Christian Hey: "Die Brücke steht schon"

Der Umweltrat (SRU) hält längere Laufzeiten für Atomkraftwerke für überflüssig, neue Kohlekraftwerke ebenso. Man könne nicht davon ausgehen, dass die Bundesregierung diese Position eins zu eins übernimmt, so Umweltrat-Generalsekretär Christian Hey im EURACTIV.de-Interview. Aber: "Nun gibt es starke Argumente und harte Fakten, mit denen man sich wird auseinandersetzen müssen."

Auch mit der CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) wird man die Kohlekraft nicht retten können, sagt Christian Hey, Generalsekretär des Umweltrates, im EURACTIV.de-Interview.  Foto: dpa.
Auch mit der CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) wird man die Kohlekraft nicht retten können, sagt Christian Hey, Generalsekretär des Umweltrates, im EURACTIV.de-Interview. Foto: dpa.

Der Umweltrat (SRU) hält längere Laufzeiten für Atomkraftwerke für überflüssig, neue Kohlekraftwerke ebenso. Man könne nicht davon ausgehen, dass die Bundesregierung diese Position eins zu eins übernimmt, so Umweltrat-Generalsekretär Christian Hey im EURACTIV.de-Interview. Aber: „Nun gibt es starke Argumente und harte Fakten, mit denen man sich wird auseinandersetzen müssen.“

ZUR PERSON

" /Christian Hey ist Generalsekretär des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU). Außerdem leitet Hey die Energie-Arbeitsgruppe des europäischen Netzwerks der Umwelt- und Nachhaltigkeitsräte (EEAC). Der SRU hat der Bundesregierung heute eine Studie zur Energiepolitik vorgelegt. Die Botschaft: Deutschland kann bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umsteigen. Für die Übergangszeit seien weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich.

EURACTIV.de: Herr Hey, wie utopisch ist der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien heute noch?

HEY: Er ist technisch möglich und ökonomisch sehr gut darstellbar. Das heißt aber noch nicht, dass er politisch schon gewollt wird oder alles schon auf den Weg gebracht wäre. Unsere optimistische Botschaft ist: eine erneuerbare Stromversorgung ist möglich, bezahlbar und sicher.

EURACTIV.de: In vielen Zukunftsszenarien spielen die fossilen Energieträger weiterhin die entscheidende Rolle…

HEY: Die meisten Skeptiker haben eine viel zu kurze Zeitperspektive, stellvertretend seien hier die Arbeiten der Deutschen Energie-Agentur (DENA) genannt. Es ist natürlich klar, bis 2020 oder 2030 wird es zu ehrgeizig sein, die Erneuerbaren so auszubauen, dass sie den gesamten Strom liefern. Daraus aber den Fehlschluss zu ziehen, wir müssten neue Kohle- und Atomkraftwerke bauen, wäre verkehrt. Der Übergang ist nach unserer Auffassung zumindest für Deutschland harmonisch darstellbar. Erneuerbare Energien können die alten, konventionellen Kraftwerke nach und nach ersetzen. Nach unseren Berechnungen müssten die Wachstumsraten der letzten Jahre nur in der kommenden Dekade fortgesetzt werden, um diese Aufgabe stemmen zu können.

EURACTIV.de: Sie beraten die Bundesregierung. Erwarten Sie, dass sich Schwarz-Gelb Ihren Forderungen anschließt?

HEY: Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag eigentlich ganz klar zum Ausbau der Erneuerbaren bekannt. Sie hat deutlich gesagt, dass Atom- und Kohlekraft nur Übergangstechnologien sind. Derzeit wird aber das deutsche Energiekonzept entwickelt, das klären soll, welche Rolle Atom- und Kohlekraft in der Übergangsphase spielen sollen. Es zeichnet sich ab, dass unterschiedliche Varianten der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke hinsichtlich der Kosten miteinander verglichen werden sollen. Der Übergang zu den Erneuerbaren ist dabei aus dem Blick geraten.

Der SRU schließt damit eine Lücke, die die Energieszenarien der Bundesregierung voraussichtlich hinterlassen werden. Wir machen mit unseren Analysen deutlich, dass es weder einer Laufzeitverlängerung, noch neuer Kohlekraftwerke bedarf, um den Übergang zu schaffen. Die Brücke steht schon. Wir werden nicht davon ausgehen können, dass die Bundesregierung diese Position eins zu eins übernimmt, aber nun gibt es starke Argumente und harte Fakten, mit denen man sich wird auseinandersetzen müssen.

Norwegen bedeutsamer als Nordafrika

EURACTIV.de: Derzeit wird viel über die "Green Coal" diskutiert. Liefert die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) nicht eine Möglichkeit, Kohlekraft klimafreundlich zu nutzen?

HEY: Mit CCS wird man die Kohleverstromung nicht retten können. Selbst mit dieser Technik werden die spezifischen CO2-Emission zu hoch sein. Im Jahr 2050 wird der Stromsektor absolut CO2-frei sein müssen. Außerdem: Wir wissen gar nicht genau, wie groß unsere Speicherkapazitäten sind. Haben wird die Lagerstätten, in die wir das CO2 hineinpumpen können? Die vorhandene Lagerkapazität brauchen wir für Kohlenstoff aus anderen Quellen. Wir werden z.B. CCS in Industriebereichen einsetzen müssen – etwa in der Zementherstellung.

EURACTIV.de: Für die Speicherung von Strom setzt der SRU auf eine enge Zusammenarbeit vor allem mit den skandinavischen Staaten wie Norwegen und Schweden, in denen Wasserkraft- und Pumpspeicherpotenziale zur Verfügung stehen. Welche Schritte empfehlen Sie hier der Bundesregierung?

HEY: Investitionen in die Netze und neue Pumpspeicherkraftwerke in Norwegen und Schweden werden nur vorgenommen, wenn Planungssicherheit herrscht und das Investitionsrisiko reduziert wird. Dazu gehören langfristige Planungshorizonte für den Ausbau der Off-Shore Windenergie, verbindliche langfristige Absprachen mit Norwegen und Schweden und eine deutliche Planungsbeschleunigung für die Landanbindung. In diesen Aspekten sind Großbritannien und die Niederlande weiter als Deutschland.

EURACTIV.de: Welche Rolle spielen Erneuerbare aus Südeuropa und Nordafrika in Ihrem Konzept? Haben Sie das geplante Wüstenstromprojekt DESERTEC miteinbezogen?

HEY: Wir haben auch europaweite Szenarien mit Nordafrika gerechnet. Sie können in der Endausbaustufe durchaus sinnvoll sein, zum Lastausgleich hilfreich sein, und die Kosten – insbesondere auch bei einer ungewollten Nachfragesteigerung nach Strom – in Grenzen halten. Aber sie sind für die deutsche Stromversorgung strategisch nicht so bedeutsam wie die Kooperation mit Norwegen. Die nordische Kooperation sollte zeitlich Vorrang haben. Sie wird in jedem regenerativen Szenario benötigt.

"Man wird sich entscheiden müssen"


EURACTIV.de:
Welche Erwartungen setzen Sie in die EU-Energiepoltik?

HEY: Kohle und Atom sind in vielen europäischen Staaten hochgradig umstritten. Europa hat gerade wegen des Streits um die Energieträger in den vergangenen Jahrzehnten keine wirkichen Fortschritte gemacht. Erst seit kurzem werden die Chancen einer europäischen Technologieführerschaft durch die erneuerbaren Energien erkannt. Erst damit und mit der Klimadiskussion beginnt eigentlich erst eine ernstzunehmende europäische Energiepolitik jenseits des Binnenmarktes.

Ich gehe davon aus, dass die Umsetzung der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie der Startpunkt für einen Siegeszug der Erneuerbaren auch in anderen europäischen Ländern sein wird. Vorausgesetzt, andere energiepolitischen Entscheidungen halten diesen Siegeszug nicht auf.

EURACTIV.de: Welche Entscheidungen könnten bremsen?

HEY: Wenn man europaweit auf neue Großkraftwerke setzt, wird man im Energiesystem Widerspürche hervorrufen. Sowohl Kohle als auch Atom sind nicht flexibel genug, um sich an die Schwankungen bei den Erneuerbaren anzupassen.

EURACTIV.de: Was erwarten Sie von EU-Energiekommissar Günter Oettinger?

HEY: In die Amtzeit von Herrn Oettinger fallen sehr wichtige Weichenstellungen. Herr Oettinger hat als Mandat, darüber nachzudenken, wie eine Dekarbonisierung des Stromsektors zu realisieren ist.

Ich erwarte, dass er die erneuerbare Option sehr ernsthaft bedenkt und nicht von vorne herein ausschließt. Gerade in letzter Zeit sind etliche Studien veröffentlicht worden, die die Machbarkeit und ökonomische Vorteilhaftigkeit einer erneuerbaren Vollversorgung Europas belegen.

Unser Argument ist: ein Portfolio fossiler und erneurbarer Energien wird nicht aufgehen. Man wird sich entscheiden müssen. In welche Infrastrukturen investiert man Geld? Setzt man auf ein modernes, smartes, flexibles Energiesystem oder auf das alte starre und rigide System, das auch technologisch überholt ist?

Interview: Alexander Wragge

Hinweis: Mehr zur zukünftigen EU-Energiepolitik finden Sie im EURACTIV.de Yellow Paper. Die Sonderpublikation versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

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In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:

Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)