Energieversorger warnen vor "beispielloser" Liquiditätskrise in Europa
Der Stromsektor siehe sich einem "perfekten Sturm" gegenüber, da sich die in die Höhe geschnellten Gaspreise auf die Gewinnspannen der europäischen Stromversorger auswirken. Zeitgleich werden enorme Investitionen benötigt, um den grünen Wandel voranzutreiben, so die Branche.
Der Stromsektor sehe sich einem „perfekten Sturm“ gegenüber, da sich die in die Höhe geschnellten Gaspreise auf die Gewinnspannen der europäischen Stromversorger auswirken – und das zu einer Zeit, in der jährlich mehr als 100 Milliarden Euro an Investitionen benötigt werden, um den grünen Wandel voranzutreiben, so die Branche.
Die explodierenden Gaspreise schaden nicht nur der Kaufkraft der Haushalte, sondern setzen auch die Stromversorger unter einen noch nie dagewesenen Liquiditätsdruck“, der „extreme sogennante Margin-Calls“ auslöst, so Kristian Ruby, Generalsekretär von Eurelectric, dem EU-Verband der Stromwirtschaft.
„Wenn der Preis um den Faktor 10 steigt, hat man plötzlich einen riesigen Bedarf an Liquidität, um seine Sicherheiten zu decken. Und das ist etwas, dem man nicht entkommen kann“, sagte er gegenüber EURACTIV.
Energieversorger verkaufen den Großteil ihres Stroms Jahre im Voraus, um einen bestimmten Preis zu garantieren. Dazu müssen sie eine „Mindestmarge“ auf einem Konto anlegen, als Sicherheitsnetz für den Fall, dass sie in Zahlungsverzug geraten, bevor der Strom produziert wird und tatsächlich auf den Markt kommt.
Ein Margenausgleich erfolgt, wenn das Guthaben auf dem Konto unter die erforderliche Mindesteinlage für einen Handel fällt, sodass das Unternehmen gezwungen ist, das Geschäft mit weiteren Barmitteln abzusichern.
Laut dem am Mittwoch (7. September) veröffentlichten Strombarometer von Eurelectric stiegen die Strompreise auf dem Großhandelsmarkt zwischen Januar 2021 und August 2022 aufgrund des sinkenden Gasangebots um 532 Prozent.
„Und das führt zu einem proportionalen Anstieg des Bedarfs an Sicherheiten“, sagte Ruby.
Er lehnte es ab, den Umfang der Sicherheiten zu beziffern, da die betroffenen Unternehmen es vorziehen, diese Zahlen vertraulich zu behandeln. Nach Angaben des norwegischen Energiekonzerns Equinor würde sich der Kapitalbedarf zur Deckung dieser Geschäfte jedoch auf mindestens 1,5 Billionen Dollar belaufen.
Ein weiterer Indikator ist die Liquidität auf den Terminmärkten, die laut Ruby um 40 Prozent zurückgegangen ist. „Und was bedeutet das? Es bedeutet, dass diese enormen Sicherheiten die Anleger abschrecken. Niemand hat die Kapazität, diese enormen Sicherheitsanforderungen zu erfüllen“.
Der Liquiditätsmangel ist nicht nur ein Problem für die Energieunternehmen, sondern birgt auch die Gefahr, dass der von der EU angestrebte Elektrifizierung von Verkehr und Heizung ins Stocken gerät.
Um die EU-Dekarbonisierungsziele zu erreichen, müssten die jährlichen Investitionen in neue saubere Stromerzeugungskapazitäten zwischen 2030 und 2050 98 Milliarden Euro erreichen, so Eurelectric. Weitere 34-39 Milliarden Euro werden für neue Stromverteilungsnetze benötigt, so der Bericht.
„Aus diesem Grund ist es unerlässlich, das Vertrauen der Investoren durch einen verlässlichen, unternehmensfreundlichen Investitionsrahmen zu stärken“, argumentierte Eurelectric und forderte die Regierungen auf, „innezuhalten und nachzudenken, bevor sie Marktinterventionen vornehmen, die das Vertrauen der Investoren untergraben.“
Eine Art Lehman Brothers-Szenario?
Die Liquiditätskrise hat bereits einige europäische Energiekonzerne an den Rand der Insolvenz getrieben.
Am Wochenende kündigten Finnland und Schweden Pläne an, Liquiditätsgarantien in Milliardenhöhe für Energieversorger bereitzustellen, die unter der Last der steigenden Gaspreise drohen zusammenzubrechen.
„Dies hat das Potenzial für eine Art Lehman Brothers der Energiewirtschaft“, sagte der finnische Wirtschaftsminister Mika Lintila und bezog sich dabei auf den Zusammenbruch der US-Investmentbank, der 2008 die globale Finanzkrise auslöste.
Zu den anderen europäischen Unternehmen, die aufgrund von Liquiditätsproblemen gerettet werden mussten, gehören die deutsche Uniper, die britische Centrica und die österreichische Wien Energie.
Finnland und Schweden kündigten am Sonntag (4. September) Pläne an, den Energieversorgern in ihren Ländern Liquiditätsgarantien in Milliardenhöhe zu gewähren, nachdem der russische Konzern Gazprom die Gaspipeline Nord Stream 1 stillgelegt und damit die Energiekrise in Europa noch verschärft hatte.
Am Freitag werden die EU-Energieminister:innen in Brüssel zusammentreffen, um Optionen zur Dämpfung der steigenden Energiepreise zu erörtern, darunter Gaspreisobergrenzen und Notfallkreditlinien für Energiemarktteilnehmer.
Zu den in Erwägung gezogenen Optionen gehören Maßnahmen zur Erhöhung der Marktliquidität wie „sofortige Kreditlinien“ für angeschlagene Energieunternehmen, „zum Beispiel durch die Rolle der Europäischen Zentralbank“ oder eine „vorübergehende Aussetzung der europäischen Stromderivatemärkte“, heißt es in einem von der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft verbreiteten Schreiben.
In Brüssel erklärte die Europäische Kommission, sie sei sich des Bedarfs an Sicherheiten im Energiesektor durchaus bewusst.
„Und das erfordert, dass wir den Unternehmen helfen, diese zu stabilisieren“, sagte ein hoher Beamter der Europäischen Kommission bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.
Im März änderte die Europäische Kommission ihre vorläufigen Regeln für staatliche Beihilfen, um den nationalen Regierungen mehr Spielraum bei der Unterstützung von Unternehmen zu gewähren, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind.
„Es gibt eine spezielle Bestimmung für die Bereitstellung von Liquiditätshilfe, die bisher nur die Möglichkeit von Darlehen vorsah, und wir werden sie um ein Verfahren für Garantien erweitern“, sagte der Beamte. „Wir werden dies durch eine Änderung des vorübergehenden Rahmens noch einfacher ermöglichen.“
Fortum, ein finnisches Energieunternehmen, das selbst mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen hat, erklärte in einem Empfehlungspapier, dass man sich jetzt darauf konzentriere, Änderungen an der vor zehn Jahren verabschiedeten EU-Verordnung über europäische Marktinfrastrukturen (EMIR) zu erreichen.
„Während die EMIR-Gesetzgebung nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers mit dem Ziel erlassen wurde, eine ähnliche Finanzkrise zu vermeiden, stellen die in der Verordnung festgelegten hohen Restriktionen ironischerweise ein ernsthaftes Risiko für den Handel mit Energierohstoffderivaten dar, da eine weitere Form von Ausfallzahlungen droht“, so Fortum in seinem Dokument.
Valentina Romano hat zur Berichterstattung beigetragen.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]