Leitmärkte: Autoindustrie verpasst von der Leyens Plänen einen Dämpfer

Automobilverbände halten die Einführung von Mindestquoten für grünen Stahl für ungeeignet, um die Dekarbonisierung der Stahlproduktion voranzutreiben. Umweltschützer hingegen sehen die Automobilbranche in einer „einzigartigen Position“, um als Leitmarkt für grünen Stahl zu dienen.

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Nach Angaben des europäischen Stahlherstellerverbands Eurofer ist die Automobilindustrie mit einem Anteil von 18 Prozent an der Gesamtnachfrage in der EU der zweitgrößte Stahlverbraucher nach dem Baugewerbe. [Jenson/shutterstock]

Automobilverbände halten die Einführung von Mindestquoten für grünen Stahl für ungeeignet, um die Dekarbonisierung der Stahlproduktion voranzutreiben. Umweltschützer hingegen sehen die Automobilbranche in einer „einzigartigen Position“, um als Leitmarkt für grünen Stahl zu dienen.

Die europäischen Automobilhersteller haben sich gegen eine EU-rechtliche Verpflichtung zur Verwendung eines Mindestanteils von grünem Stahl ausgesprochen, wie dies kürzlich von Stahlherstellern, Umweltgruppen und deutschen Politikern vorgeschlagen wurde.

„Ein gelenkter Handel für grünen Stahl sollte vermieden werden, und seine Verwendung sollte vom Markt bestimmt werden“, sagte ein Sprecher des europäischen Automobilherstellerverbands ACEA gegenüber Euractiv.

Die Idee gewann nach der Rede von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor dem Europäischen Parlament im Juli an Dynamik. In ihrer Rede erwähnte sie Pläne zur Schaffung von „Leitmärkten“ für saubere Materialien als Teil eines „Clean Industrial Deal“, den sie innerhalb der ersten 100 Tage ihrer neuen Kommission vorstellen will.

Nach Ansicht der deutschen Automobilindustrie liegt das Problem jedoch nicht in der mangelnden Nachfrage nach grünem Stahl.

„Der Umstieg auf grünen Stahl ist ein langfristiges Projekt, das durch Unterstützung bei den Investitionskosten gefördert werden sollte“, sagte eine Sprecherin des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) gegenüber Euractiv.

„Es mangelt nicht an der Nachfrage, ganz im Gegenteil“, führte sie aus. „Daher lösen auch Quotierungen das Problem nicht, denn sie adressieren die Nachfrage- und nicht die Angebotsseite“.

Während die Investitionskosten für umweltfreundliche Stahlproduktion bereits vor allem durch nationale Subventionen unterstützt werden, decken die Dekarbonisierungspläne der europäischen Stahlhersteller laut einer Analyse der Gewerkschaft IndustriAll derzeit nur die Hälfte der Primärstahlerzeugung in der EU ab.

Hochöfen, die dem EU-Emissionshandelssystem (ETS) unterliegen, können derzeit 97,5 Megatonnen Stahl pro Jahr produzieren, aber ihre Dekarbonisierungsstrategie würde nur 54 Megatonnen abdecken, so die Analyse.

Vor allem in Mittel- und Osteuropa seien Pläne, die Stahlproduktion von Kohle auf grünen Stahl umzustellen, bisher nur „Theorie“, sagte IndustriAll-Generalsekretärin Judith Kirton-Darling Euractiv am Dienstag (5. September).

Die Autoindustrie als Leitmarkt

„Der Automobilsektor ist in einer einzigartigen Position, um ein Leitmarkt für saubere Materialien zu sein, von denen Stahl den Anfang machen sollte“, sagte Alex Keynes, Cars Policy Manager bei der NGO Transport & Environment (T&E), gegenüber Euractiv.

Nach Angaben des europäischen Stahlherstellerverbandes Eurofer ist die Automobilindustrie mit einem Anteil von 18 Prozent an der Gesamtnachfrage in der EU der zweitgrößte Stahlverbraucher nach dem Bausektor.

„Der Automobilsektor verwendet mehr hochwertige Flacherzeugnisse […], die traditionell am stärksten von der kohlebasierten Stahlproduktion dominiert werden“, sagte Keynes.

„Es gibt also eine echte Chance für den Automobilsektor und insbesondere für Premium-Automarken, zumindest in der Anfangsphase, die zusätzliche Umweltprämie wirklich zu absorbieren“, sagte Keynes mit Blick auf die zusätzlichen Kosten, die mit einer umweltfreundlichen Stahlproduktion verbunden sind.

Die Idee, die Autohersteller zu zwingen, einen Anteil grünen Stahls zu kaufen, wird von der Delegation aus CDU/CSU innerhalb der konservativen EVP-Fraktion im Europäischen Parlament unterstützt.

„Auch im Privatsektor kann schon durch eine geringe Quote ein internationaler Absatzmarkt geschaffen und gleichzeitig der CO2-Fußabdruck von Endprodukten verringert werden“, schrieb die CDU/CSU-Delegation in einem Positionspapier.

„Solche grünen Leitmärkte würden z.B. im Bereich Stahl den Fußabdruck von PKWs oder Windrädern senken und gleichzeitig unseren fortschrittlichen Produktionsmethoden einen Wettbewerbsvorteil geben“, hieß es weiter.

Das Erreichen einer Quote von 40 Prozent Ökostahl bis 2030 würde den Preis eines Elektroautos nach einer Berechnung von T&E nur um 57 Euro erhöhen, was im Vergleich zu den Kosten eines Neuwagens „vernachlässigbar“ wäre.

Die VDA-Sprecherin argumentierte jedoch: „Eine seriöse Abschätzung über die Kosten infolge einer solchen Quotierung ist allein deswegen kaum möglich, da die Preisbildung von verschiedensten Einflussfaktoren abhängt.“

Eurofer schätzt unterdessen die zusätzlichen Produktionskosten auf 300 Euro pro Tonne grünen Stahls (ein durchschnittliches Auto benötigt etwa eine Tonne Stahl).

„Wenn Sie Ledersitze im Auto haben wollen, kostet das 2.000 Euro extra“, sagte Eurofer-Generaldirektor Axel Eggert kürzlich in einem Interview mit Euractiv. „Wenn Sie grünen Stahl haben wollen, kostet das 300 Euro extra“, fügte er hinzu.

Die zusätzlichen Kosten werden auch davon abhängen, was unter „grüner Stahl“ zu verstehen ist, auf dessen EU-weite Definition man sich noch einigen muss.

[Bearbeitet von Anna Brunetti/Alice Taylor’Brace/Daniel Eck]