Korruptionswahrnehmung im Westbalkan steigt
Das Problem der Korruption liegt schwer auf den Gemütern der Menschen im Westbalkan. Die Auffassung in der Region ist, dass sie sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Sektor zunimmt. Dies ergibt eine kürzlich vorgestellte Umfrage von Gallup Europe.
Das Problem der Korruption liegt schwer auf den Gemütern der Menschen im Westbalkan. Die Auffassung in der Region ist, dass sie sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Sektor zunimmt. Dies ergibt eine kürzlich vorgestellte Umfrage von Gallup Europe.
Die Umfrage (Gallup Balkan Monitor survey) wurde im letzten September in Zusammenarbeit mit dem "European Fund for the Balkans" durchgeführt. Ihr zufolge sehen mehr als zwei Drittel der Befragten im Balkan Korruption als "weit verbreitet" und "tiefgreifend" an – sowohl in der Regierung, als auch in der Wirtschaft.
Die Perzeption von Korruption in der Wirtschaft ist in Kroatien am höchsten (92 Prozent). Darauf folgen Serbien mit 91 Prozent und Bosnien und Herzegowina mit 90 Prozent. Mit Ausnahme von Albanien und Mazedonien ist dieser Wert seit 2006 in allen Ländern gestiegen.
Die Wahrnehmung von Korruption in der Regierung ist in Kosovo (84 Prozent) und Bosnien und Herzegowina (81 Prozent) am höchsten. Montenegro stellt mit einem viel niedrigeren Level (49 Prozent) eine bemerkenswerte Ausnahme dar.
Mehr als ein Viertel aller Befragten in Bosnien und Herzegowina und des Kosovo gaben an, dass ihr tagtägliches Leben von organisiertem Verbrechen betroffen ist. Mehr als die Hälfte der Albaner erklärte, dass sie im letzten Jahr Geschenke oder Bestechungen anbieten mussten, um Probleme zu lösen. Dies mussten lediglich 8 Prozent der befragten Kroaten tun.
Vertrauen in Regierung und Justizsystem essenziell
Robert Manchin, geschäftsführender Direktor von Gallup Europe, betonte, dass das Niveau an Vertrauen, das die Menschen in ihre Regierungen und Justizsysteme hätten, "essenziell" für die Einschätzung ihres Wohlbefindens sei. Er hob weiter hervor, dass diejenigen, die ihren Politikern vertrauten, sich weniger von der Wirtschaftskrise betroffen fühlten – unabhängig von ihrer tatsächlichen materiellen Situation.
Dušan Relji?, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin – Forschungsgruppe EU-Außenbeziehungen, wies auf die "gesetzlose" Phase im Balkan in den Jahren zwischen 1991 und 2001 hin. Gewalt und Kriminalität wären in dieser Zeit vorherrschend gewesen und hätten einen neuen Sektor geschaffen: eine "verbotene Wirtschaft".
Diese Phase fiel mit dem Wirschaftsembargo der internationalen Gemeinschaft gegen das ehemalige Jugoslawien zusammen. Viele betrachten dieses aus heutiger Sicht als extrem kontraproduktiv. Die EU überwachte und koordinierte die Bemühungen zur Durchsetzung des Embargos.
Verliert die EU an Glaubwürdigkeit?
Relji? glaubt, dass die Westbalkanstaaten eine "riesige Chance" hätten, ihre Gesellschaften zu "reinigen". Ein wichtiger Faktor hierbei sei die EU und ihre Beitrittsbedingungen. Er warnt jedoch davor, dass einige Länder es mit der Integration der Region nicht besonder eilig hätten. Zudem müsse das Versprechen der EU-Mitgliedschaft glaubwürdiger gemacht werden.
"Wenn die Länder und politischen Eliten des Westbalkan sehen, merken und fühlen, dass die Glaubwürdigkeit des Versprechens schwächer wird, wird sich auch ihre Bereitschaft, den Kriterien zu genügen, verschlechtern."
Relji? betonte darüber hinaus, dass das Kosovo aufgrund seiner hohen Geburtenrate und dem Mangel an Arbeit und Beschäftigungsprogrammen für den großen Anteil der jungen Bevölkerung ein echtes Problemgebiet sei. "Das bestmögliche Mittel der EU, um das Niveau der Korruption und Kriminalität im Kosovo zu senken, ist die Zulassung von Arbeitsmigration."
EURACTIV.com / dto
Links / Dokumente
Gallup Balkan Monitor: 2009 Summary of Findings
EURACTIV.de: Interview mit Dušan Relji? – Die zwei Realitäten des Kosovo (31. Mai 2010)