Die Reform des europäischen Strommarktes: Eine Analyse
Die EU steht kurz davor, die Reform ihres Strommarktes zu verabschieden. Sie ist eine wichtige Errungenschaft der aktuellen Amtszeit, aber nur der Grundstein für das künftige europäische Stromsystem. Zahlreiche Anpassungen stehen bevor.
Die EU steht kurz davor, die Reform ihres Strommarktes zu verabschieden. Sie ist eine wichtige Errungenschaft der aktuellen Amtszeit, aber nur der Grundstein für das künftige europäische Stromsystem. Zahlreiche Anpassungen stehen bevor.
Die Europaabgeordneten haben am vergangenen Donnerstag (11. April) die Reform des europäischen Strommarktes verabschiedet, die das Ergebnis des im Dezember gefundenen europäischen Konsenses ist. Nun muss sie noch formal von den Mitgliedstaaten bestätigt werden, um vollständig angenommen zu werden.
Das Ziel dieser Reform ist vor allem, den Anstieg der Strompreise in Krisenzeiten einzudämmen und Investitionen in CO2-arme Stromerzeugungsanlagen zu fördern. Schließlich muss die EU, um ihre Ziele zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu erreichen, im Jahr 2030 70 Prozent ihres Strommixes aus erneuerbaren Energien beziehen und insgesamt 85 Prozent aus CO2-armen Anlagen.
Mit einem solchen Mix „wird das Funktionieren des Marktes [nach 2030] erratischer sein als heute, da er aus schwankenden Quellen besteht“, wie Wind- oder Solarenergie, erklärte Andreas Rüdinger, Forscher beim Think-Tank für die Energiewende IDDRI, gegenüber Euractiv.
Um Stromausfälle zu vermeiden, muss garantiert sein, dass das Stromangebot jederzeit genau der Nachfrage entspricht.
Die hohe Verbreitung von Wind- und Solaanlagen, die nicht immer auf Abruf zur Verfügung stehen und unregelmäßig überdurchschnittlich viel oder wenig Strom einpeisen, wird diese Aufgabe noch viel schwieriger machen als bisher.
Die Konsequenz daraus ist, dass der Bedarf an Netzausgleich sehr hoch sein wird. „Das Schlüsselwort wird die ‚Flexibilität‘ sein […], die in der Lage ist, ein kurzfristiges, unbeständiges Preissignal zu geben und gleichzeitig eine langfristige Perspektive – 15 bis 20 Jahre – für die Verbraucher, insbesondere die Industrie, zu bieten“, ergänzte der Forscher.
Flexibilität bedeutet, das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage über Stunden und Tage hinweg zu gewährleisten. Diese Fähigkeit der Anpassung wird sich nach Schätzungen der EU bis 2030 verdoppeln müssen.
Technische Lösungen wie Batterien oder Wasserkraft können diese Flexibilität bieten, aber die Märkte müssen Anreize für die Netzbetreiber schaffen, diese Lösungen einzusetzen und zu nutzen. Daher die Bedeutung der europäischen Strommarktregeln.
Die politischen Entscheidungsträger stehen jedoch vor einem schwierigen Balanceakt: Das Stromsystem braucht einerseits eine Kombination aus stabiler und kostengünstiger langfristiger Stromerzeugung, andererseits aber auch eine reaktivere (und teurere) kurzfristige Stromerzeugung. Die Marktregeln müssen Anreize für die Bereitstellung beider Arten von Strom schaffen.
Mehrere EU-Stromakteure, die mit Euractiv sprachen, argumentieren, dass die jüngsten Reformen nicht ausreichen, um die bevorstehende Umgestaltung des europäischen Stromsystems zu bewältigen.
Verträge als Anreiz für die Stromerzeugung
Die Reform hat den Weg für längerfristige Verträge zur Stromerzeugung geebnet, die Erzeuger und Verbraucher vor zu großen Preisschwankungen schützen können. Dies gilt für alle CO2-armen Energiequellen zusammen (Stromabnahmeverträge PPA, Differenzausgleichsverträge CfD).
Rüdinger schlägt jedoch vor, noch weiter zu gehen: „Wir müssen den Weg für „Pools“ von Verträgen ebnen, die Atomkraft und erneuerbare Energien direkt miteinander verbinden.“ Mit anderen Worten: Die Verbraucher sollen Zugang zu aggregiertem Strom aus mehreren Verträgen erhalten, was bisher nicht der Fall ist.
„Ein solcher kombinierter Ansatz würde die Bündelungseffekte zwischen verschiedenen Energiequellen maximieren und damit den Ausgleichsbedarf verringern, der mit individuellen Verträgen verbunden wäre, die auf der Produktion einer einzigen Anlage basieren“, erklärte der Forscher.
Für Camille Defard, Leiterin der Energieabteilung des Jacques-Delors-Instituts, wäre es ebenfalls angebracht, „die Förderung der erneuerbaren Energien mit gesamteuropäischen und nicht nur nationalen Subventionsschemata zu betrachten,“ erklärte sie gegenüber Euractiv.
Doch nicht alle teilen diese Ansicht. Dazu gehören beispielsweise die Industrievertreter des „European Roundtable for Industry“ (ERT), zu der Engie, Eni, Iberdrola und TotalEnergies gehören. Der Gruppe zufolge sollten die Regierungen eher staatlich unterstützte Versicherungspolicen für den Fall von Preisschwankungen schaffen, als Verträge, die die Preise selbst regulieren und ihrer Meinung nach zu Schwankungen führen.
Kapazitätsmechanismen zur Vergütung der Verfügbarkeit
Viele europäische Länder wie Frankreich und Deutschland haben „Kapazitätsmechanismen“ oder „Betriebsreservesysteme“ (außerhalb des Marktes) geschaffen.
Dabei handelt es sich um Zahlungen, die den Akteuren auf dem Energiemarkt Anreize bieten, in Kraftwerke mit „steuerbaren Kapazitäten“ zu investieren und diese zu unterhalten, sodass die Leistung bei Bedarf schnell hoch- oder heruntergefahren werden kann.
In einem System, das von schwankenden Energien dominiert wird, sind steuerbare, CO2-arme Energien, deren Produktion vorhergesagt werden kann, unerlässlich, um das Netz zu sichern.
In einem solchen System können diese jedoch aufgrund ihrer Produktion nicht immer rentabel sein. Daher müssen „Kapazitätsmechanismen“ entwickelt werden, um die Anlagen für ihre Verfügbarkeit anstelle ihrer tatsächlichen Produktion zu vergüten.
Der Energiemarktexperte der Firma Colombus Consulting, Nicolas Goldberg, räumt gegenüber Euractiv ein, dass es „innerhalb des Zeitrahmens der aktuellen Reform nicht möglich war, sich mit der Vergütung der verfügbaren Kapazität zu befassen.“
Die Reform hat sich zwar mit dem Thema befasst, aber nur, um eine Ausnahmeregelung zu verlängern. Diese erlaubt es, die umweltschädlichsten fossilen Kraftwerke zu nutzen, da es nicht genügend CO2-arme Anlagen gibt.
Darüber hinaus gibt es in Europa bereits mehrere „Kapazitätsmechanismen“ oder „Reservesysteme“ (außerhalb des Marktes), insbesondere in Frankreich und Deutschland. Ihre unterschiedliche Funktionsweise macht eine gegenseitige Unterstützung im Bedarfsfall jedoch schwierig. Daher „wird es notwendig sein, einen etwas harmonisierteren Kapazitätsmechanismus in Europa zu schaffen“, so Goldberg.
Speicher für den täglichen Ausgleich
Des Weiteren stellt sich die Frage, ob man steuerbare Anlagen als langfristige Speicher betrachten kann, im Gegensatz zu Speichersystemen für kürzere Zeiträume, die möglicherweise weniger als einen Tag halten, wie zum Beispiel Batterien.
Die aktuelle Reform empfiehlt die Schaffung eines Rahmens, der die Entwicklung von Energiespeichern fördert. Allerdings „behandelt sie [die] Frage […] eines zuverlässigen Einsatzes von Speichern nicht vollständig“, teilte der Europäische Verband für Energiespeicherung (EASE) auf Anfrage von Euractiv mit.
Der Verband würde eine europäische Speicherstrategie begrüßen. Diese sollte unverbindliche Ziele festlegen und die Einführung von Mechanismen wie Auktionen für saisonale Kapazitäten fördern.
„Die Europäische Kommission könnte dies realistisch angehen“, so der Verband.
Die Reduzierung des Verbrauchs als weitere Maßnahme
Auch die Verbraucher müssen in die Pflicht genommen werden, indem sie ihren Verbrauch reduzieren.
Es gibt bereits Märkte für Stromsparmaßnahmen, sowohl für die Industrie als auch für Privathaushalte. Diese müssten jedoch zwischen den Mitgliedstaaten stärker harmonisiert werden, fordern die Akteure des Sektors, wie der europäische Verband smartEN.
Er plädiert auch dafür, dass der Sektor als eigenständige Industrie anerkannt wird, die deshalb auch finanziert werden kann, Ziele hat und in der Lage ist, eine angemessene Vergütung der Systemteilnehmer, ob Industrie oder Privatpersonen, zu gewährleisten. Für letztere muss dies durch angemessene Vertragsangebote, Anreize für die Nutzung von intelligenten Zählern und Ähnliches geschehen.
Schließlich plädiert smartEN auch für die Einrichtung eines Datenraums für den Austausch von Energiedaten.
Investitionen in die Netze
„Das Thema Flexibilität darf nicht die Investitionen in die Netze untergraben“, warnte die Union française de l’électricité, der Berufsverband der französischen Stromindustrie, gegenüber Euractiv.
Im gleichen Sinne bräuchte es Investitionen, um die Stromübertragung der Netze zu verbessern, Engpässe zu vermeiden und den Stromfluss in beide Richtungen zu ermöglichen. Angesichts der derzeitigen Entwicklung könnte die EU bis 2030 mit einer Investitionslücke bei den Stromnetzen von über 800 Milliarden Euro konfrontiert werden.
Die Dringlichkeit scheint von den Mitgliedstaaten geteilt zu werden. Sie diskutierten das Thema auf der Tagung des Rates „Energie“ am Montag und Dienstag (15. und 16. April).
Der europäische Verband der Stromversorger, Eurelectric, hat dem Thema große Bedeutung beigemessen. In einem Schreiben an die Energieminister der EU vom 10. April wurden diese unter anderem aufgefordert, die Möglichkeit nationaler, aber auch europäischer Finanzierungsinstrumente, insbesondere für die Betreiber von Verteilernetzen, zu prüfen.
„Der Netzausgleich wird zunehmend durch dezentralisierte Lösungen erfolgen“, erklärte die Forscherin Camille Défard gegenüber Euractiv.
Wie der ERT befürwortet auch Eurelectric die Vereinfachung der Genehmigungserteilung und die Sicherung des Zugangs zu Produkten, die für das Stromsystem von entscheidender Bedeutung sind.
Darüber hinaus sollten die Verbindungsleitungen ausgebaut und die Kapazitätsbuchungen verlängert werden. Sie betragen derzeit lediglich ein Jahr. Mehr Verbindungsleitungen würden auch dazu führen, dass die Mitgliedstaaten stärker zusammenarbeiten müssten.
Das Gleiche gilt für die Spotmärkte. Nach Ansicht des spezialisierten Think-Tanks Bruegel sollten gemeinsame Marktinstitutionen mit identischen Regeln in allen Staaten, die als eine Gruppe zusammengefasst werden, geschaffen werden. Ein Beispiel hierfür ist der Spotmarkt NordPool.
Eine neue Reform?
Alles in allem bedeutet Flexibilität vor allem, dass die Systeme grenzüberschreitend koordiniert werden müssen. In diesem Bereich hat die Arbeit gerade erst begonnen.
„Die nächste Europäische Kommission sollte Reformansätze erarbeiten, zum Beispiel durch ein Weißbuch, Studien oder Mitteilungen, um diese Debatte anzuregen und die Grundlage für die notwendige Reform zu schaffen“, meinte Defard. Rüdinger zieht diese Möglichkeit ebenfalls in Betracht: „Wir müssen schon jetzt die zweite Reform vorbereiten.“
Der Geschäftsführer des staatlichen finnischen Energieversorgers Fortum, Markus Rauramo, der am vergangenen Donnerstag (11. April) von Euractiv zu diesem Thema befragt wurde, äußerte sich zurückhaltender. Er stimmte zu, dass der Markt über die aktuelle Reform hinaus „angepasst werden muss“, insbesondere um eine profitable Vergütung für CO2-arme Kapazitätsmechanismen zu gewährleisten.
In diesem Sinne würde eine „erneute kurzfristige Änderung der Regeln nur zu Unsicherheit und Verwirrung führen. Es ist an der Zeit, sich auf die Umsetzung zu konzentrieren und zu beobachten, wie die neuen Regeln funktionieren, sobald sie angewandt werden“, erklärte der Generalsekretär von Eurelectric, Kristian Ruby, gegenüber Euractiv. Aber „angesichts des Umfangs der erforderlichen Investitionen und der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnten wir gezwungen sein, zusätzliche Instrumente zur Risikominimierung zu entwickeln“, sagte er abschließend.
[Bearbeitet von Anne-Sophie Gayet/Kjeld Neubert]