Lange Dürreperioden: Klimawandel dämpft Erntebilanz 2022

Aufgrund anhaltender Trockenperioden in vielen Regionen fällt die Getreideernte in Deutschland dieses Jahr laut der Erntebilanz des Bauernverbands unterdurchschnittlich aus. Die Folgen des Klimawandels werden damit auf den Höfen weiter deutlich spürbar.

EURACTIV.com
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“Die in vielen Regionen des Landes lang anhaltende Trockenheit zeigt erneut, dass die Landwirte die Auswirkungen des Klimawandels sehr direkt zu spüren bekommen”, erklärte Verbandspräsident Joachim Rukwied während der Präsentation der Bilanz. [SHUTTERSTOCK]

Aufgrund anhaltender Trockenperioden in vielen Regionen fällt die Getreideernte in Deutschland dieses Jahr laut der Erntebilanz des Bauernverbands unterdurchschnittlich aus. Die Folgen des Klimawandels werden damit auf den Höfen weiter deutlich spürbar.

Mit zirka 43 Millionen Tonnen liegt die Getreideernte in Deutschland dieses Jahr zwar knapp zwei Prozent höher als im vergangenen Jahr, bleibt jedoch deutlich hinter dem Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2021 (ausgenommen das extreme Trockenjahr 2018) zurück – trotz aller Bemühungen Deutschlands und der EU, angesichts des Ukrainekriegs die heimische Produktion anzukurbeln.

Das geht aus der am Dienstag (23. August) vorgestellten Erntebilanz des Deutschen Bauernverbands hervor.

Die Erträge und die Qualität der Ernte fallen laut dem Verband jedoch regional sehr unterschiedlich aus – je nach Niederschlagsmenge, denn der ab März in vielen Regionen ausbleibende Regen war aus Sicht des Verbands entscheidend für die verzeichneten Ernteeinbußen

“Die in vielen Regionen des Landes lang anhaltende Trockenheit zeigt erneut, dass die Landwirte die Auswirkungen des Klimawandels sehr direkt zu spüren bekommen”, erklärte Verbandspräsident Joachim Rukwied während der Präsentation der Bilanz.

Besonders betroffen von der Dürre sind laut dem Verband auch die Tierhalter, die wegen der mauen Ausbeute bei Futterpflanzen wie Mais teils bereits jetzt die Futtervorräte für den Winter anbrechen müssten.

Auch europaweit haben die heißen und trockenen Wetterbedingungen dazu beigetragen, dass die Sommerernte deutlich hinter früheren Prognosen zurückbleiben dürfte, wie aus der am Montag veröffentlichten Augustausgabe des Ernte-Monitorings der Europäischen Kommission hervorgeht.

Dabei gehört laut dem Bericht unter anderem Mitteldeutschland zu den besonders schwer betroffenen Regionen in Europa.

Kaum Regen im einen Jahr, zu viel im nächsten

Auch in Zukunft müssen sich die Betriebe aus Sicht von Rukwied weiter auf die Auswirkungen des Klimawandels einstellen.

So gehen Klimaforscher:innen davon aus, dass wegen der Abschwächung des für die Witterung in Mitteleuropa wichtigen Jetstream künftig sowohl Tief- als auch Hochdruckgebiete im Sommer länger stabil bleiben werden, statt sich von Zeit zu Zeit abzuwechseln.

Die Folge: In Jahren mit anhaltendem Hochdruck kommt es zu andauernder Trockenheit und Hitze, in Tiefdruckjahren zu starken Regenfällen über längere Zeit, wie den heftigen Überflutungen in Teilen Deutschlands und angrenzender Länder 2021.

Landwirt:innen stünden angesichts dessen vor der Herausforderung, sich im Vorhinein bei der Anbauplanung entweder auf Hitze und Trockenheit oder auf feuchtes, kühles Wetter einstellen zu müssen, so Rukwied – ohne zu wissen, welches Szenario im entsprechenden Jahr tatsächlich eintritt.

Um sich auf die veränderten klimatischen Bedingungen einzustellen, versuchen viele Landwirt:innen beispielsweise, verstärkt wassersparende und bodenschonende Verfahren einzusetzen, erklärte er, beispielsweise Mulchsaatverfahren, bei dem der Pflanzenmulch – also die Reste der vorher angebauten Pflanze – auf dem Ackerboden gelassen werden.

Auch neue, resilientere Pflanzensorten seien entscheidend, um den veränderten Wetterbedingungen standzuhalten, so der Bauernpräsident.

EU-Umweltvorgaben umsetzen oder lockern?

Für Rukwied ergibt sich aus den in diesem Jahr erlebten Ernteeinbußen aber vor allem eine Konsequenz.

Zusätzliche Einschränkungen der landwirtschaftlichen Produktion durch strengere Vorgaben vonseiten der EU – durch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) oder die von der Kommission vorgeschlagenen verbindlichen Reduktionsziele für Pestizide – dürfe es vor diesem Hintergrund nicht geben.

Die Erträge der letzten Jahre machten deutlich, dass “es keinen Spielraum für weitere flächendeckende Einschränkungen bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln geben darf”, so Rukwied, der die Pläne der Kommission zur Pestizidreduktion als “unverantwortlich” bezeichnete.

Aufseiten von Umwelt- und Klimaschützer:innen sieht man die Angelegenheit derweil völlig anders – aus ihrer Sicht zieht der Bauernverband die falschen Schlüsse darüber, wie die Ernährungssicherheit dauerhaft gewährleistet werden kann.

Die durchwachsene Erntebilanz infolge der extremen Dürre “sollte auch die letzten Bremser überzeugen, endlich wirksamen Klima- und Umweltschutz als integralen Bestandteil in der Landwirtschaft zu verankern”, erklärte Johann Rathke, Koordinator für Agrarpolitik des WWF.

Mit aktuellen Lockerungen bei GAP-Umweltstandards geschehe derzeit genau das Gegenteil, so Rathke. Das sei “genau der falsche Weg.”

Ende Juli hatte die EU-Kommission den Mitgliedstaaten die Option gegeben, bestimmte Umweltvorgaben innerhalb der neuen GAP zu lockern, um angesichts des Ukrainekriegs die heimische Produktion zu steigern.

Vor wenigen Wochen hatten sich dann Bund und Länder darauf geeinigt, dies großenteils auszunutzen. Demnach müssen Landwirt:innen nicht wie eigentlich vorgesehen ab 2023 vier Prozent der Ackerfläche brachliegen lassen, um die vollen EU-Fördergelder zu erhalten.