EZB wagt die Zinswende

Im Kampf gegen die Schuldenkrise und eine drohende Rezession hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins überraschend gesenkt - zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren.

Der Rat der EZB hat bei seiner turnusmäßigen Sitzung überraschend den Leitzins auf 1,25 Prozent gesenkt. Mitten in der Schuldenkrise hat Mario Draghi das Amt des obersten Währungshüters in der Euro-Zone übernommen. Foto: dpa
Der Rat der EZB hat bei seiner turnusmäßigen Sitzung überraschend den Leitzins auf 1,25 Prozent gesenkt. Mitten in der Schuldenkrise hat Mario Draghi das Amt des obersten Währungshüters in der Euro-Zone übernommen. Foto: dpa

Im Kampf gegen die Schuldenkrise und eine drohende Rezession hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins überraschend gesenkt – zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren.

Auf der ersten Ratssitzung unter dem neuen Präsidenten Mario Draghi kappte die Europäische Zentralbank (EZB) das Zinsniveau am Donnerstag auf 1,25 von 1,5 Prozent. Die meisten Experten wurden auf dem falschen Fuß erwischt, da sie mit gleichbleibenden Zinsen gerechnet hatten. Der Börsenleitindex Dax baute seine Gewinne nach dem Paukenschlag aus dem Frankfurter EZB-Tower aus, der Euro gab hingegen nach.

Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank spricht von einer "sehr positiven Überraschung": "Aufgrund der Schuldenkrise schwindet das Vertrauen. Die Bankenkrise führt zu verschärften Kreditbedingungen. Da kann eine Zinssenkung nur helfen." Die Teuerungsrate in der Euro-Zone lag zuletzt allerdings bei drei Prozent und damit weit über der Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent. Sie hatte den Zins wegen der Inflationsgefahren im April und Juli zweimal angehoben. Die Schuldenkrise und die globale Konjunkturabkühlung drohen jedoch das Wachstum in der Euro-Zone abzuwürgen, was wiederum den Preisdruck dämpfen dürfte.

Dennoch hatten die meisten Fachleute erst für Dezember mit einer Zinswende gerechnet, obwohl bereits im September darüber im Rat offen debattiert wurde. Viele EZB-Beobachter hatten aber angenommen, dass der Italiener Draghi bei seiner Premiere als Chef der Zentralbank keine geldpolitische Lockerung wagen würde, damit ihm nicht sogleich das Etikett einer wenig stabilitätsorientierten "Zinstaube" angeheftet wird.

"Währungshüter beunruhigt"

Doch offenbar ist die Furcht vor einer heraufziehenden Rezession so groß, dass sich der neue "Mr. Euro" zu der Senkung entschloss. "Der Schritt zeigt, wie beunruhigt die Währungshüter sind. Sie nehmen die Konjunkturrisiken, die von Staatsschuldenkrise ausgehen, sehr ernst", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Zuletzt hatte auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der Euro-Zone einen kräftigen Abschwung vorhergesagt. Nun wird bereits über eine weitere EZB-Zinssenkung zum Jahresende spekuliert: "Ich hatte für Ende des Jahres einen Leitzins von einem Prozent auf der Rechnung und natürlich bleibe ich dabei", sagt Ökonom Jürgen Michels von der Citibank.

EURACTIV/rtr

Links

Dokumente

EZB: Monetary policy decisions (3. November 2011)

EZB: Mario Draghi:  Introductory statement to the press conference (3. November 2011)