Paris - das neue Finanzzentrum der EU?
Deutschland ist zu passiv wenn es darum geht, mit Frankreich um die Rolle als führender Finanzstandort der EU zu konkurrieren, findet Hessens Finanzminister. Verliert Frankfurt an Macht?
Hessens Finanzminister Thomas Schäfer sorgt sich um die Rolle Deutschlands im Finanzgefüge der EU. Paris könne Frankfurt als Herz des Finanzmarkes ablösen, wenn Deutschland nicht verstärkt Banken aus Großbritannien anwerbe.
“Die EU-Regulierungspolitik darf nicht dazu führen, dass deutsche Interessen überrollt werden”, warnte der hessische Finanzressortchef Thomas Schäfer Ende April in einem Reuters am Freitag vorliegenden Brief an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Die französische Regierung werbe derzeit zwar um Deutschland als engen Partner in der EU. “Dabei ist eine EU-vereinheitlichte Regulierung und Aufsicht zum Nutzen Frankreichs Teil der französischen Strategie, Paris nach dem Brexit zum führenden Finanzstandort in der EU zu machen”, kritisierte der CDU-Politiker.
Hessen hat mit Frankfurt den größten Finanzplatz Deutschlands und buhlt mit Paris um Banken aus London, die über einen Umzug in die EU nachdenken, wenn Großbritannien aus der Staatengemeinschaft austritt und der Zugang zum europäischen Binnenmarkt für sie damit wohl verwehrt wäre.
Schäfer führte als Beispiele für das französische Engagement das Thema Euro-Clearing, den Ausbau der Finanzmarktaufsicht Esma in Paris und Treffen von Banken-Chefs mit Präsident Emmanuel Macron an. “Die Bundesregierung ist demgegenüber viel zu zurückhaltend bei Maßnahmen zur Verbesserung des Standorts.”
Schäfer fordert differenzierte Regulierungen für Banken
Nach Schäfers Meinung liegt der Maßstab für die einheitliche Regulierung in der EU bei den global tätigen Großbanken, zu denen mehrere französische Geldhäuser zählen. Das Konzept der Verhältnismäßigkeit bei den Einzelvorschriften sei dagegen im Grunde gescheitert. Jede Möglichkeit der Rücksichtnahme auf die Belange von Banken auf nationaler Ebene werde von den EU-Aufsichtsbehörden systematisch durch pauschale Leitlinien oder Empfehlungen konterkariert, monierte Schäfer.
Daran ändere auch die Diskussion um eine “Small Banking Box” nichts, bei der Sonderregeln für kleinere Institute wie Sparkassen und Volksbanken gelten sollen, die nicht systemrelevant sind. Schäfer forderte als Lösung unterschiedliche Regulierungs- und Aufsichtsmaßnahmen für systemrelevante und nicht systemrelevante Institute.