Gerke zur Basel III-Reform: "Man war zu großzügig"
Die Politik hat es nicht leicht, den Bankensektor langfristig krisenfest zu machen, ohne die Realwirtschaft zu gefährden. Die Systemreform ("Basel III") ist allerdings in einem Punkt "zu lasch formuliert", sagt der Bankexperte Wolfgang Gerke im EURACTIV.de-Interview. Zugleich warnt Gerke: Zu viel Euphorie und billiges Geld könnten schon in den kommenden Jahren die nächste Krise auslösen. Die EZB zur "Bad Bank" für Staatsanleihen zu machen, sei ein Dammbruch.
Die Politik hat es nicht leicht, den Bankensektor langfristig krisenfest zu machen, ohne die Realwirtschaft zu gefährden. Die Systemreform („Basel III“) ist allerdings in einem Punkt „zu lasch formuliert“, sagt der Bankexperte Wolfgang Gerke im EURACTIV.de-Interview. Zugleich warnt Gerke: Zu viel Euphorie und billiges Geld könnten schon in den kommenden Jahren die nächste Krise auslösen. Die EZB zur „Bad Bank“ für Staatsanleihen zu machen, sei ein Dammbruch.
ZUR PERSON
Wolfgang Gerke ist ein emeritierter Professor für Bank- und Börsenwesen. Seit 2006 ist Gerke Präsident des "Bayerischen Finanz Zentrums" (BFZ). Gerke ist Mitglied der Börsensachverständigen- kommission und des Börsenrates der Frankfurter Börse. Forschungschwerpunkte liegen auf den Gebieten des Geld-, Bank- und Börsenwesens, der Altersvorsorge und der Mittelstandsforschung.
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EURACTIV.de: Die Eigenkapitalregeln gelten als eine Art "Grundgesetz" des Bankensektors und begrenzen die Risiken, die ein Institut eingehen kann. Das internationale Regelwerk soll nach der Finanzkrise grundlegend reformiert werden. Der zuständige Baseler Ausschuss hat seine entsprechenden Pläne kürzlich geändert (EURACTIV.de vom 28. Juli 2010). Wie bewerten Sie die Änderungen der "Basel III-Reform"?
GERKE: Man hat Basel III erheblich aufgeweicht. Eine Verwässerung ist zum Beispiel die Verschiebung der Verschuldungsgrenze ("Leverage Ratio") bis 2018. Diesen Termin halte ich für zu spät. Wobei ich hinzufügen muss, dass die "Leverage Ratio" selbst problematisch ist. Ihr fehlt letztendlich der Bezug zum eingegangenen Risiko.
EURACTIV.de: Inwiefern?
GERKE: Die Verschuldungsgrenze ist eine relativ primitive Größe. Es gibt heutzutage sehr viel bessere Kriterien, um Banken krisenfester zu machen. Gerade US-Investmentbanken können trotz dieser Regel hohe Risiken eingehen, ohne genug Eigenkapital für Krisenzeiten vorzuhalten. Nach der jetzt vorgesehenen Regel kann man das 33-fache des Eigenkapitals an Krediten vergeben. In diesem Punkt ist Basel III zu lasch formuliert.
EURACTIV.de: Eine Reihe von Maßnahmen sollen erst nach einer Übergangsfrist greifen. Experten wie der New Yorker Finanzprofessor Roy Smith warnen, bis die neuen Regeln wirken, sei man vor einer neuen Finanzkrise nicht geschützt. Besteht die reale Gefahr, dass es in den kommenden Jahren erneut zu einem Zusammenbruch kommt?
GERKE: Das kann man nicht ausschließen. Es ist davon auszugehen, das sogenannte "Jahrundertfinanzkrisen" in kürzeren Abständen kommen. Das ist auf das starke Herdenverhalten der Marktteilnehmer zurückzuführen. Es hängt auch damit zusammen, dass große Teile der Geschäfte mit Hilfe von Computersoftware getätigt werden. Die verschiedenen Systeme arbeiten mit ähnlichen Zeitreihen und sind sehr ähnlich strukturiert. Das führt zu Übertreibungen. In der Euphorie jubelt man sich gegenseitig hoch, geht es abwärts, kommt es zu Paniksituationen. Die Märkte werden volatiler. Umso wichtiger ist es, die Banken so krisenfest zu machen, dass am Ende nicht der Steuerzahler haften muss.
"Die Politik muss Abwägen"
EURACTIV.de: Der Ökonom Rudolf Hickel sagte im EURACTIV-Interview, die Länder hätten mit den Basel III-Änderungen die aktuellen Interessen ihrer Banken geschützt. Gerät die langfristige Stabilität des Gesamtsystems aus dem Blick?
GERKE: Es geht um eine Abwägung. Wenn man jetzt zu restriktiv einschreitet, besteht die Gefahr, dass die Kreditversorgung und damit die Konjunkturentwicklung leidet. Das betrifft eher die mittelständischen als die großen Unternehmen. Die andere Frage ist, wie man die Banken langfristig krisenfest macht. Hierfür müsste man eigentlich restriktiver herangehen, da stimme ich Rudolf Hickel zu. Den richtigen Mittelweg zu finden, ist nicht leicht. Ich glaube aber, das man bei den neuen Regeln zu großzügig gewesen ist.
EURACTIV.de: Viele Maßnahmen wurden nun erstmal aufgeschoben. In einigen Jahren könnte es den Banken wieder besser gehen. Besteht die Gefahr, dass strengere Regeln am Ende gar nicht kommen, weil die Krise vergessen ist, und der Handlungsdruck fehlt?
GERKE: Die größere Gefahr ist, dass wir bis 2018 eine neue Finanzkrise erleben, und die Banken nicht in der Lage sind, sie alleine durchzustehen.
EURACTIV.de: Die deutschen Vertreter im Baseler Ausschuss zögern noch, den neuen Kapital- und Liquiditätsregeln zuzustimmen. Ist die deutsche Blockade gerechtfertigt?
GERKE: Deutschland hat dem Vernehmen nach in der Frage Bedenken, wie man Genussscheinkapital bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken dem Kernkapital zurechnet oder nicht. Es geht hier um eine speziell deutsche Bankenstruktur, die man mit der US-amerikanischen nicht vergleichen kann. Hier gibt es zu Recht noch Diskussionbedarf.
EURACTIV.de: Kritiker bemängeln den engen Kontakt der Finanz-Lobby zu den politischen Entscheidungsträgern. Deutschland wird zum Beispiel unterstellt, im Interesse der Deutschen Bank zu agieren. Ist die Politik unabhängig genug, um das Allgemeinwohl über die Interessen der Banken zu stellen?
GERKE: Dass die Banken ihre Interessen vertreten, ist legitim. Entscheidend ist, dass die Politiker Rückgrat zeigen, und die Argumente abwägen. Natürlich besteht derzeit die Gefahr, das die Interessen der Banken zu stark zum Tragen kommen. Aber für Deutschland sei gesagt: Es ist im Interesse der Realwirtschaft, dass die spezielle Situation der Sparkassen und Genossenschaftsbanken berücksichtigt wird.
Unabhängigkeit der EZB in Gefahr
EURACTIV.de: Führende Volkswirte warnen die Notenbanken derzeit, mit ihrer lockeren Geldpolitik die Saat für die nächste Finanzkrise zu legen. Sehen Sie die Gefahr, dass die Niedrigzinspolitik neue Verwerfungen produziert?
GERKE: Es ist schon heute zu viel Geld im Markt. Die jüngste Finanzkrise ist zu einem großen Teil der amerikanischen Zentralbank FED anzulasten. Die FED hat die Investmentbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik erst zu all den Eskapaden auf dem Immobilienmarkt animiert. Sie war der verlängerte Arm der US-Regierung und ich sehe die große Gefahr, dass die Europäische Zentralbank EZB ebenfalls ihre Unabhängigkeit verliert, insbesondere durch den französischen Einfluss. Zu viel Euphorie und billiges Geld könnten die nächste Krise auslösen.
EURACTIV.de: Sollte die EZB die Leitzinsen stark erhöhen? Sie könnte damit die Konjunktur abwürgen...
GERKE: Die EZB kann den Leitzins derzeit nicht stark erhöhen. Aber als Notenbank darf sie die einzelnen Länder auch nicht mit zu viel billigem Geld versorgen. Es war ein Dammbruch, als man die EZB zur "Bad Bank" für Staatsanleihen machte.
Interview: Alexander Wragge
EURACTIV.de: Basel III-Änderungen – Banken profitieren in Milliardenhöhe (30. Juli 2010)
EURACTIV.de: Hickel: "Vertagung der Schuldengrenze ist großer Fehler" (29. Juli 2010)
EURACTIV.de: Finanzmarktreform – "Hinterlistiges" Lobbying der Großbanken? (28. Juli 2010)
EURACTIV.de: Deutschland torpediert "Basel III"-Reformpaket (27. Juli 2010)
Presse
Handelsblatt.de: Basel-III-Reform wird billiger (30. Juli 2010)
Zeit Online: Wer bremst denn da? (29. Juli 2010)
Wall Street Journal: Basel Faulty on Capital (28. Juli 2010)
Links
Baseler Ausschuss: Internetseite
Baseler Ausschuss: The Group of Governors and Heads of Supervision reach broad agreement on Basel Committee capital and liquidity reform package (26. Juli 2010)
Baseler Ausschuss: The Group of Governors and Heads of Supervision reach broad agreement on Basel Committee capital and liquidity reform package . ANNEX (26. Juli 2010)
EU-Kommission: Übersicht zu den Eigenkapitalvorschriften
Baseler Ausschuss: Consultative proposals to strengthen the resilience of the banking sector announced by the Basel Committee (17. Dezember 2009)