Eine halbe Milliarde für den Wald
Der Klimawandel macht dem deutschen Wald zu schaffen, große Flächen sterben ab. Um ein neues Waldsterben zu verhindern, plant das Landwirtschaftsministerium nun Hilfen in Millionenhöhe.
Der Klimawandel macht dem deutschen Wald zu schaffen, große Flächen sterben ab. Um ein neues Waldsterben zu verhindern, plant das Landwirtschaftsministerium nun Hilfen in Millionenhöhe.
Rund eine halbe Milliarde Euro könnten in den kommenden vier Jahres als Soforthilfen für den deutschen Wald fließen. Das hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner gestern nach einer Sitzungsrunde mit Vertretern der Waldwirtschaft, Walbesitzern und Naturschutzverbänden verkündet. „Wer heute in Deutschlands Wäldern unterwegs ist sieht Dramatisches“, so Klöckner (CDU).
110.000 Hektar Wald sind seit vergangenem Jahr abgestorben, das entspricht in etwa der Fläche von 150.000 Fußballfeldern. Grund dafür sind erste Vorboten eines tiefgreifenden Klimawandels, bei dem extreme Hitze und Stürme den Wäldern zusetzen. Das alarmiert auch die Politik, die für den 25. September einen Waldgipfel geplant hat und nun eine Waldstrategie erarbeiten will. Bis dahin soll auch feststehen, wieviel Geld das Landwirtschaftsministerium (BMEL) an Soforthilfen zur Verfügung wird. Man werde für die kommenden vier Jahre rund 640 Millionen Euro aus dem Energie- und Klimafonds des Bundes beantragen, so Klöckner, um zusätzliche Hilfen für die hitzegeschädigten Wälder bereitzustellen. Bislang fördert das Ministerium die Forstpolitik mit rund 30 Millionen Euro im Jahr, ab 2020 sind zusätzlich zehn Millionen Euro jährlich bewilligt worden. Außerdem fließen rund 25 Millionen Euro aus dem Waldklimafonds in Forschung und Nachhaltigkeit, gibt das Ministerium an.
Doch auch diese Mittel reichen nicht aus, meinen die Vertreter der Forstwirtschaft. So veranschlagt der deutsche Forstwirtschaftsrat mindestens zwei Milliarden Euro für die kommenden zehn Jahre, um die Kosten zur Beseitigung der Waldschäden und für die Neubepflanzung der Wälder zu decken. Der Verbund, der ebenfalls am Verhandlungstisch saß, drängt auf Bundeshilfen um die Massen an totem und geschädigtem Holz aus den Wäldern zu entfernen. Denn in vielen Stämmen nisten Borkenkäfer, die ganze Fichtenbestände ausrotten und auf gesunde Bäume überspringen. Der Aufräumaufwand im Wald ist extrem, mehr als 30 Millionen Kubikmeter abgestorbenes Holz, schätzt das BMEL, sind alleine durch Dürre und Stürme entstanden und müssten entfernt werden.
Ersetzt werden sollen sie durch Laubbäume, die resistenter gegen das sich ändernde Klima sind als die oft einseitigen Nadelwälder. Die Wiederaufforstung mit Mischwäldern laufe seit Jahrzehnten und komme gut voran, außerdem stünden rund eine Milliarde Bäume in Baumschulen bereit, so Klöckner. „Jeder Baum, den wir heute nichts pflanzen, fehlt unseren Kindern und Enkelkindern.“
Die Erholung der Wälder ist auch aus Sicht des Klimaschutzes von höchster Bedeutung. 14 Prozent der deutschen Treibhausgase werden derzeit von Wäldern kompensiert, die viel Kohlenstoff in ihren Bäumen und Böden speichern. Wie bedeutsam die Waldbestände für das weltweite Klima sind, hat jüngst auch der Sonderbericht des Weltklimarates zur Landnutzung hervorgehoben, der am 08. August veröffentlicht wurde.
Doch es sind gerade die Umweltverbände, die sich gegen die Wiederaufforstung sperren: „Wir sollen einen natürlichen Wuchs im Wald zulassen, statt künstliche Bepflanzungen vorzunehmen. Auch wenn das, was dabei herauskommt, vielleicht nicht der wirtschaftlich effizienteste Baum ist“, meint Heinz Kowalski, Präsidiumsmitglied des Nabu, gegenüber EURACTIV. Auch der Abtransport toten Holzes sei wenig sinnvoll, biete es doch Lebensraum für viele kleine Tierarten. Außerdem regt er an, Waldbesitzer für die positive Ökobilanz ihrer Bäume zu belohnen und Teile der momentan diskutierten CO2-Abgabe an sie auszuschütten.
Noch gibt es also Meinungsverschiedenheiten darüber, was der deutsche Wald braucht, um sich zu erholen. Einig ist man sich aber darin, dass es mehr Forstpersonal braucht und die Holzindustrie nachhaltiger umgestellt werden soll. Im September sollen dann konkrete Leitlinien stehen, um einem neuen Waldsterben entgegenzuwirken. Nur dürfte die Herausforderung erheblich komplexer sein, als die Übersäuerung der Waldböden in den 80er Jahren. Denn es handelt sich um ein globales Problem, sagt Andreas Bolte vom Thünen Institut auf der Pressekonferenz. „Der Klimawandel ist endgültig im Wald angekommen.“