Irlands geheime diplomatische Waffe: Der Flughafen Shannon
Shannon ist ein ruhiger Flughafen mit nur einer Startbahn in einer Kleinstadt mit etwa 10.000 Einwohnern im Westen Irlands – und zugleich ein Juwel in der diplomatischen Krone des Landes.
Shannon ist ein ruhiger Flughafen mit nur einer Startbahn in einer Kleinstadt mit etwa 10.000 Einwohnern im Westen Irlands – und zugleich ein Juwel in der diplomatischen Krone des Landes.
Erst vergangenen Mittwoch war US-Außenminister Marco Rubio dort zu Gast. Zwei Wochen zuvor traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Flughafen Shannon Irlands Regierungschef, den Taoiseach Micheál Martin. Bereits 2023 hatte Selenskyj sich dort mit dem sudanesischen Staatschef Abdel Fattah al-Burhan getroffen.
Doch man darf sich nichts vormachen: Shannon Airport, etwa 25 Kilometer westlich von Limerick gelegen, zählt keineswegs zu den bevorzugten Reisezielen internationaler Eliten. Allerdings dient er seit Jahrzehnten als praktische Zwischenstation für Politiker und Diplomaten auf transatlantischen Reisen, was irischen Regierungschefs immer wieder günstige Gelegenheiten zu spontanen Treffen verschafft.
„Es ist ein kostengünstiger, ruhiger Flughafen, in den man einfach hinein- und wieder herauskommt, mit wenig kommerziellem Verkehr“, erklärt Ben Tonra, Professor für internationale Beziehungen am University College Dublin. Wenn wichtige Persönlichkeiten dort für einen Tankstopp landen, „ergreift ein irischer Taoiseach möglicherweise die Chance für ein kurzes Gespräch“, so Tonra gegenüber Euractiv.
Doch nicht immer läuft alles nach Plan.
Als 1994 bekannt wurde, dass Boris Jelzin in Shannon einen Zwischenstopp einlegen würde, brach der damalige Regierungschef Albert Reynolds seinen Australienbesuch kurzfristig ab und flog um die halbe Welt zurück, um nur wenige Stunden vor dem russischen Präsidenten zu landen.
Jelzin, bekannt für seinen Alkoholkonsum, verließ jedoch das Flugzeug nicht und ließ Reynolds peinlich berührt auf dem Rollfeld stehen. Kürzlich freigegebene Dokumente belegen, dass irische Diplomaten bereits zuvor befürchtet hatten, Jelzin könnte „nicht ganz nüchtern“ erscheinen. Deshalb erhielt eine Militärkapelle vorsorglich Anweisung, auf die üblichen Ehren notfalls kurzfristig zu verzichten.
US-Militärflüge sorgen für Kontroversen
Doch der Flughafen sorgt neben amüsanten Episoden, auch für Kontroversen. Denn genau jene Eigenschaften, die ihn für Diplomaten attraktiv machen, ziehen auch das US-Militär an.
Regelmäßig legen hier Charterflüge mit US-Truppen einen Tankstopp ein. „Dann sieht man Soldaten in Tarnkleidung, die durch den Duty-Free-Bereich laufen und ihre Flaschen mitnehmen“, sagte Tonra. „Für den Flughafen ist das ein enormer wirtschaftlicher Gewinn.“
Gleichzeitig führen diese Zwischenlandungen immer wieder zu Protesten. „Menschen wurden bereits verhaftet und angeklagt, weil sie US-Militärflugzeuge beschädigten“.
Die Demonstranten werfen Irland vor, trotz seiner Neutralität „die USA bei militärischen Operationen im Ausland zu unterstützen“. Zudem ist unklar, was sich neben den Soldaten an Bord befindet: „Nach irischem Recht dürfen Flugzeuge mit Munition an Bord hier nicht landen.“
Die USA versichern zwar, alle Vorschriften einzuhalten – doch laut Tonra verlässt sich die irische Regierung dabei allein auf die Zusicherung der Amerikaner.
„Es findet keine Kontrolle statt, niemand überprüft direkt in den Flugzeugen, ob Munition geladen ist“, sagte der Professor. Fragen wie die, ob Waffen der Soldaten separat transportiert werden oder sich im Frachtraum befinden, sorgen regelmäßig für Debatten im irischen Parlament.
Historische Bedeutung für die Luftfahrt
Historisch betrachtet spielte Shannon Airport eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der transatlantischen Luftfahrt und der irischen Wirtschaft.
Eröffnet wurde der Flughafen erstmals 1942. Bis dahin beschränkte sich die transatlantische Luftfahrt überwiegend auf Flugboote, die auf Wasserflächen wie der Shannon-Mündung landeten. In den 1930er Jahren war Foynes, eine benachbarte Kleinstadt, der zentrale Ausgangspunkt für solche Flugverbindungen.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg landeten die ersten transatlantischen Testflüge auf der neuen Landebahn in Shannon. Als westlichster Flughafen Europas etablierte sich Shannon rasch als Drehkreuz für Flüge über den Atlantik, da damalige Flugzeuge aufgrund technischer Begrenzungen nicht direkt nach Kontinentaleuropa durchfliegen konnten.
Mit Einführung moderner Jets in den 1960er Jahren verlor Shannon an Bedeutung, da transatlantische Direktflüge zu europäischen Großstädten ohne Tankstopp möglich wurden.
Doch gerade wegen seiner ruhigen, abgelegenen Lage bleibt Shannon bis heute als Tankstation für Langstreckenflüge diplomatisch relevant – als Alternative zu den geschäftigen Flughäfen London, Paris oder Amsterdam.
1975 errichtete die sowjetische Fluggesellschaft Aeroflot sogar eine Basis in Shannon. Flugzeuge konnten hier in einem neutralen Land auftanken, bevor sie den Atlantik überquerten. Laut Tonra war Irlands Neutralität im Kalten Krieg zwar politisch vorteilhaft, entscheidend seien jedoch eher die günstigen Kosten und die strategische Lage gewesen.
Pionier der wirtschaftlichen Sonderzone
Shannon Airport gilt außerdem als beliebtes Ziel für chinesische Delegationen, die sich für die wirtschaftspolitischen Experimente als steuerbegünstigte Sonderwirtschaftszone interessierten, die hier ihren Ursprung hatten.
1947 wurde Shannon zum weltweit ersten zollfreien Flughafen. Im Jahr 1959 gründete die irische Regierung die sogenannte „Shannon Free Zone“ – ein Testfeld für eine wirtschaftliche Strategie mit niedrigen Steuern und hoher Auslandsinvestition, die Jahrzehnte später dazu beitrug, Irland wohlhabend zu machen.
„Ende der 1950er Jahre haben wir unsere wirtschaftliche Ausrichtung radikal verändert – weg von einer harten protektionistischen Politik hin zu einer Entwicklung, die auf Export und ausländische Direktinvestitionen setzte“, sagte Tonra. „Der Flughafen Shannon war integraler Bestandteil dieser Strategie.“
Doch trotz der großen wirtschaftsgeschichtlichen Bedeutung der Shannon Free Zone führte dies nie zu einer wirklichen Entwicklung der Gemeinschaft um Shannon herum, welche klein, ländlich und abgelegen geblieben ist.
„Entschuldigen Sie das Wortspiel: Der Flughafen ‚hob nie wirklich ab‘, jedenfalls nicht so, wie er ursprünglich geplant war – als Industrie- und Wirtschaftszentrum –, denn Shannon ist keine natürlich gewachsene Stadt“, erklärte Tonra. Der Großteil der umliegenden Industrie- und Wirtschaftsaktivität konzentriert sich in Limerick, und Shannon fungiert heute hauptsächlich als Flughafen dieser Stadt.
[OM]