NATO: Gemeinsamer Standard bei Artilleriegranaten wird angestrebt

Geschäftsleiter führender Waffenhersteller treffen diese Woche mit den NATO-Verteidigungsministern zusammen, um über die Erhöhung der Produktion und die Standardisierung von Artilleriegranaten zu beraten. Durch den Krieg in der Ukraine sind die Vorräte aufgebraucht.

EURACTIV.com with Reuters
Rheinmetall production in Unterluess
Die NATO führt bereits seit letztem Jahr Gespräche mit Vertretern der Industrie über die Intensivierung der Produktion von Rüstungsgütern. Es ist jedoch das erste Mal, dass das Bündnis ein solches Treffen auf hoher Ebene abhält. [EPA-EFE/HANNIBAL HANSCHKE]

Geschäftsleiter führender Waffenhersteller treffen diese Woche mit den NATO-Verteidigungsministern zusammen, um über die Erhöhung der Produktion und die Standardisierung von Artilleriegranaten zu beraten. Durch den Krieg in der Ukraine sind die Vorräte aufgebraucht.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte im Februar, Kyjiw verbrauche die Granaten viel schneller, als die westlichen Länder sie produzieren können. Der Beginn der ukrainischen Gegenoffensive wird mit Sicherheit zu einem noch größeren Einsatz führen.

Doch das Fehlen gemeinsamer Standards zwischen den verschiedenen Herstellern hat den Nachschub an Munition erschwert.

„Es geht darum, den NATO-Standardisierungsprozess zu beschleunigen, um reibungslosere Lieferungen zu ermöglichen. Das wird dazu beitragen, Verzögerungen und Engpässe in Zukunft zu vermeiden“, sagte ein NATO-Vertreter, der anonym bleiben wollte, gegenüber Reuters im Vorfeld des Treffens am Donnerstag und Freitag (15./16. Juni) in Brüssel.

Zu den Eingeladenen gehören BAE Systems, der türkische Drohnenhersteller Baykar, General Dynamics, die KNDS-Holding, die den Leopard-2-Hersteller KMW vertritt, das französische Unternehmen Nexter, sowie Kongsberg, Leonardo, Lockheed, MBDA, Mesko, Nammo und Northrop Grumman, so eine Quelle aus dem Verteidigungsbereich.

Die NATO führt bereits seit letztem Jahr Gespräche mit Vertretern der Industrie über die Intensivierung der Produktion von Rüstungsgütern. Es ist jedoch das erste Mal, dass das Bündnis ein solches Treffen auf hoher Ebene abhält. Das Zusammenkommen findet am Rande eines regulären Treffens der NATO-Verteidigungsminister statt.

Im Mittelpunkt der Gespräche am Donnerstag steht die Frage, wie die Versorgung mit Artilleriegranaten, Luftabwehrsystemen und präzisionsgelenkter Munition, also Raketen mit einer Reichweite von Hunderten von Kilometern wie die britische Storm Shadow, verbessert werden kann.

Die Nachfrage nach Artilleriegranaten der Kaliber 155 mm ist nach dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 sprunghaft angestiegen. Die Vorräte der Verbündeten für ihre eigene Verteidigung sind jedoch erschöpft, da sie die eigenen Granaten eilig in die Ukraine gebracht haben, die dort täglich zu Tausenden verschossen werden.

NATO-Standards werden zwar für Kleinwaffenmunition wie Sturmgewehre durchgesetzt, so dass verbündete Truppen die Munition gegenseitig nutzen können, aber bei Artilleriegranaten ist das nicht so einfach.

Zwar haben sich einige große NATO-Länder auf bestimmte Standards für die von Haubitzen verwendeten 155-mm-Granaten geeinigt, doch sind oft zusätzliche Berechnungen erforderlich. Besonders dann, wenn es darum geht, ein Ziel mit der erforderlichen Präzision zu treffen, sagen Experten.

Der NATO-Vertreter erklärte, dass die Unternehmen selbst ein Interesse an der Herstellung von Munition haben, die von mehreren Ländern abgefeuert werden kann. Angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine werden Aufträge in Milliardenhöhe erwartet.

Eine Quelle aus der Verteidigungsindustrie begrüßte den Einsatz der NATO für mehr Standardisierung und bezeichnete ihn als „längst überfällig.“

„Wenn sich die nationalen Regierungen dazu überwinden könnten, ihre nationalen Standards über Bord zu werfen und sich auf gemeinsame NATO-Standards zu einigen – insbesondere im Hinblick auf die Munition – wäre dies ein enormer Fortschritt“, so die Quelle aus der Verteidigungsindustrie.

Eine Standardisierung wäre auch für 120-mm-Panzermunition sinnvoll.

„Das wäre ein echter Wendepunkt. Man könnte überall auf der Welt nach 120-mm-Granaten suchen – denn die, die für den [deutschen] Leopard [Panzer] geeignet sind, funktionieren auch für den [amerikanischen] Abrams.“

Dennoch könnte die NATO auf den Widerstand der Munitionshersteller stoßen, da ein solcher Schritt den Wettbewerb erhöhen und die Preise senken könnte.

„Hinter der gesamten Munitionsfrage stehen knallharte Geschäftsinteressen“, sagte die Quelle aus der Industrie. „Die Unternehmen machen Geld damit, dass Munition nicht austauschbar ist und sie ihre nationalen Märkte mit ihrer Munition dominieren können.“

Der Impuls für eine stärkere Standardisierung kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt, an dem die Verteidigungsunternehmen bereits viel größere Aufträge am Horizont sehen. Denn die NATO wird auf ihrem Gipfeltreffen in Vilnius im Juli die Ziele für die Munitionsvorräte der Verbündeten anheben.

Der mehr als einjährige Konflikt in der Ukraine hat die nationalen Bestände stark reduziert. Zuvor hatten viele NATO-Staaten ihre Bestände abgebaut, da die Regierungen der Ansicht waren, dass Abnutzungskriege mit großen Artilleriekämpfen der Vergangenheit angehörten.

„Es wird sechs bis zehn Jahre dauern, bis alle europäischen Munitionsdepots wieder aufgefüllt sind“, sagte Rheinmetall-Chef Armin Papperger in einem Interview mit dem RND.

Rheinmetall ist einer der größten Hersteller von Artilleriemunition. Die Produktionskapazität soll von 450.000 auf 600.000 Stück 155-mm-Granaten pro Jahr erhöht werden.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]