Klimawandel und Plastik: Muschelfarmen in Europa in der Krise

Klimawandel, Verschmutzung und invasive Gifte verbinden sich zu einem toxischen „Cocktail“, der nicht nur eine Milliardenindustrie, sondern auch ein zentrales Element der nachhaltigen Ernährung Europas bedroht: Muscheln.

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[Photo by Frank Molter/picture alliance via Getty Images]

Klimawandel, Verschmutzung und invasive Gifte verbinden sich zu einem toxischen „Cocktail“, der nicht nur eine Milliardenindustrie, sondern auch ein zentrales Element der nachhaltigen Ernährung Europas bedroht: Muscheln.

An einem windigen Nachmittag in der Normandie lief ich mit meiner Großmutter, die die Landung am D-Day nur einen Steinwurf entfernt miterlebt hatte, am Omaha Beach entlang und sammelte Muschelschalen am Ufer.

Miesmuscheln und Austern – einst ein unrationiertes Nahrungsmittel im vom Krieg gezeichneten Europas – sind heute begehrte Delikatessen, die vor gewaltigen Umweltproblemen stehen.

Ein Korb frischer Meeresfrüchte für Europas Esstische birgt heute ein potenzielles Risiko: Die Gewässer, in denen sie wachsen, sind mit winzigen Partikeln belastet – Nanoplastik, wie Wissenschaftler sie nennen.

Vom Meer auf den Teller

Hundert Delegierte trafen sich vergangene Woche in Genf, um die Plastikproduktion zu reduzieren – oder zumindest zu verlangsamen –, die sich bis 2060 verdreifachen dürfte. Doch die Gespräche scheiterten, da sich die Staaten nicht auf konkrete Maßnahmen einigen konnten.

Während die Diplomaten der Vereinten Nationen um Formulierungen stritten, hätten die Muscheln wohl gern selbst ihre Stimme erhoben: Eine 2025 im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie stellte fest, dass der Nordatlantik mit Plastikpartikeln gesättigt ist – rund 27 Millionen Tonnen zirkulieren in der oberen Wasserschicht.

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Nanoplastik den Hauptanteil der Meeresverschmutzung ausmacht – möglicherweise noch größer als bisherige Schätzungen für Mikroplastik.

Frühere Studien gingen davon aus, dass sich zwischen 11 und 21 Millionen Tonnen Mikroplastik in den oberen Schichten des Atlantiks befinden, während etwa eine Million Tonnen auf der globalen Ozeanoberfläche treiben.

Nanoplastik, kleiner als ein Mikrometer (im Vergleich zu 1 Mikrometer bis 5 Millimeter bei Mikroplastik), scheint jedoch deutlich weiter verbreitet zu sein. Die höchsten Konzentrationen wurden entlang des Kontinentalschelfs gemessen – dort, wo ein Großteil der Muschelzucht der EU stattfindet.

Muschelkraft

Muscheln sind das stille Kraftzentrum der europäischen Aquakultur. Sie benötigen kein Futter, keine Antibiotika, reinigen beim Wachsen das Meerwasser und liefern klimafreundliches Eiweiß – „das einfache Nahrungsmittel gegen den Klimawandel“, wie die BBC sie einst nannte.

Für politische Entscheidungsträger der EU verkörpern Muscheln das Potenzial sogenannter „Blue Foods“, nachhaltiger Proteinquellen aus dem Meer.

Doch ausgerechnet ihre Biologie macht sie besonders anfällig: Jede Muschel filtert täglich Dutzende Liter Wasser und nimmt dabei alles auf, was der Ozean mit sich führt – auch Nanoplastik. Die winzigen Partikel können biologische Membranen leichter durchdringen als Mikroplastik.

Und anders als bei Fischfilets, die vor dem Verzehr ausgenommen werden, essen wir Muscheln im Ganzen. Was sie aufnehmen, schlucken wir mit.

Hinzu kommt: Laborexperimente zeigen, dass sich die elektrische Ladung von Nanoplastik verändert, wenn die Meere mehr CO₂ aufnehmen und versauern. Die Partikel haften dadurch stärker an Zellen und verursachen größeren oxidativen Stress.

Wie ein Wissenschaftsbericht der EU-Kommission 2023 warnte, entstehen durch die Kombination aus Ozeanversauerung und Plastik „potenziell synergistische Effekte“, die Toxizität und ökologische Schäden verstärken.

Der „Cocktail-Effekt“

Plastik ist jedoch nicht das einzige Problem für Meeresmuscheln.

„Schädliche Algenblüten“, dazu „fehlender Nachwuchs, schlechtes Wetter, Fressfeinde, Krankheiten und Parasiten“ hätten ebenfalls zum jüngsten Rückgang der Muschelproduktion beigetragen – sowohl in Menge als auch Qualität, wie eine 2021 von der EU-Kommission beauftragte Studie feststellte.

Ein historisches Beispiel liefert Schweden: Dort brach in den 1980er-Jahren eine vielversprechende Muschelindustrie zusammen, nachdem giftige Algenblüten zu muschelbedingten Durchfallerkrankungen führten und Investoren das Vertrauen entzogen.

Muscheln sind einem „Cocktail-Effekt“ mehrerer Stressfaktoren ausgesetzt, erklärt der Europäische Muschelproduzentenverband (EMPA) und verweist zudem auf steigende Wassertemperaturen. Die Plastikverschmutzungen stammen jedoch nicht aus der Aquakultur.

Deshalb setzen Muschelzüchter zunehmend auf Offshore-Anlagen, „um die Belastung durch landnahe Verschmutzungen zu reduzieren“, so EMPA gegenüber Euractiv. Dies minimiere auch Klimaeffekte wie die Ozeanversauerung.

Eine wachsende Bedrohung

Mit mehr als einem Drittel der europäischen Aquakultur steht die Muschelbranche im Zentrum einer Krise, die die gesamte Industrie erfasst.

An vorderster Front: Galicien in Spanien, Europas Hauptproduzent von Muscheln und weltweit die Nummer zwei nach China. Anfang dieses Jahres berichtete The Guardian über einen „katastrophalen“ Einbruch der Muschelbestände: In wenigen Jahren sind sie in der spanischen Region um bis zu 90 Prozent geschrumpft.

Zwischen den politischen Stühlen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) forderte die Muschelbranche bereits im November 2024 eine eigenständige Aquakultur-Strategie von der EU, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen.

Fischereikommissar Costas Kadis hat inzwischen zugesagt, Aquakultur zur legislativen Priorität zu machen.

Doch die neue Haushaltsplanung der Kommission, die vorsieht, den Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF) mit Kohäsions- und Landwirtschaftsgeldern in einem einzigen Topf zusammenzufassen, über den die Mitgliedsstaaten entscheiden sollen, weckt Befürchtungen: Eine verlässliche EU-Förderung der Aquakultur könnte dadurch in weite Ferne rücken.

(ow, cs, jl)