Pläne für Ernährungsstrategie: "Farm-to-Fork" nun auch in Deutschland

Bundesagrarminister Cem Özdemir will mit Plänen für eine Ernährungsstrategie die Ernährung der Deutschen gesünder und nachhaltiger machen. Der Ansatz ähnelt der "Farm-to-Fork"-Strategie der EU, doch Kritiker:innen empfinden die Pläne als bevormundend.

Euractiv.com
German Parliament session in Berlin
epa10196656 German Minister for Food and Agriculture Cem Ozdemir speaks during a session of the German Parliament in Berlin, Germany, 21 September 2022. EPA-EFE/FILIP SINGER [Filip Singer/EPA-EFE]

Bundesagrarminister Cem Özdemir will mit Plänen für eine Ernährungsstrategie die Ernährung der Deutschen gesünder und nachhaltiger machen. Der Ansatz ähnelt der „Farm-to-Fork“-Strategie der EU, doch Kritiker:innen empfinden die Pläne als bevormundend.

Der Grünen-Politiker stellte am Mittwoch (21. Dezember) Eckpunkte der geplanten Ernährungsstrategie vor, nachdem diese vom Bundeskabinett beschlossen worden waren.

„Ich möchte dafür sorgen, dass es für alle Menschen in Deutschland möglich ist, sich gut und gesund zu ernähren – unabhängig von Einkommen, Bildung oder Herkunft“, betonte Özdemir.

Mit der Ernährungsstrategie will die Bundesregierung die Transformation der Ernährungssysteme vorantreiben und die Ernährung in Deutschland gesünder und nachhaltiger gestalten.

Zu diesem Zweck sehen die Eckpunkte unter anderem vor, eine stärker pflanzenbasierte Ernährung zu fördern, den Zucker-, Fett- und Salzgehalt in verarbeiteten Mahlzeiten zu reduzieren und den Anteil saisonaler, regionaler und biologisch erzeugter Lebensmittel zu erhöhen.

„Gut zwei Drittel der Männer, ungefähr die Hälfte der Frauen und fast jedes sechste Kind in Deutschland sind übergewichtig“, betonte Özdemir.

Während konkrete Maßnahmen noch nicht feststehen, setzt die Strategie, die bis Ende 2023 vorgelegt werden soll, den Eckpunkten zufolge offenbar vor allem auf die Verbesserung der Gemeinschaftsverpflegung in Krankenhäusern, Schulen, Kitas, Pflegeheimen und Betriebskantinen.

Aus Özdemirs Sicht könnte die eine bessere Qualität der hier servierten Lebensmitteln auch positive Auswirkungen auf die Essgewohnheiten haben.

„Wer die Erfahrung macht, wie gut Obst, Gemüse oder Hülsenfrüchte schmecken, greift vielleicht seltener zum beliebtesten Kantinengericht der Deutschen, der Currywurst mit Pommes“, so Özdemir. Das schone die eigene Gesundheit, die Umwelt und das Klima.

Verbraucher:innen im Fokus

Zu den weiteren geplanten Maßnahmen gehören eine bessere Information der Verbraucher:innen über den Nährwert der Produkte im Supermarkt und Bemühungen um gesündere Rezepturen für Fertiggerichte, wobei in dem Papier nicht näher ausgeführt wird, ob dies durch gesetzliche Vorschriften oder Anreize geschehen soll.

Ähnlich wie bei der „Farm-to-Fork“-Strategie – dem Flaggschiff der EU für nachhaltige Lebensmittel – ist der Vorstoß für eine Ernährungsstrategie Teil des Bestrebens der deutschen Regierung, die gesamte Lebensmittelkette statt nur die Erzeugerseite in den Blick zu nehmen.

So wird in dem Papier das Ziel formuliert, die Lebensmittelverschwendung „entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ zu halbieren.

Außerdem heißt es, dass Maßnahmen auf der Verbraucherseite dazu beitragen können, das Ziel Deutschlands zu erreichen, bis 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften.

Bereits in ihrem Koalitionsvertrag vom vergangenen Jahr hatte sich die Bundesregierung verpflichtet, die Zukunftsstrategie ökologischer Landbau auf die gesamte Wertschöpfungskette auszuweiten und die Nachfrage nach Bioprodukten zu steigern.

Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2021 hat Özdemir deutlich gemacht, dass er kein reiner Minister „für die Landwirtschaft“ sein will, was auch mit der Namensänderung des Ministeriums zum „Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft“ signalisiert wurde.

Bevormundung der Verbraucher:innen?

Doch sowohl auf Erzeuger- als auch Verbraucherseite sind nicht alle mit den Plänen der Regierung zufrieden.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) begrüßte zwar grundsätzlich den Vorstoß für eine gesündere Ernährung und Lebensweise, bemängelte aber das Ziel, den Fleischkonsum zu reduzieren.

„Eine Diskriminierung bestimmter Lebensmittel lehnen wir […] ab“, so der stellvertretende Generalsekretär des Verbandes, Udo Hemmerling, in einer Mitteilung. „Staatliche Kampagnen gegen tierische Lebensmittel sind unangebracht.“

Özdemir versicherte jedoch: „Ich möchte den Leuten nicht vorschreiben, was sie essen sollen.“

Özdemirs Partei, die Grünen, haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen damit gemacht, in Sachen Ernährung als bevormundend wahrgenommen zu werden.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 löste ein Vorschlag für einen wöchentlichen „Veggie-Day“ in öffentlichen Kantinen eine Kontroverse aus und wurde weithin als ein Grund für den folgenden Absturz der Partei in den Umfragen sowie ihr Image als „Verbotspartei“ gesehen.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch bezeichnete Özdemirs Plan, bessere Qualitätsstandards für Kantinenessen einzuführen, unterdessen als reinen „PR-Gag.“

„Statt mit wirksamen Maßnahmen Fehlernährung insbesondere bei Kindern entgegenzuwirken, enthält seine Strategie viele leere Worte und wenig Neues“, erklärte Chris Methmann, Leiter von Foodwatch Deutschland, in einer Stellungnahme.

[Bearbeitet von Alice Taylor]