EU-Rohstoffziele für 2030 nur schwer zu erreichen
Selbst wenn heute in der Europäischen Union neue Minen eröffnet würden, wäre es nach Ansicht von Experten des französischen Bergbausektors sehr schwierig, die EU-Ziele für die Gewinnung kritischer und strategischer Rohstoffe bis 2030 zu erreichen.
Bis 2030 will die EU beim Abbau von kritischen Rohstoffen deutlich zulegen. Laut Experten und dem französischen Bergbausektor sind die hochgesteckten Ziele allerdings nur schwierig zu erreichen.
Um ihre Energie- und Klimaziele zu erreichen, muss die Europäische Union massiv elektrifizieren, was wiederum mehr Rohstoffe für die Herstellung von stromerzeugenden und -speichernden Geräten wie Batterien, Windturbinen und Solarpanels erfordert.
Zu diesem Zweck hat die Europäische Kommission Mitte März ihren Vorschlag für ein Gesetz über kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials Act – CRMA) vorgelegt, um die Energiewende und den ökologischen Wandel in der EU voranzutreiben.
Mit der neuen Initiative will die EU unabhängiger von kritischen Rohstoffen werden und hat sich dabei hohe Ziele gesetzt: 10 Prozent der als strategisch eingestuften Rohstoffe sollen künftig in der EU abgebaut werden. Zusätzlich sollen 15 Prozent des Bedarfs über Recycling gedeckt werden, sowie 40 Prozent der Weiterverarbeitung von strategischen Rohstoffen in der EU erfolgen.
Darüber hinaus schlägt die Kommission vor, dass die EU bei keinem einzigen Rohstoff zu mehr als 65 Prozent von einem einzigen Nicht-EU-Land abhängig sein soll – eine schwierige Aufgabe, denn die EU ist derzeit sehr stark von China abhängig, das den Markt dominiert.
Diese Ziele stehen seither im Mittelpunkt der Debatte, wobei einige Abgeordnete im Europäischen Parlament gegen ihre Einführung sind und einige EU-Länder wie Frankreich und Deutschland Ziele für einzelne Mineralien bevorzugen.
„Es wäre absurd, für Kobalt, dessen Reserven zu 80 Prozent in einem einzigen afrikanischen Land liegen, dieselben Ziele festzulegen wie beispielsweise für Lithium, das in Europa abgebaut werden kann“, erklärte der französische Industrieminister Roland Lescure.
Unerforschte Böden
Die französische Bergbauindustrie unterstützt auch die Idee, sektorspezifische Ziele für einzelne Rohstoffe einzuführen, da Europa für bestimmte im CRMA aufgeführte Metalle „nicht über ausreichende Produktionskapazitäten und Zeit verfügt, um sie umzusetzen“, erklärte Christophe Poinssot, stellvertretender Generaldirektor des französischen Amtes für geologische Forschung und Bergbau.
Abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Versorgung mit bestimmten Mineralien im Inland wies Poinssot aber auch auf Datenlücken hin, die auf ein unerforschtes geologisches Potenzial in Europa zurückzuführen sind.
In Frankreich ist das Wissen über die Bodenschätze „äußerst lückenhaft und deckt nur einen Teil des Landes ab“, sagte Poinssot auf einer Konferenz, die Anfang Juli von der rechten Partei Les Républicains organisiert wurde.
„Die vor 40 Jahren durchgeführte Bestandsaufnahme war lange Zeit auf die ersten 100 Meter unter der Erde beschränkt“, erklärte er.
Die Ressourcen im europäischen Untergrund könnten sogar exportiert werden, so der Forscher weiter.
So hat Norwegen vor kurzem ein Phosphatvorkommen entdeckt, das einen erheblichen Teil des EU-Bedarfs decken könnte. Anfang Januar meldete auch Schweden die Entdeckung eines großen Vorkommens an Seltenerdoxiden.
„Unter diesen Bedingungen „müssen wir wieder in die Erforschung unseres Untergrunds und die Wiedereröffnung von Minen investieren. Dazu müssen wir eine neue Bestandsaufnahme der Bodenschätze in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten durchführen“, so Poinssot.
Neue Minen brauchen Zeit
Neue Bergbauprojekte brauchen jedoch viele Jahre, bis sie verwirklicht werden können, sagte Poinssot. Er verwies auf die durchschnittlich 17 Jahre, die es weltweit dauert, bis eine Mine von der Exploration zur Produktion übergeht.
„Wir müssen jetzt mit der Entwicklung von Bergbauprojekten beginnen“, sagte er. Andernfalls „werden einige der von der EU gewünschten Wege und Szenarien durch unsere Förderkapazitäten eingeschränkt“, warnte er.
Die französische Atomenergiekommission, ein wichtiger Akteur in der industriellen und technologischen Forschung Frankreichs, teilt diese Beobachtung. Sie sagt, dass die Ziele der EU aufgrund der Verzögerungen bei der Eröffnung neuer Minen „nicht sehr glaubwürdig“ seien.
Bis zum Jahr 2030 hängt „der Großteil der in der EU verfügbaren Förderkapazität […] von Projekten ab, die sich bereits in der Entwicklung befinden“, erklärt die französische Einrichtung in ihrer Stellungnahme zum Entwurf des CRMA.
Um dem entgegenzuwirken, schlägt das französische Energieforschungsgremium vor, dass die Kommission „schrittweise steigende Ziele für den Anteil der Förderung in der EU über verschiedene Zeithorizonte definiert.“
Kurz gesagt: Wenn jetzt kein Bergwerk eröffnet wird, liegt die EU bereits hinter ihren Zielen zurück.
„Die Kommission ist ein wenig zu optimistisch, was die Geschwindigkeit angeht, mit der wir in der Lage sein werden, industrielle Lösungen zur Erreichung dieser Ziele einzusetzen“, so Bertrand Boucher, Vertreter des CEA bei der Europäischen Kommission, gegenüber EURACTIV Frankreich.
Beschleunigung
Trotz dieser Vorbehalte hat die EU ein großes Interesse daran, Bergbauprojekte zu beschleunigen. Denn die Teile der Wertschöpfungskette, die der Umwandlung und dem Recycling dienen, werden „dauerhaft nicht ausreichen, um die Nachfrage zu decken“, fügte das CEA hinzu.
Selbst wenn alle verfügbaren Ressourcen abgebaut würden, werde aufgrund der sehr hohen Nachfrage „mehr benötigt“, erklärte Boucher.
So werde es beispielsweise „weltweit nicht genügend Ressourcen geben“, um die von allen Ländern weltweit beschlossenen Ziele für die Elektromobilität zu erreichen, erklärte Poinssot. „Es ist nicht eine Frage der Ressourcen, sondern des Timings.“
Jean-Dominique Senard, Vorstandsvorsitzender des französischen Automobilherstellers Renault, malte die Situation in einer Art Weltuntergangsstimmung aus: „Der Krieg der Zukunft wird der Krieg der Metalle sein.“
Lesen Sie den französischen Originalartikel hier.
[Bearbeitet von Théophane Hartmann and Frédéric Simon]