EZB pumpt 442 Milliarden Euro in den Markt
Die Europäische Zentralbank (EZB) greift den Banken erneut mit gigantischen Beträgen unter die Arme. Heute teilten die Zentralbanker die Rekordsumme von rund 442 Milliarden Euro aus.
Die Europäische Zentralbank (EZB) greift den Banken erneut mit gigantischen Beträgen unter die Arme. Heute teilten die Zentralbanker die Rekordsumme von rund 442 Milliarden Euro aus.
Mehr als 1100 Banken im Euro-Raum nutzten das Angebot, sich für den historisch niedrigen Zinssatz von nur einem Prozent frisches Geld zu beschaffen. Das Geschäft hat erstmals eine Laufzeit von einem Jahr.
Steinbrück ruft Banken zur Raison
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) begrüßte den Schritt: "Die EZB tut das, was jetzt richtig und notwendig ist, um auch eine Kreditklemme zu vermeiden" sagte Steinbrück in Berlin. "In Deutschland gibt es keinen Grund, Kredite zu verweigern, weil angeblich nicht genügend Kapital vorhanden ist". Dies sage er deutschen Banken "sehr deutlich". Die Notenbank habe alles getan, um die Kreditversorgung sicherzustellen.
Historischer Rekord
Normalerweise haben die EZB-Geschäfte deutlich kürzere Laufzeiten von wenigen Wochen oder Monaten. Im Frühjahr hatte die Notenbank angesichts der Krise an den Finanzmärkten aber angekündigt, auch außerordentlich lange Laufzeiten anzubieten. Im Gegensatz zu den üblichen Zentralbank-Auktionen vor der Krise war das Geldangebot auch nicht in der Menge begrenzt. Schließlich wurde es die höchste Summe, die die EZB jemals in einem Refinanzierungsgeschäft an die Geschäftsbanken gab.
Drohungen von Bundesbank-Präsident Axel Weber
Die Banken können sich bei der EZB frisches Geld besorgen, müssen dafür aber Zinsen zahlen und Sicherheiten hinterlegen. Seit Sommer vergangenen Jahres hatten die EZB und andere Notenbanken immer wieder die Märkte mit Geld geflutet, weil der Geldhandel zwischen den Banken wegen des gegenseitigen Misstrauens zeitweise zum Erliegen gekommen war. Seit Oktober vergangenen Jahres senkte die EZB zudem den Leitzins schrittweise auf inzwischen nur noch 1,0 Prozent. Mit niedrigen Zinsen und einer üppigen Geldversorgung kann die Wirtschaft angekurbelt werden. Allerdings droht bei einer Überversorgung eine steigende Inflation, was die Konjunktur wieder scharf bremsen könnte.
Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken für den Fall, sie sollten die Zinssenkungen nicht weitergeben. "Sollten die Maßnahmen der Notenbanken am Deleveraging der Banken scheitern, dann werden die Notenbanken die Banken umgehen müssen und die Wirtschaft direkt stützen, was ich derzeit noch nicht für nötig halte", sagte Weber am 24. Juni bei einer Veranstaltung in München. Wie solche Umgehungs-Schritte aussehen könnten, wollte ein EZB-Sprecher gegenüber EURACTIV.de nicht kommentieren.
Ist die Geldflut notwendig?
In der Finanzmarktbranche ist das jüngste Stützungsprogramm der EZB umstritten. So wurde kritisiert, angesichts der zunehmenden Entspannung an den Märkten seien solche gigantischen Geschäfte derzeit nicht notwendig. Die Banken würden sich damit nur billig Geld beschaffen, es aber wegen der schlechten Wirtschaftslage nicht an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen.
Steinbrück: Ausstiegs-Strategien für die Nachkrisen-Zeit
Mittelfristig bestehe angesichts der enormen Liquidität im Zuge der Anti-Krisenprogramme weltweit die Gefahr von Preissteigerungen, sagte Steinbrück. Auf mittlere Sicht müsse die sehr schwierige Frage beantwortet werden, wie die Liquidität wieder vom Markt genommen werden kann, um nicht in eine weltweite Inflation zu kommen. Daher müsse über Ausstiegs-Strategien für die Zeit nach der Krise nachgedacht werden.
WestLB bezweifelt Wirkung für Unternehmen
Die WestLB erklärte, mit der hohen Zuteilung an die Banken verliere die EZB an geldpolitischer Flexibilität. Dies gelte besonders für die Möglichkeiten eines kurzfristigen Gegensteuerns auf dem Geldmarkt. Zum anderen beeinträchtige das neue Geschäft aber auch die "Exit-Strategie" aus der aktuell hohen Liquidität am Geldmarkt. Die hohe Überschussliquidität dürfte laut WestLB vor allem die Zinssätze auf dem Geldmarkt reduzieren. Ob sich aber die Kreditvergabe an die Unternehmen erhöhe, bleibe "mehr als fraglich".
awr/dpa
Pressespiegel
Spiegel.de: Europäische Zentralbank flutet den Geldmarkt (24. Juni 2009)