Großes Potenzial für engere Partnerschaft zwischen der EU und Lateinamerika

Während Lateinamerikaner die EU als bevorzugten Partner zur Bewältigung vieler globaler Herausforderungen wahrnehmen, hat die EU die Region bisher weitgehend vernachlässigt, so eine neue repräsentative Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

/ EURACTIV.com
Central America and the Caribbean condemn Russia’s invasion of Ukraine
Obwohl der Chef der EU-Außenpolitik, Josep Borrell, bereits Anfang 2021 erklärte, er werde "alles tun", um ein Gipfeltreffen zwischen der EU und Lateinamerika zu veranstalten, um die Beziehungen zwischen den beiden Regionen zu vertiefen, ist seither wenig geschehen. [Bienvenido Velasco/EPA]

Dieser Artikel ist Teil unseres Special Reports über die Beziehungen zwischen der EU und Lateinamerika: gemeinsame Werte und verpasste Chancen.

Während Lateinamerikaner die EU als bevorzugten Partner zur Bewältigung vieler globaler Herausforderungen wahrnehmen, hat die EU die Region bisher weitgehend vernachlässigt, so eine neue repräsentative Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Studie, die am Donnerstag (1. Juli) vorgestellt wurde, befragte zwischen September und Oktober 2021 12.000 Menschen in zehn lateinamerikanischen Ländern zu ihrer Wahrnehmung der EU.

Fast die Hälfte der Lateinamerikaner:innen sieht Europa als bevorzugte Region für eine Partnerschaft, und mehr als zwei Drittel gaben an, dass sie eine „gute“ oder sogar „sehr gute“ Sicht auf die Beziehungen ihres Landes mit der EU haben.

„Wenn es um internationale Politik, Führung und die internationale Ordnung geht, entscheiden wir uns fast immer für eine Zusammenarbeit mit der EU“, sagte die Mitverfasserin der Studie, Monica Hirst.

Außerdem gibt es erhebliche Überschneidungen zwischen den wahrgenommenen globalen Bedrohungen und der internationalen Führungsrolle Europas.

Drängende Probleme

Die drei drängendsten Probleme für Lateinamerikaner sind extreme Armut, Klimawandel und Menschenrechtsverletzungen – die Bereiche, in denen Europa laut der im Vorfeld des Ukraine-Krieges durchgeführten Studie ebenfalls eine globale Führungsrolle zugeschrieben wird.

Wenn es jedoch um harte Machtfragen geht, wird Europa als vergleichsweise schwacher Akteur wahrgenommen: Nur 7 Prozent gaben an, dass die EU in militärischen Angelegenheiten weltweit führend ist, und 11 Prozent meinten, dass die EU im Bereich der Wirtschaftskraft führend sei.

„Es ist ärgerlich zu beobachten, dass Europa für Lateinamerika ein wichtiger Partner bei Soft-Power Angelegenheiten ist, aber nicht bei Hard-Power“, so Hirst.

Während die EU aufgrund des Krieges in der Ukraine ihre Zusammenarbeit mit nicht-westlichen Demokratien auf der ganzen Welt intensivieren will, hat die Union bisher wenig getan, um engere Beziehungen zu Lateinamerika zu knüpfen.

Während die EU Anfang 2022 einen EU-Afrika-Gipfel abhielt, fand der letzte EU-Lateinamerika-Gipfel vor über sieben Jahren im Jahr 2015 statt. Ein für 2017 geplantes Treffen wurde zudem auf unbestimmte Zeit verschoben.

Der EU-Außenpolitikbeauftragte, Josep Borrell, erneuerte dieses Versprechen im Jahr 2021 und erklärte, er werde „alles tun“, um einen Gipfel zwischen der EU und Lateinamerika abzuhalten. Seitdem wurde jedoch nur ein Online-„Mini-Gipfel“ organisiert, an dem kein einziger der EU-Staatschefs teilnahm.

Das Gleiche gilt für die globale Infrastrukturinitiative Global Gateway, die bis 2027 Investitionen in Höhe von 300 Milliarden Euro mobilisieren soll, um Chinas Belt and Road Projekt Konkurrenz zu machen.

Die EU-Kommissarin für internationale Partnerschaften, Jutta Urpilainen, betonte bei ihrem Lateinamerikabesuch Mitte Juni, dass die Global-Gateway-Initiative „unsere bereits starke Zusammenarbeit“ in der Region verstärken werde.

Es ist jedoch unklar, wie viel die Region tatsächlich von der Initiative profitieren wird, da die Hälfte der Mittel bereits für Afrika vorgesehen ist.

Chinesischer und russischer Einfluss

Während noch nicht bekannt ist, welche Rolle die Global-Gateway-Initiative der EU in Lateinamerika spielen könnte, wird China bereits als eine dominante Kraft bei Infrastrukturinvestitionen wahrgenommen.

Der Umfrage zufolge sehen 36 Prozent der Befragten China als den besten Partner für Infrastrukturinvestitionen an, verglichen mit nur 20 Prozent für Europa.

Dasselbe gilt für Handel und Investitionen, wo 46 Prozent der Befragten China als den bevorzugten Partner für Lateinamerika nannten.

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass Lateinamerika China als den besten Partner für Handel und Investitionen ansieht. Abgesehen von Mexiko hat China laut einem Bericht des Weltwirtschaftsforums die USA und die EU als wichtigste Handelspartner in der Region überholt.

Nach Ansicht des sozialdemokratischen Europaabgeordneten Iban García del Blanco hat das Gewicht Europas in der Region in den letzten Jahren gegenüber dem Einfluss Chinas in Lateinamerika gelitten.

„Aber die Schuld liegt nicht bei China, sondern bei denen, die ihre Position aufgegeben haben“, sagte er im Anschluss an die Präsentation der Studie.

Auch Russland hat die Region in den letzten Jahren mit wachsendem Interesse verfolgt. Allerdings hat sich die russische Charmeoffensive in der Region als weniger erfolgreich erwiesen, insbesondere was die Corona-Diplomatie des Kremls betrifft.

Der russische Impfstoff Sputnik V Corona war der erste, der in vielen lateinamerikanischen Staaten eintraf. Russland versuchte sich dadurch in der Region, als primärer Impfstofflieferant zu etablieren.

In vielen Regionen konnte Russland jedoch nicht die versprochene Menge liefern. Da Sputnik nicht mit anderen Impfstoffen kompatibel ist, entstanden für die Betroffenen oft lange Wartezeiten.

Obwohl Russland sich zum führenden Anbieter von Corona-Impfstoffen in der Region entwickeln wollte, sehen die Lateinamerikaner:innen die USA laut dem Bericht daher immer noch als den wichtigsten Partner für Impfstoffe an.

[Bearbeitet von Alice Taylor]