EU soll Schwermetalle in Böden reduzieren

Während sich Verbraucher wegen der Gefahr verstrahlter Lebensmittel nach Fukushima sorgen, droht in unmittelbarer Nähe eine ungleich größere Gefahr: die zunehmende Belastung von Agrarflächen in Europa mit Schwermetallen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) drängt auf Senkung des Grenzwertes von Cadmium, die EU-Kommission lässt sich jedoch mit der Entscheidung Zeit.

Besonders Vegetarier und Kinder nehmen zu viel Cadmium auf, das der Körper nie mehr abbaut (Foto: dpa)
Besonders Vegetarier und Kinder nehmen zu viel Cadmium auf, das der Körper nie mehr abbaut (Foto: dpa)

Während sich Verbraucher wegen der Gefahr verstrahlter Lebensmittel nach Fukushima sorgen, droht in unmittelbarer Nähe eine ungleich größere Gefahr: die zunehmende Belastung von Agrarflächen in Europa mit Schwermetallen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) drängt auf Senkung des Grenzwertes von Cadmium, die EU-Kommission lässt sich jedoch mit der Entscheidung Zeit.

Die Schweiz hat strengere Grenzwerte für Cadmium in Düngemitteln als die EU; Österreich gehört zu den Vorkämpfern gegen die Schwermetallbelastung; Frankreich und Schweden haben ebenfalls für ihre Länder eine Ausnahmeregelung der laxen EU-Regeln durchgesetzt.

Deutschland hat zwar Grenzwerte für Cadmium in Mineraldüngern, jedoch wissen Experten zu berichten, dass die Einhaltung kaum kontrolliert wird. Sie warnen vor den Folgen der Anreicherung der Böden, auf denen Gemüse und Getreide für deutsche Verbraucher angebaut wird, mit Schwermetallen.

Derzeit sind sieben Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht erlaubt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt seit 2010 dringend das Absenken des Grenzwertes. Eine Entscheidung der EU-Kommission wird allerdings erst im Lauf dieses Jahres erwartet.

In die Ackerböden gelangt Cadmium vor allem durch die Düngung. Klärschlamm, Gülle und vor allem Phosphordünger sind dabei die wichtigsten Vehikel. Der höchste Cadmium-Gehalt findet sich in den Oberböden jener Ackerstandorte, die auch den höchsten Phosphor-Gehalt aufweisen.

Pflanzen benötigen zwar Phosphor für das Wachstum, doch enthält Phosphordünger aus bestimmten Regionen und Abbaugebieten, beispielsweise Marokko, erhebliche  Anteile von Cadmium.

Die Einfuhr solcher höher belasteten Düngemittel aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern werden durch Europas Zollgesetze jedoch sogar begünstigt. Bemerkenswert ist, dass beispielsweise Phosphordünger aus Russland cadmiumarm ist, aber in der EU kaum Verwendung findet, weil die Einfuhrzölle höher sind.

Martin Kaupenjohann, Professor am Institut für Ökologie an der Technischen Universität Berlin, plädiert dafür, nicht erst bei Bekanntwerden von Lebensmittelskandalen Alarm zu schlagen, denn da sei es schon zu spät. Die Lebensmittelsicherheit dürfe nicht vom Ende der Nahrungskette her betrachtet werden, sondern müsse schon am Beginn der Erzeugerkette angesetzt werden. "Voraussetzung für gesunde Nahrung sind gesunde Böden."

Kaupenjohann warnt vor den Folgen der Entwicklung: Cadmium könne in Böden nie abgebaut werden, wie dies beispielsweise mit organischen Schadstoffen geschehe. Daher führen die Cadmiumeinträge im Lauf der Zeit zu einem Anstieg an Cadmium-Vorräten in den Böden. Die Folge: Die Böden können für die Nahrungsproduktion unbrauchbar werden. "Vor dem Hintergrund der neuen toxikologischen Befunde scheint eine Überprüfung der herrschenden Grenzwerte dringend geboten."

"Wenn die Lebensmittelskandale bekannt werden, ist es meistens schon zu spät", resümiert Kaupenjohann.

Cadmium gilt sogar als heimtückisches "Trojanisches Pferd der Grünen Revolution": Agrarbiologen fanden heraus, dass sich das krebserregende Schwermetall in der Nähe der Niere anstelle des lebenswichtigen Eisens ablagert.

Vegetarier, Veganer und Kinder

Weil Cadmium-Ablagerungen vor allem im Gemüse landen, sind vor allem Vegetarier und Veganer sowie auch Kinder von Cadmium in Lebensmitteln betroffen.

Nach Informationen des deutschen Umweltbundesamtes gelangt Cadmium vor allem auf zwei Wegen auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen: Zu vierzig Prozent über die Luft, hauptsächlich aus der Industrie stammend, und zu sechzig Prozent über die Düngung, hauptsächlich über Klärschlamm, Gülle und mineralische Dünger. Schätzungen zufolge gelangen pro Jahr mindestens achtzig Tonnen Cadmium über diese Wege in die Agrarflächen.

Weil es hochgiftig ist – Cadmium ist viel giftiger als Blei -, wurde Cadmium in vielen Industriebereichen verboten oder mit Grenzwerten versehen; doch eine der Hauptquellen, die phosphathaltigen Mineraldünger, scheinen vergessen worden zu sein. Cadmium gelangt praktisch ungehindert in die Böden und somit in die Nahrungskette. Die Grenzwerte, die in Deutschland gelten, beziehen sich nur auf den Klärschlamm, aber nicht auf Mineraldünger.

Um auf die Untätigkeit der EU-Kommission hinzuweisen und die Entscheidung in Brüssel über den niedrigeren Grenzwert zu forcieren, verweisen Experten auf die immer größere Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher. Cadmium solle nicht erst aus den Lebensmitteln verbannt, sondern schon am Beginn der Nahrungskette in den Düngemitteln vermieden werden.

Vor allem soll der sogenannte EG-Dünger verboten werden: Mineraldünger ohne Grenzwerte und ohne Kennzeichnungspflichten für Cadmium und andere Schwermetalle. Viele Landwirte in Deutschland verwenden den Phosphatdünger, der als EG-Dünger deklariert ist, weil für ihn eben keine Grenzwerte gelten.

Ewald König


Links:


Weiterführende Informationen:

Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz: Cadmium in Lebensmitteln – Aktuelle Entwicklung der gesundheitlichen Bewertung

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Cadmium: Neue Herausforderung für die Lebensmittelsicherheit?

Cadmium-Belastungskarte für Deutschland

Weinhalle: Unterschätzte Gefahr: Cadmium

Industrieverband Agrar für europaweiten Grenzwert

BfR: Cadmiumaustrag über Düngemittel