Experten: Migrantinnen halten deutsches Pflegesystem am Laufen
Experten zufolge ist das deutsche Gesundheits- und Altenpflegesystem von Migranten abhängig. 690.000 Menschen, die in einem anderen Land geboren wurden, arbeiten in diesem Sektor.
Experten zufolge ist das deutsche Gesundheits- und Altenpflegesystem von Migranten abhängig. 690.000 Menschen, die in einem anderen Land geboren wurden, arbeiten in diesem Sektor.
Angesichts einer alternden Bevölkerung, deren Pflegebedarf stetig wächst, und eines bereits bestehenden Arbeitskräftemangels bilden Migranten einen unverzichtbaren Bestandteil des deutschen Pflegesektors.
„Ohne eingewanderte Fachkräfte auf allen Ebenen des Gesundheitswesens, das hat spätestens die Covid-19-Pandemie gezeigt, steht das deutsche Gesundheitssystem vor einem Kollaps“, so ein Bericht des Sachverständigenrats für Integration und Migration.
Von den insgesamt 4,2 Millionen Beschäftigten im deutschen Gesundheits- und Pflegesektor sind nach Angaben des Sachverständigenrates 690.000 im Ausland geboren.
Während sich die im Ausland geborenen Beschäftigten auf alle Arten von Berufen im Medizin- und Pflegesektor verteilen, von Ärzten und Krankenschwestern bis hin zu unterstützenden und eher administrativen Berufen, ist der höchste Anteil in der Altenpflege zu verzeichnen, wo 25 Prozent aller Beschäftigten aus dem Ausland zugewandert sind.
Die meisten pflegebedürftigen älteren Menschen werden in ihren eigenen vier Wänden versorgt, nicht in stationären Einrichtungen wie Pflegeheimen. Da jedoch traditionelle Mehrgenerationenhaushalte abnehmen, ist die Nachfrage nach Unterstützung durch externes Personal hoch.
Die größte Gruppe von Migrantinnen im deutschen Pflegesektor bewegt sich daher in einer rechtlichen Grauzone, der sogenannten 24-Stunden-Betreuung: Sie gehen direkt in die Wohnungen der älteren Menschen und unterstützen deren Familien bei der Pflege ihrer älteren Angehörigen zu Hause.
Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber Schätzungen des Sachverständigenrats gehen von 300.000 bis 700.000 Migranten aus, die in einem solchen Verhältnis arbeiten.
Oft wird den Familien von den Vermittlungsagenturen eine 24-Stunden-Betreuung ihrer älteren Verwandten versprochen, aber „das ist auf legalem Wege überhaupt nicht möglich“, erklärt Justyna Oblacewicz von „Faire Mobilität“, einer von der Bundesregierung und den Gewerkschaften finanzierten Beratungsstelle, die betroffene Arbeitnehmerinnen rechtlich berät.
Während Pflegekräfte auf dem Papier oft eine legale Form der Beschäftigung hätten, entweder durch die Regeln der EU-Entsenderichtlinie oder durch eine Selbstständigkeit in ihrem Heimatland, gebe es „eine völlig andere Realität, die gelebt wird, aber nirgends festgehalten wird“, so Oblacewicz gegenüber EURACTIV.
Während die Verträge oft nur eine wöchentliche Arbeitszeit von 30 bis 40 Stunden abdecken würden, werde von den Pflegekräften erwartet, dass sie rund um die Uhr für mögliche Notfälle zur Verfügung stehen.
Wie ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts im Jahr 2021 bestätigte, würde jedoch auch dies als Arbeitszeit gelten und müsste daher mindestens mit dem Mindestlohn vergütet werden – was in der Praxis meist nicht der Fall ist.
Die meisten Pflegekräfte kommen aus Osteuropa
Die meisten der direkt in den Haushalten tätigen Pflegekräfte sind Frauen über 50 Jahre, die aus mittel- und osteuropäischen Ländern stammen, so Oblacewicz.
Die Hauptherkunftsländer sind Polen, Rumänien und die Slowakei, so der Sachverständigenrat.
Doch während EU-Bürgerinnen den Löwenanteil der betroffenen Arbeitnehmerinnen ausmachen, würden auch immer mehr Nicht-EU-Bürgerinnen im Rahmen solcher Regelungen arbeiten, so Oblacewicz. Als Beispiele nannte sie die Ukraine und Serbien.
Dies spiegelt das allgemeine Migrationsmuster für medizinische und Pflegeberufe wider, wobei die größten Gruppen zugewanderter Arbeitskräfte in Deutschland aus Ländern stammen, die der EU 2004 oder später beigetreten sind, sowie aus anderen, nicht zur EU gehörenden Ländern Osteuropas.
Im Gegensatz zum Personal in stationären Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen, die ihre ausländischen Qualifikationen anerkennen lassen müssen, hätten die Beschäftigten in Familienhaushalten oft keine medizinische oder pflegespezifische Qualifikation, so die Expertin.
„Da liegt eben das Problem darin, dass oft keine besonderen Qualifikationen abverlangt werden“, so Oblacewicz.
„Das heißt, die Anwerbung funktioniert auch so, dass sie innerhalb von ganz wenigen Tragen – und Sie müssen keinerlei pflegerische Ausbildung haben – für diesen Job rekrutiert und nach Deutschland entsandt werden“, sagte sie.
Oft wüssten die Arbeitnehmerinnen nicht, was auf sie zukomme, und seien daher schnell überfordert, so Oblacewicz.
System der Pflegeversicherung fördert die Pflege zu Hause
Begünstigt würde die Praxis auch durch die Funktionsweise des deutschen Pflegeversicherungssystems.
Wenn ältere Menschen von bestimmten Krankheiten betroffen sind, wie zum Beispiel Demenz, können Familien zwischen stationärer Pflege und einer Direktzahlung (Pflegegeld) zwischen 300 und 900 Euro pro Monat wählen, je nach dem Gesundheitszustand der betroffenen Person.
Der Sachverständigenrat stellte fest, dass 80 Prozent die Option wählen würden, ihre Angehörigen zu Hause zu pflegen.
Dabei können die Zahlungen aus der Pflegeversicherung dazu verwendet werden, einen Teil der monatlichen Honorare der Pflegeagenturen zu bezahlen, die in der Regel einen großen Teil des Geldes behalten, das dementsprechend nicht bei den Pflegekräften ankommt.
„Das Problem ist, dass Sie das Pflegegeld benutzen, um solche zum im Zweifel zwielichtigen Geschäftsmodelle zu unterstützen“, so Oblacewicz.
[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann/Nathalie Weatherald]