Klipp: "Innovationen entstehen vor Ort"
Europas Regionen wetteifern derzeit um die Energieversorgung der Zukunft. Klaus Klipp, Generalsekretär der Versammlung der Regionen Europas (VRE), warnt davor, das Engagement mit zentralistischen Planungen aus Brüssel zu bremsen. München hat vorgemacht, wie man sich als Standort für die Energieforschung etabliert.
Europas Regionen wetteifern derzeit um die Energieversorgung der Zukunft. Klaus Klipp, Generalsekretär der Versammlung der Regionen Europas (VRE), warnt davor, das Engagement mit zentralistischen Planungen aus Brüssel zu bremsen. München hat vorgemacht, wie man sich als Standort für die Energieforschung etabliert.
ZUR PERSON
Klaus Klipp ist Generalsekretär der Versammlung der Regionen Europas (VRE). Die VRE ist ein unabhängiges Netzwerk von 270 Regionen aus 33 Ländern und 16 interregionalen Organisationen. Ziel ist die Förderung des Subsidiaritätsprinzips, der regionalen Demokratie und der Zusammenarbeit der Regionen Europas.
EURACTIV.de: Die VRE beschäftigt sich verstärkt mit der Energiepolitik, woher kommt das Interesse?
KLIPP: Fast alle Mitglieder haben in einer Umfrage Energie als eines der Top-Themen der kommenden Jahre genannt. Die Gründe liegen auf der Hand. Energie ist nicht nur eine Frage europäischer und nationaler Politik. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt, dass 50 bis 70 Prozent der notwendigen Anpassungs- und Verbesserungsmaßnahmen im Zuge des Klimaschutzes von den Kommunen und Regionen kommen müssen. Sie realisieren die globalen Ziele der Energiepolitik.
Zweidrittel unserer Mitglieder haben bereits einen Energieaktionsplan verabschiedet und handeln danach. Es geht etwa um die Ausbildung von Handwerkern, die neue, klimafreundliche Technologien anwenden. Es geht um mehr Energieeffizienz in allen Bereichen und darum, entsprechende Verhaltensänderungen zu bewirken. Wir sehen eine endlose Fülle von regionalen Projekten, eine große Vielfalt der Ideen, die im europäischen Kontext aufgrund der unterschiedlichen Kulturen zustande kommt.
Die dänische Insel Bornholm schafft es zum Beispiel, aus sieben verschiedenen erneuerbaren Energiequellen 75 Prozent der Versorgung zu sichern, das heißt sie ist im Energiebereich fast autonom. Die spanische Region Valencia investiert zurzeit eine Milliarde Euro in Windfarmen. Südtirol zeichnet energieeffiziente Gebäude als "Klimahaus" aus, und hat damit lokal einen regelrechten Wettbewerb ausgelöst – nach dem Motto ‚Wer stößt am wenigsten CO2 aus?‘. Die Region Oberösterreich will bis 2030 mit Ausnahme des Verkehrs CO2-frei sein, und arbeitet hart daran. Solche Beispiele für regionale Energieprojekte gibt es überall in Europa.
Regionen tauschen Energie-Know-How aus
EURACTIV.de: Wetteifern die Regionen untereinander, wenn es um innovative Lösungen geht?
KLIPP: Zwischen den Regionen besteht natürlich große Solidarität. Sie sind immer gerne bereit, sich gegenseitig zu helfen. Aber natürlich wollen alle gerne ‚vorne dran‘ sein. Wenn Politiker bei unseren Treffen sehen, dass es in anderen Regionen besser läuft, fragen sie ihre Beamten zuhause: ‚warum geht das bei uns nicht?‘. So entsteht ein gewisser Ehrgeiz.
Grundsätzlich ist unser Prinzip, dass die Regionen voneinander lernen. Es geht in unseren Meetings einmal nicht um Parteipolitik. Da sitzen Menschen an einem Tisch, die über ein Thema sehr viel nachgedacht haben, und mit zum Teil vollkommen anderen Auffassungen aus anderen Regionen konfrontiert werden. Dann redet man völlig offen miteinander, und hört zu, was die eigenen Überlegungen bereichert. Es kommen plötzlich neue Gedanken, Daten und Fakten auf den Tisch, die nicht alle so sehen konnten.
EURACTIV.de: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit im Energiebereich?
KLIPP: Wir organisieren zahlreiche sogenannte "Peer Reviews". Da kommen Experten aus vier oder fünf Regionen zusammen, schauen sich eine Situation vor Ort an, geben Empfehlungen und tauschen Know-How aus. Jüngst wollte zum Beispiel die Republik Srebska, ein Teil von Bosnien-Herzegowina, wissen, wie sie ihre Potenziale an Wasserkraft und Biomasse nutzen kann. Vergangene Woche haben sich Vertreter der VRE das Europäische Forschungs- und Entwicklungszentrum von General Electric (GE) in Garching bei München angeschaut. Neben den Energietechnologien, die hier entwickelt werden, war für uns die Frage interessant, wie ein privates Forschungszentrum in Bayern arbeitet, und warum es sich gerade hier angesiedelt hat.
EURACTIV.de: Was funktioniert in Garching besonders gut?
KLIPP: Die Bayern verstehen es, Forschern und Unternehmen gegenüber sehr offen und zuvorkommend zu sein. Laut Carlos Härtel, dem Leiter des GE Global Research Center Europe, stößt man in der bayerischen Verwaltung mit Anliegen und Problemen auf offene Ohren und offene Türen. Man kümmere sich möglichst unbürokratisch. Hinzu kommt eine weitgehende Kooperation mit der TU München, mit der GE gemeinsam Einrichtungen und Anlagen betreibt. Außerdem zeichnet sich laut GE der Hochtechnologie-Standort München durch seine Attraktivität für Mitarbeiter aus aller Welt und seine Verlässlichkeit aus. Langfristige Abmachungen werden eingehalten. Von Seiten der Behörden heißt es nicht ‚heute hü, morgen hott‘.
"Lissabon-Strategie hat die Menschen nie erreicht"
EURACTIV.de: Auf EU-Ebene soll die Europa 2020-Strategie in den kommenden 10 Jahren Innovationen fördern. Wie bewerten Sie die bisherigen Vorschläge der Kommission?
KLIPP: Was bisher auf dem Tisch liegt, hat mich sehr überrascht. Der Vorschlag klingt sehr nach der Lissabon-Strategie von 2000, die später revidiert werden musste, als man entdeckte, dass Innovationen ohne Einbeziehung der Regionen nicht zu fördern sind. Innovationen entstehen vor Ort, vor allem in den Unternehmen. Ich halte es für problematisch, wenn man in diesem Bereich auf zentrale Programme setzt. Ich erreiche Innovationen nicht, indem ich in Brüssel Erlasse schreibe. Die Lissabonstrategie wurde verfehlt. Bis zur ihrer Habzeitbewertung im Jahr 2005 war die Strategie wenig bekannt, außer vielleicht bei Experten und Journalisten in Brüssel. Auch nach 2005 hat sie die Menschen nie erreicht.
EURACTIV.de: Gerade im Energiebereich wird vielerorts eine verstärkte Integration auf EU-Ebene gefordert…
KLIPP: Teilweise kann man Fragen der Energieversorgung, der Energieeffizienz und der Energieforschung zentral koordinieren, aber am Ende kommt es immer darauf an, dass die Menschen vor Ort motiviert sind, die eigene Initiative zu ergreifen. Wenn ihnen andere sagen, was sie tun sollen, kommt keine Innovation zu Stande.
Um es polemisch zu sagen: Wir hatten bis vor 20 Jahren einen Teil der Erde, in dem die Planwirtschaft versucht wurde. Da hat man immer große Pläne gemacht, die am Ende weit verfehlt wurden. Man muss darauf achten, denselben Fehler nicht in der EU zumachen. Momentan engagieren sich die Regionen stark. Wenn man jetzt in einen zentralisierten, europäischen Planungsprozess eintritt, hält man die Innovationen in den Regionen nur auf. Dann stoppen alle ihre Projekte und warten erst mal auf das Geld aus Brüssel.
EURACTIV.de: Wenn es um eine Umstellung auf eine klimafreundliche Energieversorgung geht, werden großflächige Ansätze diskutiert, zum Beispiel ein europäisches Gesamtsystem, das Wasserkraft aus Skandinavien genauso einbezieht wie Solarenergie aus Nordafrika. Andere sehen die Zukunft in der dezentralen Versorgung mit vielen Produzenten vor Ort. Welches Modell erwarten Sie?
KLIPP: Die Zukunft der Energieversorgung wird sehr vielfältig sein. Es ist keine Lösung mehr, einfach irgendwo ein Atomkraftwerk hinzustellen. In den Niederlanden treten etwa heute schon Bauern als Energieproduzenten auf, mit eigenen Windkraftanlagen auf ihren Feldern. Eine völlige lokale Autarkie im Energiebereich ist sicherlich nicht realistisch. Aber die dezentrale Energieversorgung ist aus Sicht der Regionen auch deshalb wichtig, weil sie Investitionen bedeutet und vor Ort Arbeitsplätze schafft. Zudem macht es oft Sinn, Ressourcen einer Region auch regional zu nutzen, etwa wenn es Biomasse geht.
Interview: Alexander Wragge
Links
VRE: Internetseite
VRE: GE Forschungs und Entwicklungszentrum öffnet den Europäischen Regionen seine Türen. Pressemitteilung (8. April 2010)
KlimaHaus Agentur Südtirol: Internetseite