Führ: Desertec ist keine Utopie

Für manche klingt Desertec immer noch wie eine Utopie von Jules Verne: Solarthermische Kraftwerke in Nordafrika sollen rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Über den regulatorischen Rahmen, den Förderungsbedarf und die Vorzüge der vergleichsweise teuren Technologie spricht Desertec-Vorstand Friedrich Führ im Interview mit EURACTIV.de. Führ hofft auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

In Marokko könnte das Jahrhundertprojekt Desertec starten. Vorher braucht es einen Rahmen, in dem man mit dieser nachhaltigen Lösung Geld verdienen kann, sagt Desertec-Gründungsvorstand Friedrich Führ im EURACTIV.de-Interview. Foto: Tim Caspary / pixelio.
In Marokko könnte das Jahrhundertprojekt Desertec starten. Vorher braucht es einen Rahmen, in dem man mit dieser nachhaltigen Lösung Geld verdienen kann, sagt Desertec-Gründungsvorstand Friedrich Führ im EURACTIV.de-Interview. Foto: Tim Caspary / pixelio.

Für manche klingt Desertec immer noch wie eine Utopie von Jules Verne: Solarthermische Kraftwerke in Nordafrika sollen rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Über den regulatorischen Rahmen, den Förderungsbedarf und die Vorzüge der vergleichsweise teuren Technologie spricht Desertec-Vorstand Friedrich Führ im Interview mit EURACTIV.de. Führ hofft auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

ZUR PERSON:

" /Der Rechtsanwalt Friedrich Führ ist selbstständiger Unternehmensberater und Coach, Gründer und Gründungsvorstand der Desertec Foundation sowie deren Verhandlungsführer bei der Gründung der Desertec Industrial Initiative (Dii).

Friedrich Führ sanierte den Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin und war jüngster Landesgeschäftsführer im DRK. Er gründete eine Reihe von Unternehmen und gehörte verschiedenen Aufsichtsräten an, unter anderem dem Aufsichtsrat der späteren PostCon AG. Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome setzt er sich für Lösungen der globalen Herausforderungen ein.

Desertec (siehe EURACTIV.de 13. Juli 2009) hat sich zum Ziel gesetzt, mit Solarthermie-, Photovoltaik- und Windkraftanlagen in Nordafrika rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken. Die notwendigen Investitionen werden auf mehrere Hundert Milliarden Euro geschätzt. Der Planungshorizont reicht bis 2050. 

Kontakt: friedrich.fuehr@desertec.org
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EURACTIV.de: Herr Führ, noch im Jahr 2008 erhielt die Desertec-Initiative zwei "Utopia Awards" in der Kategorie "Ideen". Seit sich große Unternehmen für das Jahrhundertprojekt interessieren, scheint es, als stünde die Umsetzung schon fest. Ist Desertec noch eine Utopie?

FÜHR: Desertec ist zunächst einmal die Vision, die Wüsten der Erde schnell für eine saubere Energieversorgung der Menschheit zu nutzen. Der Begriff "Utopie" wird ja oft für etwas verwendet, das sehr weitreichend ist, und vielleicht auch völlig unrealistisch, wie die Vorstellung einer ’schönen neuen Welt‘. Viele meinen, Desertec sei zu groß, um Wirklichkeit werden zu können. Die Stärke von Desertec ist es gerade, keine ’schöne neue Welt‘ zu sein. Wir sehen die Welt so wie sie ist. Wir wollen das, was heute technisch verfügbar und möglich ist, dazu nutzen, die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzugehen und zu einer Lösung beizutragen. Es geht um eine sehr konkrete, bodenständige Lösung. Zugegeben in einem großen Maßstab gedacht.

EURACTIV.de: Wozu es viel Unterstützung braucht…

FÜHR: Wir brauchen Zusammenarbeit von unterschiedlichsten Akteuren in Wirtschaft und Gesellschaft, national und vor allem international, und in unterschiedlichen Sektoren der Politik und Wirtschaft. Klima- und Energiesicherheit sind keine Gegensätze, wenn wir es richtig machen. Kooperationen sind nötig, die sich heute viele Menschen gar nicht vorstellen können. Ich halte sie für nötig und für möglich – und für leichter, als die meisten denken.

Wir fangen einfach mit denen an, die wollen und bereit für den nächsten Schritt sind. Wir brauchen, um anzufangen, nicht den weltweiten Konsens, der zu Blockadepolitik einladen kann. Wir brauchen den Willen derjenigen, die bereit sind, einen Unterschied zu machen und anzufangen. Wer jetzt nicht mitmacht, wird das vielleicht später bedauern. Wir sind überzeugt, dass der Umstieg auf die erneuerbaren Energien sowieso kommen wird, nur vielleicht zu spät, deshalb wollen wir diesen Umstieg beschleunigen und die Beharrungstendenzen des alten Systems überwinden.

Kaum jemand kennt die Subventionen für Öl, Gas, Kohle und Atom


EURACTIV.de:
Noch ist die favorisierte Technologie der Solarthermie (Concentrated Solar Power / CSP) vergleichsweise teuer…

FÜHR: Die vorhandene Technik auszubauen heißt, zur Massenproduktion zu kommen und dadurch kostendegressive Effekte zu erzielen. Im Moment ist es so, dass diese Anlagen ein Stückchen teurer sind als die konventionellen Kraftwerke, weil jede Anlage noch eine Einzelanfertigung ist. Nun geht es darum, die Verfügbarkeit dieser Technologien und die sogenannte Konkurrenzfähigkeit zu den fossilen und atomaren  Energien schneller herzustellen, als das der Fall wäre, wenn man das den Marktkräften überlässt. Dass der Markt nicht alles regelt, haben wir gesehen. Die Finanzmärkte sind ein gutes Beispiel dafür, dass es einen regulatorischen Rahmen braucht. Desertec ist der Versuch, dem Markt für diese voll entwickelten Zukunftstechnologien zum Durchbruch zu verhelfen.

EURACTIV.de: Wie viel Starthilfe ist nötig und wer bezahlt dafür?

FÜHR: Gute Frage. Es ist natürlich so, am Ende trifft man sich an der Kasse und dann ist die Frage: ‚Wer zahlt’s?‘. Würde man alle Kosten, die mit dem alten Energiesystem in Zusammenhang stehen, auch in die Stromkosten einrechnen, wäre schon heute der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien günstiger. Kaum jemand weiß, in welchem Maße Öl, Gas, Kohle und Atom in der Vergangenheit und Gegenwart subventioniert wurden und werden.

EURACTIV.de: Welche Subventionen meinen Sie?

FÜHR: Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko führt es uns gerade wieder mal vor Augen. Die Kosten eines Unfalls tragen die Allgemeinheit und die Natur. Die Industrieunternehmen haften in der Regel nur begrenzt. Selbst bei einer unbegrenzten Haftung, würde man sie einführen, fände diese ihre Grenzen in der Leistungsfähigkeit der Unternehmen. Wenn ein Unternehmen pleite geht, kann es auch keine Reparatur mehr bezahlen.

Und nicht alle Schäden sind versichert und versicherbar. Denn es werden ja längst nicht alle schädlichen Auswirkungen beseitigt werden können, und manche wirken sich nicht monetär aus, weil wir keine Preise haben für diese Schadensarten. Ähnliches gilt für einen atomaren Unfall.

Viel schlimmer als die spektakulären Unfälle sind die massive schleichende Vergiftung und die Umweltverschmutzung im sogenannten Normalbetrieb unserer Energiewirtschaft und unserer Lebensweise. Diese Schäden haben sich über einen langen Zeitraum angehäuft. Niemand wird dafür zur Verantwortung gezogen. Man sieht, dass die derzeitige Nutzung dieser Ressourcen verantwortungslos ist. "Lebe jetzt und hinterlasse künftigen Generationen den Müll", das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Der Desertec-Visionär Gerhard Knies spricht deshalb zu Recht von organisierter Zukunftskriminalität. Wir beuten die Ressourcen in einem unverantwortlichen Maße aus und gefährden die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

"Gesamtwirtschaftlich wird es nicht teurer,  sondern günstiger"


EURACTIV.de:
Trotzdem: Bislang bedeuten die Erneuerbaren Mehrkosten für die Steuerzahler und Verbraucher…

FÜHR: Selbst wenn man die Kostenkalkulation so lässt, wie bisher, würde ein Umstieg auf erneuerbare Energien in Europa nach Berechnungen einer neuen Studie der European Climate Foundation rund zehn Prozent Mehrkosten betragen. Ich schätze, wenn man alle volkswirtschaftlichen Effekte einberechnen würde, wäre auch dieser Betrag geringer. Die erneuerbaren Energien sind heute schon ein Jobmotor und haben das Potenzial, es noch stärker zu werden. Wir sind aber nicht allein auf der Welt. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass wir grenz- und regionenübergreifend die Zusammenarbeit organisieren. Ein Blick nur auf Deutschland oder die EU wird den Problemlagen nicht gerecht.

EURACTIV.de: Wie viel Anschubfinanzierung braucht Desertec?

FÜHR: Wir schätzen, dass wir rund 75 Milliarden Dollar für die Markteinführung der Concentrated Solar Power-Technologie benötigen. Und wir brauchen eine internationale Kooperation, um diese Kosten zu tragen und zu verteilen. Desertec ist im Übrigen mehr als CSP. Wir setzen uns für Kraftwerksprojekte bestehend aus einer Kombination von Wind und Solar ein, und insbesondere für den Stromtransport mittels HGÜ-Leitungen.

Wieviele öffentliche Unterstützung nötig sein wird, ist Teil des Lernprozesses. Nur eins ist klar: Das Projekt wird insgesamt über eine Laufzeit von mehreren Jahrzehnten positive gesamtwirtschaftliche Effekte haben. Gesamtwirtschaftlich wird es nicht teurer, sondern günstiger.

Der Ausbau des Netzes wird allein schon einen Effizienzgewinn bringen. Die Schwankungen in der Erzeugung der erneuerbaren Energien können über eine größere Fläche ausgeglichen werden. Es ergeben sich neue Chancen auch für die Wasserkraft und Pumpspeicherkraftwerke, wenn der Strom zu Zeiten hohen Angebots und niedriger Nachfrage zum Auffüllen der Wasserspeicher genutzt werden kann. Die finanziellen Mehrbelastungen bei der Markteinführung stehen in einem günstigen Verhältnis zum Nutzen für das Gesamtsystem. Nicht nur für die Gesellschaft, die den dann dauerhaft kalkulierbaren und sauberen Strom nutzt, sondern für die Welt insgesamt.

Solarthermie als Schritt zur Netzsicherheit

EURACTIV.de: Auf diese Weise können alle Anbieter von Ökostrom argumentieren. Warum sollen Regierungen und Verbraucher speziell solarthermische Kraftwerke unterstützen? Stattdessen ließe sich auch die heute günstigere Windkraft weiter ausbauen…

FÜHR: Wir sollten nicht auf den Trick hereinfallen, die eine saubere Technologie gegen eine andere auszuspielen. Der Ausbau von Wind war und ist richtig und hat gezeigt, wie es geht.

Die Erfolgsgeschichte von Wind ist ja ein gutes Beispiel. Da gab es Forschungsprojekte, auch zusammen mit großen Unternehmen. Ich erinnere an das 1983 begonnene Projekt der Großen Windkraftanlage (GROWIAN). 1987 kam man zu dem Schluss: ‚Wie wir uns das vorstellen, rechnet sich das nicht‘, und stellte den Versuch ein. Ich glaube, das Unternehmen, das den GROWIAN damals gebaut hat, bereut heute sehr, dass es nicht bei Wind geblieben ist. Denn die folgende Erfolgsgeschichte war so gigantisch, dass daraus für viele Unternehmen neue Wertschöpfung entstanden ist. Wenn man immer nur im alten Denken verharrt, verpasst man Chancen. Auch die positive Entwicklung bei der Photovoltaik berechtigt zu Hoffnungen in die künftigen Anwendungsmöglichkeiten.

Es waren Tüftler und kleine Unternehmen, die in Deutschland die Windkraft marktfähig gemacht haben und neue Instrumente wie das Erneuerbare Energiegesetz (EEG) haben es ermöglicht, dass solche Projekte finanzierbar wurden. Damit hat ihr Siegeszug eingesetzt. Bei CSP fehlte bisher die starke Stimme, die sich für den Ausbau stark gemacht hätte. Deshalb tun wir es jetzt neben den anderen Aspekten, die ich erläutert habe. Wir sind technologieoffen. Wir wollen alle Erneuerbaren nutzen, und zwar dort, wo sie sinnvoll sind.

EURACTIV.de: Was spricht für die Solarthermie?

FÜHR: Technisch ist der größte Vorteil von solarthermischen Kraftwerken, dass Wärme sich gut speichern lässt – das heißt, dass man den Betrieb der Anlage über die Einstrahlungszeit der Sonne hinaus fortsetzen kann. Das ist wichtig, wenn man zu Netzsicherheit kommen will. Diese Lösung ist wissenschaftlich belegt machbar, und jetzt müssen wir sie einfach umsetzen. Wenn Sie jetzt fragen: Warum?, dann frage ich: Was passiert, wenn wir es nicht machen? Was kostet uns das?

"Wenn das Ganze nicht als Green-Washing wahrgenommen wird…"


EURACTIV.de:
Warum sollte man nicht großflächig auf Wind setzen, wie es etwa der Phsyiker Georg Czisch vorschlägt, ein Mitbegründer der Desertec-Vorläufer-Initiative TREC?

FÜHR: Ich denke nicht in den Schein-Alternativen von ‚Entweder Oder‘, sondern befürworte in diesem Fall ein ‚Sowohl als auch‘. Es ist gut, dass die Windkraft diese Entwicklung genommen hat, und es wäre noch besser, wenn es eine parallele Entwicklung im Bereich CSP gäbe. Die größte bisher nicht genutzte Ressource ist die Sonne. Wir wollen die technischen Möglichkeiten massiv ausbauen und nutzen, um die Sonnenenergie zu ernten. Das hat nichts damit zu tun, dass es nicht andere gute Dinge gibt wie Geothermie und Biomasse. Nur das größte Potenzial hat Solar. Deshalb braucht es eine Stimme, die sich dafür einsetzt. Und der Ausbau von Wind ist in Deutschland auf dem Land nicht unbegrenzt sinnvoll. Die meisten ertragreichen Standorte sind genutzt. Klar kann man hier noch optimieren. Aber nicht umsonst sprechen wir ja jetzt über große Offshore Windparks.

EURACTIV.de: Die Beteiligung von Großkonzernen an der Desertec Industrie Initiative (Dii) hat viele überrascht. Wieso ist es wichtig, Firmen wie RWE und Eon dabei zu haben, die bislang mit Kohle- und Atomstrom ihr Geld verdienen?

FÜHR: Wir sind mit der DESERTEC Foundation auf der Suche nach Partnern, die mithelfen, dass die Vision Realität wird. Dass solche Großkonzerne dabei sind, war die Nachricht im letzten Jahr. Nicht, dass es einfach eine gute Idee gibt, war die Nachricht, sondern: ‚die Industrie will es wirklich machen‘. Indem sie mitmachen, stärken wir auch die Kräfte in den Unternehmen, die sich für diese Lösungen einsetzen. Sie bekommen Aufmerksamkeit, sie erhalten Geld. Man fragt: ‚Was macht ihr da?‘.

Auch in der Unternehmenskommunikation spielt es eine Rolle. Wenn das Ganze am Ende nicht als PR-Gag oder Green-Washing oder Ähnliches wahrgenommen wird, sondern als ernsthafter Schritt in die richtige Richtung – und so verstehe ich die Unternehmen – dann führt das dazu, dass sich die Unternehmen mit mehr Manpower und Forschungsinvestitionen dieser Lösung widmen. Das finde ich gut.

Und hier wird deutlich, dass es in großen Unternehmen auch immer verschiedene Strömungen gibt. Es gilt die Kräfte zu stärken, die das Richtige tun. Ich sehe, dass hier ein Umdenken begonnen hat. Einige haben da noch einen weiten Weg vor sich. Wer sich später auf den Weg macht, riskiert die Zukunftschancen des Unternehmens, das er repräsentiert.

"Es muss ein Geschäft sein"


EURACTIV.de:
Man kann auch sagen, aus dem Idealismus der Ökostrom-Vorreiter ist mittlerweile ein ‚Big Business‘ geworden…

FÜHR: Ja. Und es muss sich auch rechnen, es muss ein Geschäft sein. Sonst kann es in der Logik eines Unternehmens nicht gemacht werden. Ein großes Unternehmen kann zwar hier und dort mal was Gutes tun, aber nur mit dem Geld, das es vorher verdient.

Wir wollen, dass ein Markt entsteht, das heißt, dass ein Rahmen da ist, in dem man mit dieser nachhaltigen Lösung auch Geld verdienen kann. Geld verdienen ist ja nichts Anstößiges.

Schauen Sie einmal in den Finanzsektor. Hohe Renditen gehen oft mit sehr hohen Risiken einher. Was wir dagegen machen, ist grundsolide ‚alte‘ Wirtschaft. Sie bauen eine Anlage, die über viele Jahrzehnte Strom produziert. Das ist Realwirtschaft, nicht irgendein Jonglieren. Damit muss man auch Geld verdienen können.

Wer soll Eigentümer des Netzes sein?


EURACTIV.de:
Noch einmal zum regulatorischen Rahmen. Wie soll der aussehen? Desertec-Geschäftsführer Paul van Son blieb hier bislang vage (EURACTIV.de vom 18. Februar 2010). Brauchen Sie eine Art ‚Europäisches Einspeise-Gesetz‘ für Wüstenstrom oder Direktsubventionen?

FÜHR: Wir sind ja sehr für Beschleunigung. Wir wollen, dass es schnell geht. Und was haben wir gemacht, damit wir auf diese Frage schnell eine fundierte Antwort geben können, die Akzeptanz bei den Industrieunternehmen und der Politik findet? Wir haben im Herbst 2009 die Desertec Industrial Initiative gegründet. In einem Zeitraum von drei Jahren wird sie Antworten erarbeiten.

Jetzt wäre es falsch zu sagen: Ich habe die Lösung schon. Ich habe eine Phantasie, dass es eine Kombination aus verschiedenen Elementen geben wird. Natürlich kann man etwas wie Einspeisevergütungen machen. Man kann auch überlegen, ob ein Netz öffentlich gefördert wird, oder die Frage diskutieren, wer eigentlich Eigentümer des Netzes sein soll. Ist der Netzausbau etwas, das wie der Straßenbau von der Gesellschaft geleistet werden sollte, zum Beispiel von der Europäischen Union? Dazu kann man eine Meinung haben. Letztlich wird die Industrie Initiative eine Antwort auf diese Frage formulieren. Als Stiftung werden wir unseren Beitrag dazu leisten. In zweieinhalb Jahren werden wir Ergebnisse sehen.

Historische Verantwortung der entwickelten Länder


EURACTIV.de:
Warum soll Europa eigentlich die Stromerzeugung in Afrika fördern?

FÜHR: Manche sagen ja, Desertec sei gut für Afrika, nur der Strom solle bitte nicht nach Europa oder genauer nach Deutschland kommen. Wer so argumentiert, möchte den Status Quo verteidigen – sprich den Wandel verlangsamen. Diese Sichtweise ist protektionistisch und übersieht, dass wir nur durch den Import des Produkts "sauberer Solarstrom" zu einem nennenswerten Export der dafür erforderlichen Komponenten kommen. Jedes einzelne Projekt muss sich rechnen und braucht deshalb Abnehmer. Im Falle von Kraftwerken ist es der Strom – bei den Netzen braucht es den Auftraggeber und hier sehe ich die Europäische Union und die Nationalstaaten in der Verantwortung.

Zudem tragen die entwickelten Länder die historische Verantwortung für den allergrößten Teil an den klimawirksamen Emissionen. Es ist daher nur gerecht, wenn diese Länder jetzt auch die Kosten für die Lösung übernehmen. Im Ergebnis wird dadurch die Technologie günstiger, und das bedeutet auch verfügbarer für Länder, die es sich gegenwärtig nicht leisten können – oder glauben, es sich nicht leisten zu können, in diese Lösung zu investieren.

EURACTIV.de: Die französische Initiative Transgreen will nun den Netzausbau zwischen Nordafrika und Europa vorantreiben (EURACTIV.de vom 20. Mai 2010). Wäre es Ihnen lieber gewesen, die Transgreen-Initiatoren hätten sich Desertec angeschlossen?

FÜHR: Transgreen ist eine direkte Reaktion der Franzosen auf Desertec. Und es war sicher ein Fehler der Dii, nicht schneller die Tür für andere zu öffnen, obwohl das von Anfang an geplant war. Das hat jetzt begonnen und die Dii nimmt Partner auf. Wir müssen hier schneller werden und auch offen bleiben, was die Aufnahme von weiteren Gesellschaftern als auch Partnern angeht. Für die Desertec Stiftung gilt das ebenso – auch die Stiftung muss weiter Partner und Förderer finden, schon um die eigene Arbeit finanzieren zu können.

Desertec als sich selbsterfüllende Prophezeiung


EURACTIV.de:
Wie kaum ein anderes Projekt fasziniert Desertec Experten und Akteure, bevor es überhaupt umgesetzt ist. Wie haben Sie persönlich die große Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr erlebt?

FÜHR:
Ich habe mich sehr gefreut. Mit der Nachricht, die Industrie Initiative zu gründen, ist eine Eigendynamik entstanden, sodass Desertec es bis in die Abendnachrichten geschafft hat. Allein diese Ankündigung hat das alles ausgelöst. Das Schöne ist, dass manche Nachrichten so etwas entwickeln können wie die Kraft einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Das wünsche ich mir für Desertec. Als die Nachricht rauskam, gab es ja niemanden, der schon gesagt hat, wir wollen 400 Milliarden Euro investieren. Aber letztlich führt das Projekt dazu, dass solche Investitionen möglich werden. Und das ist erst der Anfang, weitere und größere Investitionen sind nötig und möglich, die ein Vielfaches der genannten Summe betragen werden.

Interview: Alexander Wragge

Links

Desertec Foundation

Desertec Inustrial Initiative (Dii)

Club of Rome Deutschland

Hinweis: Mehr zur zukünftigen EU-Energiepolitik finden Sie im EURACTIV.de Yellow Paper. Die Sonderpublikation versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Aktuelle Standpunkte und Interviews zur EU-Energiepolitik:


Christian Ehler (CDU):
Klimaziele: "Herausforderung ist enorm" (2. Juni 2010)

Michaele Schreyer: "Europa ist reich" (4. Mai 2010)

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Michael Laubsch (ETG): Das Abenteuer Turkmenistan (18. Mai 2010)

IEP-Experte Severin Fischer: Hedegaard hat eine Lawine losgetreten (27. Mai 2010)

Götz Reichert und Jan S. Voßwinkel (beide CEP): Klima-Alleingang der EU: Kosten ohne Nutzen (1. Juni 2010)

In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:

Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
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Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
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