Ökonomen warnen vor Unsicherheit in der Euro-Zone

Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass sich viele Länder der Euro-Zone jahrelang wirtschaftlich nicht erholen werden. Die Einschätzung wird von weiteren Experten geteilt, die Reformen auf europäischer und nationaler Ebene fordern.

Michael Heise, Chefökonom der Allianz, sagt: „Der Fiskal-Vertrag ist nicht das historische Ereignis, als das es viele politische Entscheidungsträger beschrieben haben.“ Foto: dpa
Michael Heise, Chefökonom der Allianz, sagt: "Der Fiskal-Vertrag ist nicht das historische Ereignis, als das es viele politische Entscheidungsträger beschrieben haben." Foto: dpa

Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass sich viele Länder der Euro-Zone jahrelang wirtschaftlich nicht erholen werden. Die Einschätzung wird von weiteren Experten geteilt, die Reformen auf europäischer und nationaler Ebene fordern.

"Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts wird in einigen Ländern für viele, viele Jahre nicht wieder wettgemacht werden", sagte Jürgen Kröger, Abteilungsleiter in der Generaldirektion für Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission und Mitglied der Troika, die Portugals Wiederaufschwung überwacht. Der pro-Kopf Verbrauch in vielen Ländern übersteige die wirtschaftliche Leistung, so Kröger.

Die düstere Voraussage erfolgt zu einer Zeit in der sich die Märkte stabilisiert haben. Monatelang hatten sie mit Turbulenzen über Staatsschulden und Zerwürfnisse innerhalb der Euro-Zone zu kämpfen. Um der Wirtschaft Liquidität zu verschaffen, hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken der Euro-Zone in den letzten Monaten etwa eine Billion Euro an Darlehen mit niedrigen Zinssätzen für drei Jahre bereitgestellt.

Kröger und andere Analysten nahmen am Donnerstag (8. März) auf einer von EURACTIV veranstalteten Podiumsdiskussion teil, welche von dem deutschen Versicherungskonzern Allianz gesponsert wurde. Dort erklärten die Wirtschaftsexperten, dass es eine große Unsicherheit über die Entwicklungen in der Euro-Zone im Jahr 2012 gebe. Die Allianz gab eine vorsichtige Wachstumsprognose von 0,3 Prozent für den Währungsraum ab – eine der optimistischeren Einschätzungen. Die EZB prognostizierte letzte Woche einen Wachstum des BIPs von zwischen -0,5 und 0,3 Prozent für 2012.

Haushaltsdefizite nicht das einzige Problem

Michael Heise, Chefökonom der Allianz, wies auf Ergebnisse aus dem Euro Monitor 2011 hin, der die Länder nach ihrer wirtschaftlichen "Ausgeglichenheit" einstuft. Er sagte, dass die Indikatoren breiter gefasst seien als diejenigen, die im Kommissionsbericht verwendet wurden, da die Allianz keinen "politischen Restriktionen" ausgesetzt sei.

Neben Faktoren wie Staatsschulden und Leistungsbilanzen bezieht der Bericht Wechselkurse und Schwankungen des Immobilienmarktes mit ein. Immobilienspekulationen waren ein wesentlicher Faktor in der Finanzkrise in Spanien und Irland.

"Diese makroökonomischen Ungleichgewichte waren im Zentrum der Krise, die in der Euro-Zone stattgefunden hat", sagte Heise. "Wir tendierten dazu, diese ziemlich gefährlichen Ungleichgewichte im letzten Jahrzehnt zu übersehen und uns hauptsächlich auf die finanzpolitischen Probleme zu fokussieren, die natürlich Inhalt des Stabilitäts- und Wachstumspakts – der berühmten Schuldengrenze von drei Prozent – waren."

Die Tatsache, dass viele Länder Werte zwischen 0 und 3 Prozent erzielten, hat sie jedoch nicht vor der immensen Krise, die tatsächlich stattgefunden hat, bewahrt“, fügte er mit einem Verweis auf die Fälle Spanien und Irland hinzu.

EU-Regelungen bedeuten "wirtschaftlichen und politischen Selbstmord"

Die EU-Chefs sind für ihre Herangehensweise an die finanzpolitischen und wirtschaftlichen Probleme in die Kritik geraten, da sie trotz zunehmender Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation hauptsächlich auf Haushaltsdisziplin fokussiert seien.

Heise argumentierte, dass der neue Fiskal-Vertrag, der von den EU-Chefs abgesegnet worden ist, zwar "ein Schritt nach vorne" und "rasch" erstellt worden ist, "aber nicht das historische Ereignis darstellt, als das es viele politische Entscheidungsträger beschrieben haben". Zudem sei er gegenüber Versuchen, die Haushalte nur über Sanktionen auszugleichen, skeptisch.

Guntram Wolff, stellvertretender Direktor des Brüsseler Think-Tanks Bruegel, unterstützte diese Auffassung. Er sagte, dass für viele Länder der notwendige Haushaltsausgleich "unmöglich" ist. Er nannte das Beispiel Spanien, wo nach EU-Regeln ein Rückgang des Defizits von vier Prozent des BIP dieses Jahr durch Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen erwartet werde. Doch diese Maßnahmen würden die bereits hohe Arbeitslosenquote schnell weiter erhöhen. Die Quote überschritt im Januar die 23 Prozentmarke, wobei die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 50 Prozent liegt.

"Die Regeln der Euro-Zone verlangen ausgeglichene Haushalte und eine Haushaltskonsolidierung auf nationaler Ebene. Dies bedeutet jedoch gleichzeitig einen wirtschaftlichen und politischen Selbstmord für das Land selbst", sagte Wolff.

Als Deutscher, der "ein wenig in den Geschichtsbüchern gelesen" hat, wisse er, dass es Phasen gibt, in denen man die Arbeitslosigkeit nicht weit über die Quote steigern möchte, die sie schon inne habe. Es sei möglich, dass die Kommission Spanien für dieses Jahr eine Verzichtserklärung über Budgetregeln gebe, mit der Berufung auf "außergewöhnliche" Umstände.

Der Allianzbericht deute aber auch darauf hin, dass einige makroökonomische Ungleichgewichte behoben werden. 12 der 17 Euro-Länder hätten ihre Position 2011 im Allgemeinen verbessert.

Wolff erklärte, dass Umstrukturierungen viel zu langsam stattfänden. Das Tempo sei "sehr mäßig im Vergleich zu dem, was wir brauchen". Er sagte, dass verschiedene Ebenen der realen Inflation in den Ländern der Euro-Zone nötig sind, bei denen Löhne und Preise im Norden schneller steigen während sie im Süden stabil bleiben.

Angesichts der Zeit, die die EZB den Chefs der Euro-Zone gekauft hat, fände die notwendige Umstrukturierung nicht schnell genug statt. Wolff sagte, dass die Banken "vollständig von der Liquidität der EZB abhängig geworden sind. In drei Jahren werden wir die gleichen Diskussionen haben, weil die Grundlagen sich sehr langsam entwickeln."

Unterschiede zu den USA

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion erklärten, dass die deutlichen Unterschiede zwischen der Euro-Zone und den Vereinigten Staaten eine Ursache von Schwierigkeiten seien. Heise sagte, die Vereinigten Staaten hätten "für viele, viele Jahre übermäßig viel konsumiert. Sie haben das Privileg, eine Weltwährung auszugeben, die überall auf der Welt von Investoren akzeptiert wird und die diese Art des Überkonsums in den Vereinigten Staaten finanziert." Daraus resultiere, dass Amerika fähig ist, die aktuellen massiven Leistungsbilanzdefizite und Defizite im öffentlichen Sektor zu finanzieren.

Der Euro ist seit seiner Einführung 1999 zu einer globalen Währung angestiegen und macht heute über 25 Prozent der internationalen Währungsreserven aus. Er ist jedoch noch weit davon entfernt den Dollar vom Thron zu stoßen, der 60 Prozent der internationalen Reserven ausmacht.

Wolff argumentierte, das Level der erwarteten Budgetkürzungen in rückläufigen peripheren Volkswirtschaften sei zu hoch, angesichts des Fehlens eines föderalen Versicherungsprogramms nach amerikanischem Vorbild, das die Arbeitslosen auffängt und den Konsum ankurbelt.

"Wie viel fügen wir in Bezug auf die Steuerkraft auf der Euro-Zonen-Ebene, auf Länderebene, hinzu, um mit diesen schlimmen Schocks in einzelnen Mitgliedsstaaten umzugehen? Das ist die große Frage, die wir klären müssen", sagte er.

Es gab auch optimistische Äußerungen über den Euro. Heise erklärte, dass die Kosten eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone so hoch wären, dass – auch deutsche – Politiker eine gemeinsame Schuldenpolitik durch den Kauf von Euro-Bonds betreiben müssen.

Craig Willy, EURACTIV Brüssel

Links

EURACTIV Brüssel: Economists say euro crises may not be over (9. März 2012)

EURACTIV: Press Release – Economists warn of major uncertainty in eurozone at a EURACTIV panel discussion (9. März 2012)

Zum Thema auf EURACTIV.de

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Dokumente

Allianz: Euro Monitor 2011 (7.12.2011)