EU-Strategie zur Artenvielfalt: "Ilse Aigner muss Farbe bekennen"

Weltweit schreitet das Artensterben bis zu 1000-mal schneller voran als ohne den Einfluss des Menschen. Die EU-Kommission will den Verlust der biologischen Vielfalt mit einer neuen Strategie stoppen. Der Naturschutzbund Deutschland warnt: Die einflussreichen Lobbys der Agrar- und Fischerei-Industrie könnten große Reformen ausbremsen. Gefragt sei jetzt Deutschland.

Sind gesunde Ökosysteme bald nur noch eine schemenhafte Erinnerung? Die EU will nun retten, was zu retten ist. Foto: dpa.
Sind gesunde Ökosysteme bald nur noch eine schemenhafte Erinnerung? Die EU will nun retten, was zu retten ist. Foto: dpa.

Weltweit schreitet das Artensterben bis zu 1000-mal schneller voran als ohne den Einfluss des Menschen. Die EU-Kommission will den Verlust der biologischen Vielfalt mit einer neuen Strategie stoppen. Der Naturschutzbund Deutschland warnt: Die einflussreichen Lobbys der Agrar- und Fischerei-Industrie könnten große Reformen ausbremsen. Gefragt sei jetzt Deutschland.

Die EU-Kommission hat ihre Strategie zur Artenvielfalt vorgelegt. Das Ziel: Der Verlust der biologischen Vielfalt in Europa soll innerhalb der kommenden zehn Jahre gestoppt werden. Das hatte sich die EU bereits bis 2010 vorgenommen, war aber auf ganzer Linie gescheitert. In der EU sind laut Kommission etwa 25 Prozent der Tierarten vom Aussterben bedroht,  88 Prozent der Fischbestände sind überfischt oder erheblich dezimiert. Große Sorgen bereitet der Kommission auch der starke Rückgang der Insektenbestäubung in Europa.

EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik sagte: "Wir selbst sind Teil der Biodiversität, aber wir brauchen sie auch, für unsere Ernährung, frisches Wasser, saubere Luft und ein stabiles Klima."

Rasantes Artensterben

Der Verlust der Biodiversität führe zu enormen sozioökonomischen Verlusten, heißt es von Seiten der Brüsseler Behörde. "Viele Ökosysteme sind so stark geschädigt, dass sie nicht mehr das breite Spektrum der Dienste – von sauberer Luft und sauberem Wasser bis zur Bestäubung landwirtschaftlicher Kulturpflanzen oder dem Hochwasserschutz – erbringen können, von denen wir abhängig sind." Derzeit verlaufe weltweit das Artensterben bis zu 1000-mal so schnell wie unter natürlichen Bedingungen, so die EU-Kommission.

Die EU-Agenda setzt sechs Ziele:

  1. Vollständige Umsetzung der bestehenden Naturschutzvorschriften und des Netzes der Natura 2000-Schutzgebiete.
  2. Wiederherstellung von Ökosystemen, insbesondere durch verstärkten Einsatz grüner Infrastrukturen.
  3. Die Nachhaltigkeit der land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeiten.
  4. Erhaltung und Schutz der Fischbestände der EU. Die EU-Flotten sollen bis spätestens 2015 nicht mehr Fische fangen als im Meer nachwachsen können.
  5. Bekämpfung invasiver, also gebietsfremder Arten, die als Ursache für den zunehmenden Biodiversitätsverlust in der EU gelten.
  6. Verstärkung des EU-Beitrags zur globalen Bekämpfung des Biodiversitätsverlusts.

Die Agenda ist Teil der Europa 2020-Strategie.

Reaktion


NABU:
Aigner muss ökologischen Umbau voranbringen

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) begrüßt die EU-Biodiversitätsstrategie, hegt aber Zweifel an der Bereitschaft der Regierungen, sie in die Praxis umzusetzen. "Diese Strategie fasst zusammen, was die EU mindestens tun muss, um Europa vor dem ökologischen Kollaps zu bewahren", kommentiert NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. "Voraussetzung ist allerdings, dass das EU-Parlament und der Umweltministerrat nun eine zügigere Umsetzung einfordern." Zugleich betont Miller: "Es ist nicht akzeptabel, dass die EU erst 2020 den Rückgang der Arten und Lebensräume endgültig gestoppt haben will – dieses Ziel hatte man sich bereits für 2010 gesetzt und weit verfehlt."

Großen Reformbedarf sieht der NABU in der EU-Agrar- und Fischereipolitik. "Doch generell besteht die große Gefahr, dass die nationalen Regierungen die zaghaften Reformvorschläge der Kommission in den Ministerräten wieder zusammenstreichen, damit weiter die einflussreichen Lobbys der Agrar- und Fischereiindustrie von den Brüsseler Subventionen profitieren, statt endlich Landwirte und Fischer zu unterstützen, die sich um die nachhaltige  Bewirtschaftung unserer Lebensgrundlagen kümmern", warnt Miller.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) müsse endlich eindeutig Farbe bekennen und den ökologischen Umbau der Landwirtschaft und Fischerei voranbringen. Ohne deutsche Unterstützung drohe ein Scheitern der Reformen in Brüssel. Damit wäre die Biodiversitätsstrategie ihr Papier nicht wert und auch die Ziele für 2020 würden gnadenlos scheitern, heißt es von Seiten des NABU. 

awr

Links


Dokumente

EU-Kommission: Biodiversität: Kommission präsentiert neue Strategie zur Eindämmung des Biodiversitätsverlusts inner­halb von zehn Jahren. Pressemitteilung (3. Mai 2011)

EU-Kommission: Biodiversitätsstrategie auf Englisch (3. Mai 2011)

EU-Kommission:
Q&A on the Communication an EU biodiversity strategy to 2020 (3. Mai 2011)