Festpreismodell: Deutschland will Liberalisierung des Strommarktes rückgängig machen
Um Strompreiserhöhungen zu vermeiden, will die Bundesregierung die Liberalisierung des Strommarktes rückgängig machen. Mit der Einrichtung von Kapazitätsmärkten mit festen Preisen wird auf einen interventionistischen Ansatz gesetzt.
Um Strompreiserhöhungen zu vermeiden, will die Bundesregierung die Liberalisierung des Strommarktes rückgängig machen. Mit der Einrichtung von Kapazitätsmärkten mit festen Preisen wird auf einen interventionistischen Ansatz gesetzt.
In den späten 1990er Jahren wurde in Deutschland auf Drängen von Brüssel eine beispiellose Liberalisierung der Energiemärkte durchgeführt. Dabei gingen die Versorgungsunternehmen zu einem Geschäftsmodell über, das den Verkauf von Kilowattstunden in einem Wettbewerbsmarkt vorsieht.
Dies wirkte Wunder für den deutschen Markt, obwohl die schiere Größe Deutschlands bedeutete, dass dies mit EU-weiten Auswirkungen verbunden war.
Die liberalisierten Märkte ermöglichten es Deutschland, Strom in einer Größenordnung zu exportieren, die dem heutigen Jahresverbrauch Belgiens entspricht. Als die deutschen Strompreise zwischen 2010 und 2016 um 49 Prozent sanken und sich dann stabilisierten, profitierte ganz Europa davon.
Diese Ära der liberalen Märkte geht jedoch nun zu Ende.
„Deutschland steuert in vielen Bereichen auf eine Entliberalisierung des Marktes zu“, erklärt Christoph Maurer, Strommarktexperte und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consentec.
Was im Februar als Kompromiss zur Förderung neuer Gaskraftwerke begann, ist in Berlin zu einem heftig diskutierten Thema geworden.
Auf der Suche nach sicheren Investitionen
Im August legte das deutsche Wirtschaftsministerium ein „Optionspapier“ zur Zukunft des deutschen Strommarktes vor. Darin wird eine Mischung aus liberalen und zentralisierten Elementen des Strommarktes vorgeschlagen, wie es auch in anderen europäischen Staaten der Fall ist.
Das Papier schlägt unter anderem die Schaffung eines neuen „Kapazitätsmarktes“ vor, auf dem die Erzeuger eine Pauschalvergütung erhalten würden. Dies steht im Gegensatz zum derzeitigen liberalen Markt, auf dem Erzeuger für die von ihnen verkaufte Energie entlohnt werden.
Ein solcher kapazitätsbasierter Markt würde „langfristige Investitionssicherheit durch zentralisierte Ausschreibungen mit langen Vertragslaufzeiten“ bieten, so die Bundesregierung.
„Spätestens seit den sehr hohen Preissteigerungen […] ist aus meiner Sicht klar geworden, dass der Ausbau größerer Kraftwerke nicht allein durch den freien Strommarkt gesichert werden kann“, sagt Ingrid Nestle, energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.
Durch die Kombination eines zentralen Kapazitätsmarktes mit lokalen Märkten hofft die Regierung, die Effizienz eines liberaleren Marktes beizubehalten – im Gegenzug für zusätzliche Komplexität.
In Berlin wird der Vorschlag eines Kapazitätsmarktes jedoch noch diskutiert.
Der Verband der Energieversorger BDEW und die Erdgasindustriegruppe Zukunft Gas haben sich teilweise dafür ausgesprochen. Sie bevorzugen einen einfacheren Kapazitätsmarkt als das vorgeschlagene gemischte Modell, während die Lobbygruppen der erneuerbaren Energien jede Störung ihres Geschäftsmodells fürchten.
„Wir warnen davor, in dieser sensiblen Phase der Energiewende riskante Experimente zu wagen“, sagte Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE).
Die Anhörung der Interessengruppen endete am 6. September. Die Teilnehmer des Diskussionsforums der Regierung zum Strommarkt werden die Ergebnisse am 26. September diskutieren.
Europäische Energieunion
Trotz der großen Stromlieferungen nach und aus Deutschland wurden die Nachbarländer nach Informationen von Euractiv noch nicht zu den Plänen Deutschlands konsultiert, vom derzeitigen liberalen Modell abzuweichen.
Das Wirtschaftsministerium „plant verschiedene Termine für sein Optionspapier für ein zukunftsfähiges Strommarktdesign, einschließlich eines Treffens mit den betroffenen Nachbarländern – den ‚Stromnachbarn‘ – und mit der Europäischen Kommission“, so ein Sprecher gegenüber Euractiv.
Luxemburg, wo Strom frei nach und aus Deutschland fließen kann, begrüßte Berlins Initiativen zur grenzüberschreitenden Angleichung. Gegenüber Euractiv hieß es, dass dies „eine detaillierte Bewertung und Diskussion über die grenzüberschreitenden Auswirkungen“ ermöglichen würde, bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden.
Deutschland wird zudem nicht der erste europäische Staat sein, der auf weniger liberale Kapazitätsmärkte setzt.
„Ich glaube, Deutschland befindet sich in guter Gesellschaft in Europa. Verschiedene Staaten haben bereits Kapazitätsmechanismen“, sagte Nestle. Sie fügte hinzu, dass Belgien, Frankreich und das Vereinigte Königreich sich bereits für eine Form von Kapazitätsmechanismen entschieden hätten.
Maurer glaubt jedoch, dass die Kehrtwende Berlins einen Dominoeffekt haben könnte.
„Ich schließe nicht aus, dass wir in den nächsten Jahren einen klaren Trend zu noch mehr Kapazitätsmechanismen in Europa sehen werden“, meint der Energieexperte.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Daniel Eck]