen, „um die [deutsche] Produktion aufzusaugen“, sagte er.
Während China eine ähnliche Strategie verfolgte, „wird [es] sehr schwierig, das deutsche Modell über Wasser zu halten“, fügte Tordoir hinzu. Dies liege vor allem an dem erschwerenden Faktor, dass es in Deutschland „nicht die Art von massiver industrieweiter Subventionierung gibt, die wir in China haben.“
„An einem bestimmten Punkt muss Deutschland eine große Entscheidung treffen“, so der Experte. „[Wird das Land] das ‚mach deinen Nachbarn zum Bettler‚-Modell weiterverfolgen oder sich einem ausgewogeneren Wirtschaftsmodell zuwenden“, was wiederum einen Teil des historischen Überschusses in Deutschland verringern würde, fragte er.
Erhöhtes „Überkapazitäts“-Risiko
Die chinesische „Überkapazitäts“-Hypothese ist jedoch nicht unumstritten. Einige Kritiker stellen ihre theoretischen Voraussetzungen infrage. Auch chinesische Interessenvertreter haben Zweifel an der Richtigkeit des Arguments geäußert. Parker Shi, Chef des chinesischen Automobilherstellers Great Wall Motor International, nannte es sogar ein „falsches Konzept.“
Für Ulrich Ackermann, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), ist das Problem jedoch real.
„China produziert so viel Maschinen wie die nächsten vier Länder zusammen“, sagte Ackermann. Er stellte fest, dass trotz des schwächelnden Binnenmarktes „weiter fröhlich produziert [wird].“
Ackermann glaubt, die chinesische Regierung „erhält Fabriken, die eigentlich nicht lebensfähig sind und schafft damit riesige Überkapazitäten, die jetzt vermehrt auf die Exportmärkte drängen.“
„Jede Provinz, jede Stadt und teilweise sogar jeder Stadtteil versucht, die Leute in Lohn und Brot zu halten – und subventioniert, was das Zeug hält, auf allen Ebenen“, fuhr er fort.
„Das heißt also, der Drang, auf die Exportmärkte zu gehen, ist noch mal stark gestiegen und der chinesische Staat fördert das auch mit entsprechenden Maßnahmen“, so Ackermann. „Zum Beispiel die [jährliche] Weltnachfrage nach Baggern steht in China auf Halde“, sagte er. Der chinesische Staat lege Lagerbestände an, um die Nachfrage zu decken.
Laut einer aktuellen Analyse des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ist der Marktanteil der chinesischen Maschinenexporte von rund drei Prozent im Jahr 2001 auf 18 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. 2020 hat China damit Deutschland als größten Maschinenexporteur der Welt überholt.
Der Hauptunterschied zwischen China und Deutschland bestehe laut Ackermann darin, dass deutsche Produkte auch ohne Subventionierung weltweit nachgefragt würden.
„Es ist keine Marktwirtschaft, wenn es 300 Fabriken für Elektromobile in China gibt, die noch nicht mal zu 50 Prozent ausgelastet sind – und zwar nicht temporär, sondern schon über einen längeren Zeitraum – und das Ganze am Laufen gehalten wird“, argumentierte er.
In ihrer am Anfang des Jahres veröffentlichten Untersuchung des chinesischen Elektrofahrzeugsektors stellte die Europäische Kommission fest, dass die Auslastung der chinesischen Autofabriken im Jahr 2022 bei 54,5 Prozent lag. Die Gesamtkapazität der Fabriken reichte aus, um 43 Millionen Autos zu produzieren, sowohl Elektroautos als auch Autos mit Verbrennungsmotor.
Im Vergleich dazu lag der Auslastungsgrad in der deutschen Automobilindustrie laut ifo Institut im Juli dieses Jahres bei 79 Prozent.
Gegenwind durch chinesische Billigimporte
Alicia García-Herrero, Senior Fellow beim Brüsseler Think-Tank Bruegel und Chefökonomin für den asiatisch-pazifischen Raum bei der französischen Investmentbank Natixis, unterstützte ebenfalls die Überkapazitäts-Theorie. Sie wies darauf hin, dass die chinesischen Überkapazitäten in den Bereichen Zement, Stahl und Solarmodule bisher besonders hoch gewesen seien.
García-Herrero sagte, dass der Chemiesektor seit 2016 von Überkapazitäten betroffen sei. Für den Maschinensektor, der derzeit kein vergleichbar großes Problem habe, rechne sie hingegen mit einer Verschärfung der Überkapazitäten.
„Ist das ein Problem für Deutschland? Offensichtlich“, meinte sie gegenüber Euractiv. Zwar profitiere die EU auch von billigen chinesischen Importen in Bereichen wie Solarmodule, doch für einen Nettoexporteur wie Deutschland sei die subventionierte chinesische Konkurrenz besonders problematisch.
„Ich würde Europa auf jeden Fall empfehlen, weiterhin Druck auf Chinas Dumping- und Subventionspolitik auszuüben“, sagte sie.
„Denn selbst wenn [die EU] in einigen Fällen davon profitiert, weil [sie] diese Produkte importiert, ist China so groß, dass es angesichts seiner Größe und seiner Größenvorteile sehr lange damit weitermachen kann“, erläuterte García-Herrero. Sie warnte, dass dies das Risiko berge, „die [europäische] Industrie zu zerstören.“
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Rajnish Singh/Kjeld Neubert]