EU nimmt schärfere Regeln für Ratingagenturen in Angriff

Ihre Macht ist vielen Politikern und Bürgern unheimlich. Rating-Agenturen können über das Schicksal ganzer Staaten bestimmen. In der Finanzkrise versagten die privaten Notengeber. Nun sucht die Kommission nach Wegen, die "drei Großen" vom Thron zu stoßen.

In New York sind die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings beheimatet. In Europa will man ihre Arbeit strengen Regeln unterwerfen. Foto: Markus Hein / pixelio.de.
In New York sind die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch Ratings beheimatet. In Europa will man ihre Arbeit strengen Regeln unterwerfen. Foto: Markus Hein / pixelio.de.

Ihre Macht ist vielen Politikern und Bürgern unheimlich. Rating-Agenturen können über das Schicksal ganzer Staaten bestimmen. In der Finanzkrise versagten die privaten Notengeber. Nun sucht die Kommission nach Wegen, die „drei Großen“ vom Thron zu stoßen.

Auf die Ratingagenturen rollt eine neue Welle an Regulierungen in der Europäischen Union zu. Die EU-Kommission begann am Freitag eine öffentliche Konsultation über mögliche neue Vorschriften für die Bonitätsprüfer. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will auf Basis der Antworten im kommenden Jahr entscheiden, ob die ab Dezember geltenden Vorschriften für die Agenturen verschärft werden müssen.

Die Euro-Schuldenkrise brachte das Thema Ratings erneut auf die Tagesordnung. Viele Euro-Mitgliedstaaten nehmen den führenden Anbietern – Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings – übel, dass sie mitten in der Krise trotz eilig aufgelegter Sparprogramme die Kreditwürdigkeit Griechenlands und Spaniens herabstuften und damit noch Öl ins Feuer gossen. Außerdem wird den Agenturen vorgeworfen, die Risiken hochkomplexer Finanzprodukte unterschätzt zu haben, an deren Entwicklung sie teilweise selbst beteiligt waren.

Die Aufsichtsregeln für Ratingagenturen waren die erste Lehre, die die EU im vergangenen Jahr aus der Finanzkrise gezogen hatte (EURACTIV.de vom 2. Juni 2010). Ab Dezember müssen die Agenturen teilweise ihre Bewertungsmethoden offen legen. "Das war ein wichtiger erster Schritt. Aber wir müssen über den zweiten Schritt nachdenken: die Rolle der Ratings und ihre Auswirkungen auf die Märkte", erklärte Barnier.

Die EU-Kommission stellt nun zur Diskussion, wie die Abhängigkeit der Anleger von den Noten über die Kreditwürdigkeit eines Schuldners verringert werden könnte. Für die große Bedeutung der Ratings sind die Gesetzgeber zum Teil selbst verantwortlich, denn die Eigenkapitalanforderungen für Banken zwingen Geldhäuser dazu, die Bonität ihrer Kreditkunden mit Hilfe der Ratings zu kalkulieren. An Ratings für Staatsanleihen will die EU womöglich schärfere Transparenzanforderungen stellen. Barnier will zudem ausloten, wie den drei dominanten Anbietern mehr Konkurrenz gemacht werden könnte.

Die Kommission vermutet zudem, dass das übliche Vergütungsmodell, nach dem der zu bewertende Emittent selbst für das Rating bezahlt, zu Interessenkonflikten und Gefälligkeitsratings führt. Die EU-Exekutive stellt mehrere Alternativmodelle zur Diskussion – zum Beispiel an Stelle des Emittenten den Anleger oder die Börse bezahlen zu lassen.

EURACTIV/rtr/awr

Mehr zum Thema

EURACTIV.de: Angriff auf die Ratingagenturen – Brüssel will Kontrolle (2. Juni 2010)

EURACTIV.de: Plädoyer für eine öffentliche EU-Rating-Agentur (25. November 2010)

Links / Dokumente / Download


Unternehmen

Coface Deutschland: Coface strebt Zulassung als Ratingagentur an . Pressemitteilung (28. Juli 2010)


EU-Kommission

EU-Kommission: Finanzdienstleistungen: Europäische Kommission leitet Konsultation zum weiteren Vorgehen bei Ratingagenturen ein. Pressemitteilung (5. November 2010)

EU-Kommission: Kommission schlägt verbesserte EU-Aufsicht der Ratingagenturen vor und stößt Diskussion über Corporate Governance in Finanzinstituten an. Pressemitteilung (2. Juni 2010)

EU-Kommission: Kommission schlägt verbesserte EU-Aufsicht der Ratingagenturen vor und stößt Diskussion über Corporate Governance in Finanzinstituten an. Video der Pressekonferenz (2. Juni 2010). 

EU-Kommission: Übersicht zu Ratingagenturen

EU-Kommission: Konsultation zur Corporate Governance

EU-Kommission: Berichte zu Empfehlungen für die Vergütungspolitik

EU-Kommission: "Regulierung der Finanzdienstleistungen für nachhaltiges Wachstum" – Mitteilung der Kommission 2010-2011 über den Finanzdienstleistungssektor. (2. Juni 2010)